Gesellschaft | 21.06.2014

Gay Cops: Regenbogen im Polizeirevier (Kopie 1)

Dass es bei der österreichischen Polizei homosexuelle, bisexuelle und transgender Beamte gibt, wurde lange Zeit unter den Teppich gekehrt. Aus Angst vor Diskriminierung trauen sich bis heute nur wenige, sich vor ihren Kollegen zu outen. Josef Hosp, stellvertretender Obmann des Vereins "Gay Cops Austria", erzählt von Klischees, Mobbing und verbesserungswürdigen Gesetzen.
Immer noch provokant: Graffiti-Motiv von Banksy.
Bild: flickr.com/sfslim "Mit den Armen zu fuchteln, liegt mir nicht", sagt Joseph Hosp. Rebecca Steinbichler Dieser Artikel wurde von unserem Partnermagazin mokant.at entweder für tink.ch verfasst oder zur Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Josef Hosp hat ein Problem. Nicht, weil er homosexuell ist. Vielmehr deshalb, weil er Polizeibeamter ist. Polizist-Sein und Schwul-Sein verträgt sich nämlich nicht gut, zumindest nicht in Österreich. Gelernt hat er das auf die harte Tour.

 

Denkt man in Klischees, findet man bei Josef Hosp nicht viel Angriffsfläche. Der bodenständige 55-Jährige mit dem grauweissen Vollbart gibt auf den ersten Blick weder den unerbittlichen Hüter des Gesetzes noch den überzogenen Quoten-Homosexuellen. “Ich bin sicher nicht der typische Schwule, wie man ihn aus Fernsehserien kennt”, meint er. “Mit den Armen zu fuchteln, mir die Nägel zu lackieren oder herum zu quietschen liegt mir einfach nicht.” Erst als sich der einzige geoutete Polizist Vorarlbergs einen Schluck von seinem alkoholfreien Feierabendbier genehmigt, blitzt ein Indiz für seine sexuelle Orientierung an seinem rechten Handgelenk hervor: Ein regenbogenfarbenes Armband. Er trägt es aus Solidarität zur Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgender-Gemeinschaft (LGBT). Auch im Polizeidienst: “Die meisten kennen diese Verbindung eh nicht. Aber manchmal sieht es jemand und lächelt mir zu.”

 

Beziehungen zu Frauen scheiterten

Dass ihn Männer mehr interessieren als Frauen, merkte Josef Hosp mit etwa 17 Jahren. Davor hatte er einige Male versucht, Beziehungen mit Frauen zu führen. Doch das Gefühl, dass etwas fehlte, liess sich nicht abschütteln. Als er sich seine Homosexualität schliesslich eingestand, war das für ihn der Beginn einer sehr schwierigen Zeit – schliesslich wurde Homosexualität damals von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch als psychische Krankheit eingestuft: “Ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Es gab ja noch kein Internet und auch keine Lokale, die ich besuchen konnte.”

 

Was es gab, waren ein paar Zeitungen, doch in Vorarlberg war die Gefahr zu gross, beim Kauf einer solchen erkannt zu werden. Erst als er aus beruflichen Gründen ab und zu in Wien war, startete Josef Hosp den Versuch, ein einschlägiges Lokal aufzusuchen. Oft stand er mit klopfendem Herzen vor der Tür, bis ihn der Mut dann doch verliess. “Irgendwann war es dann aber so weit und ich habe gemerkt: Hier fühle ich mich zuhause.”

 

Outing in den 90er-Jahren

Damals war Josef Hosp noch nicht bei der Polizei, sondern Zollwachbeamter in Feldkirch. Er machte seinen Job gut. Das ständige Leben in zwei verschiedenen Welten kostete ihn allerdings viel Energie und Lebensqualität – bis er 1991 genug hatte. Auf einem Lehrgang für dienstführende Beamte in Wien kamen von Kollegen immer wieder Sticheleien: Es sei doch merkwürdig, dass er mit fast 30 Jahren immer noch unverheiratet sei. Eines Abends in einer Lokalrunde fasste er schliesslich den Entschluss, sich offen vor allen zu seiner Homosexualität zu bekennen: “Ich hab mir gedacht: Einfach aufräumen und dann ist endlich Ruhe.”

 

Doch Ruhe war dann nicht. Tags darauf wurde Hosp in die Schulkanzlei zitiert. Zwei Lehrer erklärten ihm, man wünsche, dass nicht über dieses Thema geredet werde. Sie gaben ihm ausserdem zu verstehen, dass sich seine sexuelle Orientierung negativ auf sein Fortkommen im Lehrgang auswirken könne – beweisen kann er das im Nachhinein nicht.

 

Schlussstrich durch Dienstwaffe

Zurück bei der Zollfahndung in Feldkirch wurde ihm von seinen Bereichsleitern mitgeteilt, dass inzwischen ein Schreiben gegen ihn vorliege. Es wäre eine Zumutung, mit ihm in den Aussendienst zu gehen, weil man sich dann ständig für seine sexuelle Orientierung rechtfertigen müsse. Darunter befanden sich die Unterschriften jedes einzelnen seiner Kollegen.

 

Daraufhin wurde Josef Hosp in den Innendienst versetzt. Das Mobbing blieb aber bestehen und führte zu starken Selbstzweifeln. Auch sein damaliger Partner spürte seine Unsicherheit und schliesslich zerbrach die Beziehung. “An meinem Tiefpunkt saß ich mit meiner Dienstwaffe in der Hand im Büro und fragte mich: Soll ich oder soll ich nicht?”, erinnert sich Hosp. In dieser Situation fand ihn eine Reinigungsdame vor. “Sie hat mich angesehen und gesagt: ‘Leg das mal zur Seite, wir gehen einen Kaffee trinken. Wenn du meinst, kannst du nachher immer noch.'”

 

Lebensaufgabe durch die Gay-Cops

Seit diesem Zeitpunkt sind etwa zwei Jahrzehnte vergangen und trotz dieser Erfahrung würde sich Hosp jederzeit wieder outen. In der Zwischenzeit hat sich vieles zum Positiven gewendet: Von seinem nächsten Vorgesetzten erhielt Josef Hosp volle Rückendeckung und auch, als 2004 die Zollwache aufgelöst wurde und er zur Polizei wechselte, gab es keine Probleme.

 

Als drei Jahre darauf der Verein Gay Cops Austria rund um den damaligen Obmann Ewald Widi gegründet wurde, markierte dies den Beginn einer Lebensaufgabe, wie Hosp sagt. Der Verein dient als Anlaufstelle für schwule, lesbische und transidente Polizeibeamte und bekämpft gleichzeitig Vorurteile innerhalb der Polizei. Er zählt derzeit etwa 70 Mitglieder, von denen rund 30 Prozent geoutet sind sowie zahlreiche User mit anonymen Nicknamen.

 

“Bin stark genug, mich selbst zu schützen”

Als Josef Hosp sich bei den Gay Cops zu engagieren begann, wurde das von seinen Vorgesetzten anfangs nicht gut geheissen: “Bei einem persönlichen Gespräch wurde mir gesagt, ich solle damit nicht an die Öffentlichkeit gehen. Man wolle mich vor der Bevölkerung und negativen Einflüssen schützen”, erzählt er. “Ich denke aber, ich bin stark genug, mich selbst zu schützen und mittlerweile ist es überhaupt kein Thema mehr, dass ich für Vereinsangelegenheiten die Uniformtragerlaubnis und Sonderurlaub erhalte.” Besonders freut ihn, dass die Gay Cops ihren Verein mittlerweile in Polizeischulen vorstellen und Schulungen halten können: “So werden gerade bei den jungen Kollegen sehr viele Ängste schon vorab abgebaut.”

 

Die Landespolizeidirektion (LPD) Vorarlberg bestätigt diese Entwicklung in Richtung Offenheit und Toleranz. “Das Verhältnis zwischen der LPD und den Gay Cops Austria ist sehr gut”, betont Pressesprecherin Susanne Dilp. “Die Gesellschaft entwickelt sich weiter und bei der Polizei ist grundsätzlich jeder willkommen, unabhängig von sexueller Orientierung, Religion oder anderen Faktoren. Sollte es trotzdem zu Problemen kommen, dienen Gleichbehandlungsbeauftragte in den Bundesländern als Ansprechpartner.”

 

Positive Erlebnisse überwiegen

Als stellvertretender Obmann vertritt Josef Hosp die Gay Cops Austria mittlerweile auf Veranstaltungen in ganz Europa – ob Regenbogenball in Wien oder offiziellem Staatsempfang in Irland. Im Jahr 2012 nahmen die Gay Cops gemeinsam mit 70 Teilnehmern aus ganz Europa bei der Regenbogenparade in Wien teil. Dieses Jahr konzentrieren sie sich auf ihren Infostand bei der Pride Village am Rathausplatz. Dort werden Josef Hosp und seine Kollegen wie schon im Vorjahr über ihre Lebensweise informieren und mit Klischees aufräumen, indem sie geduldig immer wiederkehrende Fragen beantworten (“Ja, wir sind echte Polizisten.” Oder: “Nein, wir müssen uns nicht überlegen, ob wir ‘der Mann’ oder ‘die Frau’ in einer Beziehung sind.”)

 

Erlebt hat Josef Hosp auf solchen Events schon einiges, neben Beleidigungen wie “Ihr gehört verbrannt!” überwiegen für ihn aber eindeutig die positiven Erlebnisse. Er treffe dort zum Beispiel auf Menschen, die bisher nie mit solchen Themen umgehen konnten und nun ein besseres Verständnis entwickeln wollen. “Ich habe auch lesbische und schwule Paare getroffen, die 60 Jahre und älter sind und jetzt urplötzlich Hand in Hand durch die Stadt laufen können. Das ist eine schöne Entwicklung und ich bin stolz, wenn ich dazu einen Teil beitragen kann”, erzählt er.

 

“Für FPÖ war sexuelle Orientierung nie Thema”

Trotz dieser Entwicklungen findet Josef Hosp nicht, dass Österreich in Sachen Gleichberechtigung am Ziel angelangt ist. Innerhalb der Polizei seien homosexuelle Beamte immer noch mit diskriminierenden Vorfällen konfrontiert – von Schwulenwitzen aus der untersten Schublade über gezielt homophobe Kommentare bis hin zur Ablehnung, sich in denselben Dienstwagen zu setzen wie ein homosexueller Kollege. “Das liegt daran, dass diese Lebensweise in den Köpfen vieler Menschen nur auf das Sexuelle reduziert wird”, kritisiert Hosp.

 

Auch allgemeine gesetzliche Regelungen wie die um die eingetragene Partnerschaft seien verbesserungswürdig. Nach dem Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest habe es zwar Versprechungen seitens der Politik gegeben, jedoch befinde sich Österreich nach wie vor europaweit im hinteren Feld: “Es ist schade, dass der Staat meist nur dann reagiert, wenn er von der EU zu Angleichungen im Gesetz gezwungen wird. Gerade mit dem momentanen Rechtsdrang in der Politik wird die Antipathie wieder geschürt.”

 

Hört man Josef Hosp vom Rechtsdrang reden, würde man kaum glauben, dass er früher Chef der Freiheitlichen Zollgewerkschaft war. Geoutet war er auch in seiner Zeit als FPÖ-Funktionär: “Als ich Anfang der 80er-Jahre dort angefangen habe, kannte ich die Regierungsmannschaft persönlich und sexuelle Orientierungen waren kein Thema.” Die anderen Parteien – Schwarz und Rot – seien für ihn einfach keine Alternative gewesen und auch als dann die Grünen aufkamen, konnte er diese damals nicht mit seiner Lebensweise in Verbindung bringen.

 

“Mit Jörg Haider schwankte die Stimmung dann in eine Richtung, dass gehetzt wurde”, erinnert sich Hosp. Seitdem ist er nicht mehr politisch tätig und auch der Verein der Gay Cops Austria will sich an keine Partei binden. Vielmehr hält sich der Verein an eine Politik der Öffnung und Akzeptanz. “Wichtig ist uns, den Menschen zu zeigen, dass wir zueinander stehen und so, wie wir sind, ein erfolgreiches berufliches und privates Leben führen können”, betont Hosp. Er selbst lebt seit einem Jahr mit seinem Partner zusammen, der ihn in seinem Engagement für die Gay Cops tatkräftig unterstützt.