Kultur | 09.06.2014

Neue Perspektiven dank 3D?

Text von David Bucheli
Der 3D-Film spaltet das Kinopublikum: ein unnötiger Spezialeffekt oder doch die dritte Revolution nach dem Ton- und dem Farbfilm? Schreiben die dreidimensionalen Effektorgien aus Hollywood nur schwarze Zahlen oder tatsächlich Kinogeschichte? Das Bildrausch-Filmfest in Basel suchte nach Antworten und erforschte das kreative Potential von Digital-3D.
3D als Technik der Bewusstseinserweiterung in Edgar Pêras "Cinesapiens". zVg / Bildrausch Filmfest Basel

Die Legende ist so alt wie das Kino selbst: 1895 laden die Gebrüder Lumière im Keller eines Pariser Cafés zur ersten öffentlichen Filmvorführung überhaupt. Als sich in dem verdunkelten Raum die Schwarz-Weiss-Ansicht auf den Bahnhof von La Ciotat auftut, gerät das Publikum in Unruhe. Ein einfahrender Zug scheint aus der Leinwand direkt in den Zuschauerraum zu donnern, die Menge ergreift panisch die Flucht und sucht Deckung vor der vermeintlich herannahenden Dampflok.

 

Der Traum von der dritten Dimension

Dieser Geburtsmythos des Kinos geht viel wahrscheinlicher auf das Vermarktungsgeschick der Lumières als auf tatsächliche Begebenheit zurück. Gerade deshalb erzählt er uns mehr über die Zukunft als über die Ursprünge der siebten Kunst. Der Zug, der aus der zweidimensionalen Leinwand in den dreidimensionalen Raum vorstösst, wurde zum Sinnbild einer Kinoerfahrung, von der Filmemacher seit den Lumières immer wieder geträumt haben.

 

So ist die Filmgeschichte reich an gescheiterten 3D-Experimenten. Die Technik wurde immer dann interessant, wenn das Kino in der Krise steckte. In den 50er-Jahren zum Beispiel, als das bewegte Bild mit dem Fernseher in den Privathaushalt einzog. Oder 2009, als Hollywood ausser Fortsetzungen, Remakes und Prequels kaum noch etwas in den Sinn kam und die Traumfabrik obendrein gegen Raubkopien und Filmpiraterie ankämpfte.

 

Der Hype um die 3D-Technik ist heute merklich abgeflaut. Mitschuldig sind nicht zuletzt inflationäre Superhelden-Blockbuster, die im herkömmlichen Verfahren gedreht und erst in der Postproduktion auf 3D gebürstet werden. Aus dem Spektakel wurde Standard – jedoch ein sehr lukrativer Standard, zumal die neue Technologie auch erhöhte Eintrittspreise rechtfertigt und Hollywood so zu Milliardenumsätzen verhilft.

 

Gravity und der Raumfilm als Wahrnehmungslabor

Dass 3D mehr sein kann als ein aufgepfropfter Spezialeffekt im Dienste raffgieriger Hollywoodproduzenten, demonstrierte das diesjährige Bildrausch-Filmfest. Zusammen mit dem Seminar für Medienwissenschaften an der Universität Basel entstand die Programmreihe Wahrnehmungslabor 3D, die sich ganz dem dreidimensionalen Kino mit digitalem Vorzeichen verschrieben hatte.

 

Eröffnet wurde das Spezialprogramm mit dem (Welt-)Raumfilm Gravity, der trotz Starbesetzung und Oscar-Triumph perfekt an das experimentell ausgerichtete Bildrausch-Festival passt. Sandra Bullock und George Clooney trudeln als Astronauten hilflos durch die Erdumlaufbahn, nach dem sie bei Reparaturarbeiten am Hubble-Teleskop von einem Weltraumschrott-Schauer überrascht wurden. Die ersten 15 Minuten kommen dabei ganz ohne Schnitt aus, die Kamera kreist schwerelos durch den Raum, in dem es kein unten und oben mehr gibt. Die 3D-Technik steigert dieses Schwindelgefühl zusätzlich, betont die Rahmung der fotorealistisch animierten Bilder durch die Leinwand und sprengt diese gleichzeitig in der Entgrenzung zwischen Filmraum und Kinosaal.

 

Neue Perspektiven

Matthias Wittmann, Mitinitator des Wahrnehmungslabors, lud das Publikum in seinem Vorwort zu Gravity zum experimentieren ein. Denn die vielgescholtene 3D-Brille hat den Vorteil, dass jede Zuschauerin und jeder Zuschauer die Kontrolle über die digitale Raumillusion behält. Drücken wir beispielsweise ein Auge zu, wird aus 3D wieder 2D. Legen wir die Brille ganz ab, sehen wir doppelt: zwei übereinander gelagerte Bilder, von denen eigentlich jedes nur für eines unserer Augen bestimmt wäre. Und setzen wir uns die Brille verkehrt herum wieder auf, tauschen unsere Augen die Perspektiven. Der interessante, aber Kopfschmerzen verursachende Effekt: Vorder- und Hintergrund wechseln die Plätze!

 

So zeigt sich im spielerischen Umgang mit der technischen Anordnung ihr wahres kreatives Potential. Das liegt nicht alleine bei den Filmemachern, sondern auch in der Hand (bzw. auf der Nase) des Zuschauers. Die dritte Dimension als Schnittstelle zum interaktiven Film, wo sich die individualisierte Seherfahrung und der Massenabfertigungscharakter des Kinos nicht mehr ausschliessen müssen. Das könnte nach dem Ton- und dem Farbfilm die “dritte Revolution” sein, die Hollywood-Mogul Jerry Katzenberg vermeintlich voreilig ausgerufen hat.

 

Taktiles Reliefkino in Cave of Forgotten Dreams

Auf seine ganz eigene Weise nutzt Werner Herzog die 3D-Technik in Cave of Forgotten Dreams. Die Dokumentation über die 32-˜000 Jahre alten Wandmalereien in den südfranzösischen Chauvet-Höhlen ist gleichzeitig ein Making of ihrer selbst. Weil sich das vierköpfige Filmteam nur auf den 60 Zentimeter breiten Metallstegen durch die Höhle bewegen darf, können Herzog und seine Crew gar nicht anders, als sich selbst beim Filmen zu filmen. Doch gerade diese Bedingungen schaffen eine Form von Authentizität, ohne die der surrealen Schönheit dieses Natur- und Kulturdenkmals nicht beizukommen wäre.

 

3D dient hier zur plastische Darstellung der Höhlenwände mit all ihren Dellen und Ausbuchtungen, ausgenutzt von den steinzeitlichen Künstlern zur Verräumlichung ihrer Malereien. Auch sie träumten schon den lumièrschen Traum vom Ausbruch aus der Zweidimensionalität, was den Filmtitel Lügen straft: Die Träume, die die Chauvet-Höhlen auf so bemerkenswerte Weise konserviert haben, sind keineswegs vergessen. Sie sind so aktuell wie eh und je und angesichts dieses Films sogar in Erfüllung gegangen.

 

Hugo: Filmgeschichte reloaded

Ums Kino und nur ums Kino dreht sich alles in Martin Scorseses Hugo. Der Regie-Altmeister und leidenschaftliche Filmhistoriker widmet sich ausgerechnet in digitalen 3D-Bildern dem Leben und Werk des Stummfilm-Pioniers George Méliès. Dieser ging mit wegweisenden Science-Fiction- und Fantasy-Filmen in die Geschichte ein – prägte also just jene Genres, in denen heute das 3D-Verfahren besonders eifrig angewendet wird. Scorsese zeigt in detailverliebten Rückblenden das gläserne, weil auf Tageslicht angewiesene Studio von Méliès als sprichwörtliche Traumfabrik. Theater- und Filmtricks verband der einstige Bühnenmagier zu zelluloidgebannten Gesamtkunstwerken, die bis heute nichts von ihrem Zauber verloren haben.

 

In Hugo sind einige dieser Filme fragmentarisch und teilweise in 3D eingestreut. Scorsese macht dafür den vielfach kritisierten Cardboard-Effekt zur Tugend: Der Eindruck hintereinander gestaffelter, scherenschnittartiger Flächen, wie ihn 3D-Filme zuweilen erzeugen können, wird hier ganz bewusst als Hommage an Méliès eingesetzt. Dessen Pappkulissen waren im Studio tatsächlich wie aufklappbare Bilderbücher angeordnet, erzeugten im fertigen Film jedoch eine ungeheure Tiefe.

 

Entfesselte Bilder

Scorseses Liebeserklärung an das frühe Kino schärft unseren Blick dafür, wie jede neue technische Dimension des Films auch ein anderes Licht auf seine Vergangenheit wirft. Es scheint heute kaum nachvollziehbar, wie man den tonlosen, schwarz-weissen Zug von La Ciotat überhaupt für echt halten konnte. In Hugo wird diese Urlegende des Kinos nicht nur reinszeniert, sondern auch in digitale 3D-Gegenwart katapultiert: Mehrfach lässt Scorsese einen Zug direkt auf den jugendlichen Titelhelden (und das Filmpublikum) zurasen. Einmal, bezeichnenderweise in einer Traumsequenz, kommt es zur Entgleisung. Der Zug poltert durch die Vorhalle des Pariser Bahnhofs Montparnasse direkt gegen die Wand – und durch sie hindurch! 3D hat die Lumière-Lok endgültig entfesselt.