16.06.2014

Eine Nationalheldin im Bikini

Vollbusig, halbnackt, erfolgreich. Tink.ch-Kolumnist Rade Jevdenic nimmt die wohl am meisten abgedruckte Schweizerin unter die Lupe und findet mehr als lobende Worte für ihren feministischen Kampf gegen den Sexismus.
Die einzig Wahre: Das aktuelle Blickgirl.
Bild: Yves Haltner

Sie ist das hiesige Nationalsymbol, die „Marianne de la france“ der Schweiz. Ihre Weiblichkeit, ihr Anmut, ihre einzigartige Ausstrahlung stehen für Stil, Status und höchstes Niveau. Sie ist ein Vorbild für jede Schweizer Frau und weist den Heranwachsenden den richtigen Weg. Jeden Tag grinst sie uns entgegen, räkelt sich in den ansprechendsten Posen und weiss im richtigen Moment einen Nippel hervorblitzen zu lassen. Die Sprache kann nur von einer Person sein: dem Blickgirl des Tages.

 

Feministisches Konzept

Der Status des Blickgirls des Tages ist begehrt. Doch nicht jede Frau hat das Zeug zur Nationalheldin. Zwischen 18 und 40 Jahre alt sollte man sein und in Dessous ganz gut aussehen. Ein Schulabschluss ist gut aber keine Voraussetzung. Vor allem junge Mädchen können es dank dem Blick schon früh lernen: Wer als Frau öffentliche Aufmerksamkeit will, soll sich erstmal ausziehen.

 

Eine Realität, welche der Blick ganz ohne Bildungsauftrag schweizweit für 2.20 Franken pro Ausgabe weitergibt. Auf dem Prüfstand steht die weibliche Pracht jedoch nicht nur nackig. Das Blickgirl muss sich auch dem tiefgründigen Interview der Redaktion stellen. „Wie kann man dich verführen?“ und „Was törnt dich an?“ geben für den Blickleser den Charakter des Models wieder. Und noch etwas nimmt der Blick vorweg: Neben der erotischen Abbildung des Blickgirls findet sich ein gelinde gesagt unschönes Vergleichsbild der ungeschminkten Teilnehmerin. Nur so lernt es die breite Masse der Frauen: Natürlichkeit ist out.

 

Die smartesten Blickgirls haben unfassbare Berufsaussichten. Jeden Monat wird unter all den Schönen, eine noch Schönere gekürt, und Ende Jahr sogar die Schönste. Dieser Fleischmarkt bildet somit wohl eine der besten Karrierechancen, welche man als Frau in der Schweiz haben kann. Besonders feministisch daran: der Blick hält bei dem Format an einer Frauenquote von 100 Prozent fest. Die Gleichstellungsbeauftragten leisten beim Ringier-Verlag mehr als ganze Arbeit.

 

Unberechtigte Kritik

Kritiker bemängeln seit langem, die Rubrik sei sexistisch oder gar frauenfeindlich. Diese Schönmalerei lässt ausser Acht, dass die moderne Frau nicht durch Fachkompetenz oder Selbstsicherheit auffällt, sondern durch zensurwürdige Selbstdarstellung. Da ist es nur richtig, diese Realität möglichst rasch an junge Frauen weiterzugeben. Sonst bestünde ernsthafte Gefahr, dass sie so etwas wie ein Selbstwertgefühl entwickelten.

 

Der Blick an sich ist bekannt für seine qualitätsorientierte Ausrichtung. Kritiker bemängeln, dass es sich hierbei nur um eine selbsternannte Zeitung für in die Jahre gekommene Männer und Menschen, die nur Überschriften lesen, handelt. Das begehrte Printmedium steht aber mit der Rubrik Blickgirl des Tages auch für eine moderne, emanzipierte und möglichst nackte Frau ein. Jeder wahre Feminist weiss: Das Blickgirl des Tages ist keine schmuddelige Zeitungsrubrik für Männer in der Midlife-Crisis, sie ist eine nationale Institution.