Gesellschaft | 13.06.2014

Dreizehnter Brief aus Deutschland

«Eine Zeitung" warf diese Woche einen 20-minütigen Blick auf den Globus und machte die Faust im Sack als sie bemerkte: Die Schweiz braucht Meer!
Sieht auf ihrer wöchentlichen Reise kaum Wasser: Die deutsche Friedenstaube von "Eine Zeitung".
Bild: Katharina Good

Liebe Schweizer Nation,

 

wir haben lange überlegt, ob wir diesen Brief heute schreiben – am Freitag, dem 13., und dann auch noch der 13. Brief aus Deutschland. Wir wissen, dass der Schweizer sehr abergläubisch ist. Wenn die Zahl 13 sogar mehrmals an einem Tag auftaucht, so heißt es ja bei Ihnen bekanntermaßen, droht Ihrem Land der völlige und unausweichliche, brutale und blutreiche Untergang. Deshalb haben wir uns entschlossen, diesen Brief auf jeden Fall zu verfassen.

 

Leider wissen wir gar nicht, worüber wir schreiben sollen.

 

Ein Blick in die deutsche Presselandschaft der vergangenen Woche hat schnell gezeigt: Es ist nichts erwähnenswertes passiert in der Schweiz.

 

Ein weiterer Blick in die internationalen Medien ergab dann: Tatsächlich, nichts los bei Ihnen.

 

Also taten wir das, was wir in solchen Fällen immer tun: Wir lasen die großen Schweizer Boulevardportale 20 Minuten und Blick. Und schon waren wir voll im Bilde. Zum Beispiel darüber, dass die Schweizer Schüler offenbar wieder Mundart in der Schule lernen sollen, weil der Dialekt sonst auszusterben droht.

 

Und wir wissen jetzt auch, dass das deutsche “Taschengeld” in der Schweiz “Sackgeld” heißt.

 

Sackgeld. Hihi. Was kommt als nächstes? Sackmesser? Nochmal hihi. (Ihr Schweinchen!)

 

Da die Medien also so gar nichts lieferten, haben wir uns gedacht, schauen wir doch mal in den Atlas und gucken uns Ihr Land etwas genauer an. Wo liegt es? Wie heißen die größten Flüsse? Gibt es Städte von Bedeutung? Tja, und dann fiel uns etwas auf, das Ihrem Staate so sehr fehlt wie dem Schweizer das Meer: Und zwar das Meer!

 

Ein kurzer Blick auf die Karte offenbart schnell: Ihr Land hat keinen Zugang zur Küste. Wenn wir Deutschen nur hoch genug in den Norden fahren, kommen wir zwangsläufig am Meer an. Wenn der Schweizer das tut, kommt er in Deutschland raus.

 

Wo der Franzose sich einfach bloß Richtung Westen halten muss, um den Atlantik zu erreichen, landet der Schweizer in…Frankreich.

 

Und die Italiener? Die haben das Meer direkt um sich herum. Und was hat die Schweiz unter sich? Richtig, Italien!

 

Gerecht ist das nicht. Die meisten Gewinner-Länder auf der Welt haben kurze Wege zur See. Das hört der Schweizer jetzt nicht gerne, aber wir vergleichen Ihr Land bei uns oft mit Österreich: weil die Schweiz wie Österreich kein Meer hat. Ein beliebter Witz bei uns ist beispielsweise: “Was ist klein, zerklüftet, dünn besiedelt, schräg geformt, bietet Banken beste Bedingungen, hat keinen eigenen Autohersteller, muss alles importieren, hat kein Gewicht in der Welt und keine Heringsflotte?” – “Hm. Keine Ahnung. Slowenien vielleicht?” –  “Nein!” – “Tja, dann wohl, äh, Tschechien?” – “Haha, nein, Du Dummbeutel (bei Ihnen wäre das demnach “Dummsack”)! Die Lösung ist Österreich (bzw. Schweiz)!”

 

Ein Klassiker in Deutschland; kennt hier jedes Kind. Der Witz wurde einst in der Nachkriegszeit entwickelt und wird seit 1957 jeden Freitagabend im WDR-TV als Sketch gezeigt. Marco Rima hat sich an den Witz mal versucht, als er in Deutschland noch bekannt war. Danach wurde er nie mehr in Deutschland gesehen.

 

Sie merken daran, dass ein Land ohne Küste nicht ernst genommen wird. Österreich hat zumindest trotzdem eine Marine. Wir empfehlen Ihnen, sich so etwas auch anzuschaffen.

 

In diesem Sinne,

 

Herzliche Grüße,

 

Ihr Deutschland