Gesellschaft | 01.06.2014

Eiskalter Senkrechtstart

Text von Louisa Merten | Bilder von zvg
Viele Geschichten ranken sich um sie. Sie wird massenweise kopiert und doch ist ihr Rezept bis heute geheim. Die Rede ist von der "Rakete", der berühmtesten Schweizer Glace schlechthin.
Die Raketenglace -“ immernoch der Renner.
Bild: zvg

21. Juli 1969. Mit den Worten “Ein kleiner Schritt für einen Menschen, doch ein grosser Schritt für die Menschheit” betrat Neil Armstrong als erster Mann den Mond – eine Weltsensation. Auch für die Tiefkühl- und Glace-Firma Frisco, die dazu extra eine Wasserglace kreierte. Dies war die Geburtsstunde der Raketenglace – einer Glace, die die erfolgreichste und meistverkaufte Glace auf dem Schweizer Markt-, ja ein Kultobjekt werden sollte.

 

Heute kopieren viele Firmen die berühmte Glace, die Anfragen bei Frisco für Bemusterungen des Raketen-Sujets häufen sich und Fans drucken sich Bilder von Raketenglacen auf ihre T-Shirts. Die Raketenglace ist überall anzutreffen.

 

Günstig, günstiger, Rakete

Mit 90 Rappen Verkaufsempfehlung gehört die Raketenglace zu den billigsten Glacen in der Schweiz. “Rakete ist ein Produkt, das von Grund auf relativ günstig war”, erklärt Marketingexperte Andreas Rodel. Von den anfänglichen 30 Rappen ist der unverbindliche Verkaufspreis bis heute teuerungsbedingt auf 90 Rappen gestiegen. “Wir sehen zu, dass wir den Verkaufspreis auf diesem Niveau halten können. Wenn die Rohstoffe unserer rein natürlichen Zutaten teurer werden, müssen wir eventuell Preisanpassungen machen”, meint Rodel. Die Raketenglace ist mit ihren 50 Millilitern Inhalt auch eine der kleinsten Glacen auf dem Markt. Sie hat nur zwei Aromen, Orange und Ananas, und etwas Schokolade an der Spitze. Eine besondere Motivation für den Spottpreis der Raketenglace besteht laut Frisco darin, das Taschengeld der Kinderkundschaft zu schonen. Nicht zuletzt geht es aber natürlich um die Konkurrenz. Denn obwohl Frisco behauptet, eine bessere Qualität zu bieten als die Konkurrenz, ist es natürlich ein Wettbewerbsvorteil, den Preis möglichst tief zu halten.

 

Kopieren erlaubt?

Laut Frisco sind die Namen Rakete Fuseé und Razzo geschützt, ebenso das Raketenbild auf der Verpackung. Wer aber von der Form her dieselbe Glace herstellt, sie beispielsweise Apollo oder Rocket tauft, und dabei nicht das Frisco-Raketenbild verwendet, bewegt sich im legalen Bereich. Wahrscheinlich einer der Gründe, wieso viele Nachahmungen in anderen Farben oder ohne die Spitze aus Schokolade zu finden sind. Um zu sehen, wie das Original produziert wird, ist ein Besuch in der Glacefabrik nötig.

 

Zu Besuch bei Frisco in Rorschach

Die Fabrik Frisco Findus in Rorschach wurde vor über 50 Jahren als Tochtermarke von Coro (Conservenfabrik Rorschach) gegründet. Sie war die erste Fabrik der Frisco-Kette . Damals lagerte Frisco noch Kühlobst und Gemüse. 1960 war die erste Glace von Frisco auf dem Markt. Neun Jahre später wurde die Raketenglace erfunden und von diesem Zeitpunkt an ging es aufwärts mit Frisco – so sehr, dass Nestlé das Unternehmen vor 34 Jahren übernahm.

 

Wer die Fabrik in der Erwartung betritt, arktische Temperaturen anzutreffen, täuscht sich. In den Hallen herrschen angenehme Temperaturen von bis zu 20° Celsius. Pro Jahr werden dort acht bis zehn Millionen Raketenglacen produziert.

 

Unveränderter Produktionsablauf seit 1969

26-˜000 Raketenförmchen werden – deutlich – zur Hälfte mit Ananasglace gefüllt. Danach kommt ein Geruch von Orange auf, die Orangenglace wird beigegeben. Hunderte von Glacestäbchen werden, dicht nebeneinanderliegend, zu den Glacen hochgefahren und hineingesteckt. Dick und zähflüssig wird nun die Schokolade für den Schokoladenspitz angerührt. Anschliessend wird die Raketenglace kurz hineingetaucht. Sie erinnert immer mehr an das bekannte Endprodukt. Grosse Rollen aus Glacepapierchen wickeln sich ab und die Glace wird auf die Seite gedreht Ein Glacepapierchen umfasst die Glace von unten – wird hochgezogen und oben versiegelt – fertig. Die meisten Glacen werden maschinell in Kartons verpackt und per Lastwagen an grössere Kunden geliefert. Ein Computer berechnet anhand des Gewichts, ob in jeder Schachtel gleich viele Glacen sind. Einer Anekdote zufolge hat der Computer auch schon Spielzeug enttarnt, das versehentlich in einem Karton gelandet war.

 

Seit 1969 hat sich an der Produktion nicht viel geändert. Wer allerdings im Jahre 1969 auf die zündende Idee mit der Raketenglace kam, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Sicher ist, dass der Erfinder den richtigen Riecher hatte, denn die Raketenglace ist heute ein Evergreen.