Gesellschaft | 14.06.2014

“Die Menschen sterben vor deiner Nase”

Text von Helen Dahdal | Bilder von Gian-Luca Frei
Der Bürgerkrieg in Syrien hat die Bevölkerung an den Rand der Zerstörung und der Verzweiflung getrieben. Hoshank Osman und Rody Abd erzählen, wie sie aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Tod, Korruption und der reine Überlebenswille haben ihren Weg gepflastert und begleitet.
Die syrischen Flüchtlinge Rody Abd und Hoshank Osman.
Bild: Gian-Luca Frei

Hoshank Osman und Rody Abd rennen seit einer Stunde ohne Pause. Der Schweiss rinnt ihnen über die Gesichter auf ihre Kleidung. Die letzte Habe an sich gepresst, rennen sie in Richtung türkische Grenze. Hoshank und sein Neffe Rody flüchten aus ihrer Heimatstadt Aleppo – der Stadt, die besonders hart vom Krieg getroffen wurde: “Unser Haus und unsere Habseligkeiten wurden vollkommen zerstört.”

 

Sie lebten in einem kleinen Dorf nahe der türkischen Grenze. Die Bewohner, syrische Kurden und Christen, versuchten ihr Dorf gegen Raubüberfälle zu verteidigen. Als im Juli 2013 Rebellen ihr Dorf angriffen und sie aufforderten, mitzukämpfen und Menschen zu töten, weigerten sich Onkel und Neffe. “Wir sind nicht Teil dieses Krieges. Es ist nicht richtig, mit Gewalt zu kämpfen.”

 

Eine kurdische Miliz half ihnen und vertrieb die Rebellen aus dem Dorf. Trotzdem, für Hoshank und Rody war dies genug: Sie nahmen Kontakt auf mit ihrer Schwester, die in der Schweiz lebte. “Sie hat alles für uns vorbereitet. Wir mussten nur noch in die Schweizerische Botschaft in Ankara gelangen und dafür sind wir zwei Monate zu früh aufgebrochen. Wir wollten unseren vereinbarten Termin auf keinen Fall verpassen.”

 

Minen, Kälte und überall Soldaten

Nach dem stundenlangen Rennen gelangten Onkel und Neffe an die türkische Grenze. Hier trafen Hoshank und Rody ihren Wegführer. “Ich glaube, es war ein türkischer Soldat, denn er schien militärische Fähigkeiten zu haben.” Sie mussten dem Mann je 200 Dollar zahlen. Aus dem Krieg wird Profit geschlagen: Man nutzt die Verzweiflung der Menschen aus und verspricht ihnen einen sicheren Weg über die Grenze. “Wir waren ungefähr 15 Personen pro Gruppe.”

 

“Wir schlichen und rannten durch die Wälder und achteten dabei auf Minen. Es war ein harter Weg”, erzählt Hoshank. Die türkischen Truppen hatten die Erlaubnis auf die Syrier zu schiessen. “Entscheidest du dich dafür, die Grenze zu überqueren, gibt es kein Zurück mehr.” Einerseits muss man die türkischen Truppen überwinden, andererseits warten die bewaffneten Rebellen.

 

Die Flüchtenden halfen sich gegenseitig: “Frauen, kleine Kinder, alte Menschen – man muss ihnen helfen. Selbst hochschwangere Frauen waren unter uns und rannten.” Bei diesen Worten liegt eine wütende Verbitterung in Hoshanks Stimme. Er fährt fort, den Kopf schüttelnd: “Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man nicht dort ist – niemals. Die Leute werden vor deiner Nase erschossen.”

 

Nicht alle schaffen es

Es wird sorgfältig darauf geachtet, dass die Gruppe niemals vollständig über die Grenze gelangt: “Ich bin mir sicher, die Soldaten sprechen sich untereinander ab. Mindestens eine Person wird auf dem Weg erschossen. Warum, weiss ich nicht.” Sein Freund Mohammed schaffte es nicht: “Wir rennen. Plötzlich sehe ich seinen Kopf zurückschnellen. Ein Scharfschütze hat ihn mit einem Kopfschuss erwischt. Im nächsten Moment fällt mein Freund neben mir tot um.” Trotz der flehenden Bitten hat der Wegführer nicht erlaubt, Mohammeds Leiche mitzunehmen und zu begraben. “Wir liessen ihn einfach zurück”, sagt Hoshank.

 

Nach einigen kalten Tagen erreichten Hoshank und Rody mit der Gruppe ein Dorf nahe der türkischen Stadt Mardin. Mit dem wenigen Geld das sie hatten, übernachteten sie in einem Hotel. “Unsere Schwester in der Schweiz konnte uns die nötigen Papiere für die Grenzüberquerung beschaffen.”

 

Hoshank und Rody wohnten eine Weile bei Freunden in der Türkei, bis ihr Termin in der Schweizerischen Botschaft bevorstand. Sie fuhren mit dem Bus nach Ankara und flogen schliesslich mit dem Flugzeug in die Schweiz.

 

“Unsere Regierung, die Mafia”

In Syrien gingen Hoshank und Rody den akademischen Berufsweg: Hoshank hatte einen Abschluss als Tourismus-Hotelier und Soziologie und Rody begann sein Studium in Computer-Engineering. Syrische Kurden wurden unter Assads Regime diskriminiert: “Als syrische Kurden erhielten wir das originale Abschluss-Diplom für ein Studium nicht.” 2000 Dollar hat Hoshank für eine Kopie des Originals gezahlt, um eine Bestätigung seines Abschlusses zu erhalten und um auf diesem Gebiet arbeiten zu können.

 

Überhaupt könne man nur richtig arbeiten, wenn man Mitglied der regierenden Baath-Partei Assads war. Erst dann erhält man die Erlaubnis, das Amt des Lehrers zu praktizieren, ein Unternehmen zu gründen oder mit öffentlich staatlichen Institutionen zusammenzuarbeiten. Mitglieder verpflichteten sich aber vollkommen ihrer Partei gegenüber und spionieren die Mitmenschen für sie aus. “Viele waren mit dem System nicht glücklich, aber niemand wagte es auszusprechen.” Die Partei hat sich alles erlaubt. Sie unterschlugen Geld, Land, Häuser und Tiere.

 

Die Willkür unter Assad musste Hoshank am eigenen Leib erfahren. 40-mal wurde er während seines Studiums von der Polizei verhaftet. “Sie kommen eine Stunde vor meinem Examen in die Universität und verhaften mich.” Warum? “Grundlos!”, sagt Hoshank wütend, “Man darf sich ihnen aber nicht widersetzen – niemals! Unserer Regierung war keine Regierung, es war eine Mafia.”

 

Ein unerwarteter Krieg

“Es begann alles ganz harmlos”, erzählt Rody ungläubig. “Kleine Kinder begannen, das Wort -˜Freiheit’ in der Schule an die Wände zu malen. Daraufhin kamen die Soldaten und rissen ihnen die Fingernägel aus.” Beide können sich noch gut an den Beginn des Krieges erinnern: Es begann mit dem kleinen Marsch im März 2011. “Sechs Monate später war es nur noch Töten und Stehlen.”

 

Was als Friedensgedanke begann, entwickelte sich zu einem unkontrollierten Krieg: Der kleine Aufstand wurde niedergeschossen, andere Demonstranten erhoben sich erneut und protestierten gegen diese Gewalt. Rebellen bildeten sich überall in Syrien und aus einer Vorstellung von Freiheit entwickelte sich ein Krieg, in dem Vergewaltigung, Tod und Diebstahl zum Geschäft wurde. Rody entgegnet: “Es ist keine Friedensrevolution, weil einfach zu viele Länder dahinter stecken: Russland unterstützt Assad, Amerika die Rebellen.”

 

“Nur wenn man sich einer der 2000 Rebellen-Gruppen anschliess, hat man Aussicht auf Essen und Nahrung für die Familie”, sagt Hoshank. Tötet man andere Menschen oder verlässt man seine Heimat? Hoshank und Rody haben sich für Letzteres entschieden.

 

Das Land der Freiheit

Kaum in der Schweiz angekommen, wurden Hoshank und Rody in ein Empfangszentrum gefahren. Seit fünf Monaten werden sie von Zentrum zu Zentrum abgeschoben. “Manchmal bleiben wir zwei Wochen, manchmal einen Monat an einem Ort. Wir wissen es nie.” Die beiden Flüchtlinge fühlen sich nicht wohl in ihrer Bleibe: Unter der Erde befinden sich die kantonalen Einrichtungen oft und in einem Raum hausen zwanzig Flüchtlinge. “Man munkelt in Syrien, dass die Schweiz das Land der Freiheit sei. Aber von dieser Freiheit haben wir nichts mitbekommen”, sagt Rody. Die Asylsuchenden dürfen weder arbeiten noch studieren. “Essen und schlafen, essen und schlafen. Das ist alles, was wir hier tun.” Dabei würde Rody sein Studium gerne fortsetzen: “Mein Studium war mein Leben.”

 

Wie sie sich jetzt fühlen? “Ich weiss es nicht”, meint Rody. “Manchmal sind wir glücklich, dass wir in die Schweiz gekommen sind, manchmal wollen wir zurück nach Syrien.” – “Zumindest ist es hier sicher”, entgegnet Hoshank. Er will noch seine Mutter und seine beiden Brüder in die Schweiz bringen: “Wir machen uns Sorgen. Jederzeit kann eine Bombe sie erwischen und ihr Leben beenden. Hier würden sie aber sicher sein. Sie würden überleben.”

 

Die Flucht aus Syrien war der erste Schritt auf dem Weg in das normale Leben: In Sicherheit angekommen haben die beiden Geflüchteten die Möglichkeit auf ein normales Leben. Tink.ch begleitet Hoshank und Rody in der Schweiz und dokumentiert die Herausforderungen und ihre Eindrücke vom Land der Freiheit.