Kultur | 20.06.2014

Geile Kunst

Text von Yara Gut | Bilder von Yara Gut
Tink.ch-Reporterin Yara Gut versteht - gemäss eigenen Angaben - herzlich wenig von Kunst. Trotzdem wagte sie sich für tink.ch an die Basler Gegenwartskunst-Show "Scope". Während ihrer investigativen Recherche fand sie heraus: Auch wer an Kaffee denkt, wenn von "Expressionismus" die Rede ist, kann Kunst geniessen.
Geile Eier an der Scope Show 2014.
Bild: Yara Gut

Die Art Basel 2014 hat begonnen. Und so wie sich Gewisse über die WM freuen, werfen jetzt andere ihre Perrets in die Luft und wischen Freudetränen hinter dicken Brillengläsern ab. Ganz schön klischiert? Tja.

 

Ich bin Kunstbanausin, bezüglich der “Fine Arts” reicht mein Bildungshorizont gerade knapp bis zu den Klischees. Wenn ich mir ein rotes Quadrat von Mark Rothko ansehe, – selbstverständlich musste ich dieses Name-Dropping googlen –, dann denke ich bestenfalls an Pizza. Eventuell maule ich in solch einem Moment sogar etwas von wegen “das könnte ich ja auch”, und kassiere dann von offensichtlich gescheiteren Menschen die Standardschimpfe für solche Dummheiten: Darauf komme es nicht an. Im Sinne einer Bildungsreise begab ich mich also dieses Jahr zum ersten Mal an eine dieser Kunstmessen – gewappnet mit hauseigenem Zynismus, einer guten Portion Vorurteile und dem schlummernden Bedürfnis, etwas zu sehen, das vielleicht sogar ich und all die anderen Kunstbanausen da draussen verstehen.

 

Erste Fragezeichen

Mein Kunstdebüt gab ich an der Scope. Hier habe ich schon ein bisschen was von gehört – Leute mussten weg und Wagenplätze wurde geräumt. Dort wo es angeblich viel Platz für Parkplätze brauchte, sehe ich vor meinem geistigen Auge Strohbälle vorbeirollen. Hier drängen sich Fragen auf: Was ist Kunst? Und braucht sie Parkplätze? Ich fühle mich kritisch und will mir lobend die Schulter tätscheln.

 

In der Ausstellung selbst ist dann endlich das da, was die meisten Menschen wohl als Kunst verstehen. Ich bin vorerst etwas eingeschüchtert. Offensichtliche Kenner gestikulieren wild vor weissen Bildern, die mir mit viel Fantasie bestenfalls ein winterliches Gefühl vermitteln. Ich merke schnell, dass ich wohl ein leicht zu beeindruckendes Gemüt habe. Wo ich stehen bleibe, anerkennend nicke und ein ernstes Gesicht mache, laufen viele schnurstracks vorbei. Hindert mich mein mangelndes Fachwissen daran, Kunst so zu würdigen, wie sie es verdient hätte? Für mich tun sich hier keine Welten auf, ich bin nie gedankenverloren und zum Schmunzeln bringt mich nicht der clever gesetzte Pinselstrich auf einem überdimensionalen Gemälde, sondern die leise Ironie, wenn in einer Galerie blau angemalte “semi precious” Steine für 300 Euro verkauft werden.

 

Geilheit liegt im Auge des Betrachters

Mit dem bitteren Wunsch, endlich irgendwo eine tiefgründige Botschaft zu entdecken, wird der Messebesuch zunehmend anstrengend.  Gerade als ich vor einer Kugel aus hübsch verzierten Eiern stehe, und über die Schönheit der Welt und ihre Zerbrechlichkeit nachzudenken versuche, da passiert es. Zwei Kinder treten aufgeregt neben mich vor den Eier-Globus und quietschen verzückt: “Geeeeeeeeil!”.  Und der Groschen fällt: Es gibt kein universelles Kunstverständnis. Für die einen ist  expressionistisch was für die anderen geil ist. Wir müssen nicht die eine Botschaft hinter einem Objekt erkennen. Vielleicht ist es für alle eine andere. Vielleicht gibt-˜s keine. Mit dieser Erkenntnis kann ich der Scope viel mehr abgewinnen. Den Rest meines Besuches bleibe ich manchmal stehen, manchmal nicht – ganz egal, ob das andere auch tun. Hauptsache, es gefällt.