Gesellschaft | 05.06.2014

“Dastehen und Lächeln”

Text von David Bucheli | Bilder von Lynn Riegger
An der "Baselworld" machen nicht nur Luxusmarken gute Geschäfte. Auch Studierende können sich als Messe-Promoter einiges dazuverdienen. Die Jobs sind begehrt - und werden ausschliesslich an Frauen vergeben.
Bei der "Baselworld" will man nichts von unreflektierten Rollenbildern wissen.
Bild: Lynn Riegger

Die Baselworld 2014 ist längst wieder Geschichte. Doch für die Schmuck- und Uhrenindustrie hat die Arbeit erst begonnen. Markenvertreter aus aller Welt gingen mit vollen Auftragsbüchern nach Hause und müssen die entgegengenommenen Bestellungen nun in die Tat umsetzen. Angeblich werden bis zu 80 Prozent des weltweiten Branchenumsatzes während den Messetagen generiert – andere Quellen sprechen von gut der Hälfte. So oder so: Der 7-tägige B2B-Event ist ein Geschäft, dass sich kein Anbieter entgehen lässt.

 

Hartes Auswahlverfahren

Gute Verdienstmöglichkeiten bietet die Baselworld aber auch jungen Frauen, die sonst nichts mit der Luxusindustrie am Hut haben: Über 100 Hostessen werden jeden Herbst in einem strengen Auswahlverfahren durch spezialisierte Agenturen rekrutiert. Gefragt sind ein kommunikatives Auftreten, gute Sprachkenntnisse und natürlich ein ansprechendes Äusseres.

 

Wer unter Vertrag genommen wird, büffelt zur Vorbereitung einen Ordner mit Informationen und Vorschriften, muss einen eintägigen Schulungskurs absolvieren und hat peinlich genau Vorgaben zu Körperpflege und Styling einzuhalten. Sogar der Kauf bestimmter Beauty-Produkte wird vorgeschrieben, um ein möglichst einheitliches Auftreten zu gewährleisten.

 

Primär dekorative Funktion

Bei Studentinnen erfreuen sich die Jobs grosser Beliebtheit. Manche fühlen sich angezogen von der glamourösen Uhren- und Schmuckwelt, wichtiger sind für viele Bewerberinnen jedoch die gute Entlöhnung und der kompakte Einsatzplan. Dafür nehmen sie in Kauf, eine Woche lang in hochhackigen Schuhen einen primär ästhetischen Zweck zu erfüllen. “Unsere eigentliche Hauptaufgabe war wohl eher eine dekorative, sprich: dastehen und lächeln”, resümiert Belinda K.* aus Basel. Sie wurde von einer Studienkollegin zur Bewerbung ermuntert und konnte sich am Casting gegen ihre Konkurrentinnen durchsetzen.

 

Klare Rollenverteilung

Je nach Einsatzbereich stehen die Hostessen für Auskünfte zur Verfügung, verteilen die täglich erscheinende Messezeitung oder nehmen administrative Aufgaben wahr. Der direkte Kontakt zu den Besuchern macht sie zu einem Aushängeschild der Messe und das lassen sich die Veranstalter einiges kosten. Jeder Hostessen-Typus ist durch ein einheitliches Erscheinungsbild gekennzeichnet, vom Make-Up über die Schuhe bis zum Kleid. Letzteres ist nach Körpermass auf die Frauen zugeschnitten und alles in allem um die 2000 Franken wert. Aus Sicherheitsgründen dürfen die Hostessen deshalb die Messehallen nicht mit der Arbeitskleidung verlassen.

 

Wer aufmerksam die Ausstellungshallen erkundet, trifft an manchen Ständen auch männliche Models oder Hosts an. Sie werden von den Ausstellern selbst rekrutiert, die Messebetreiber beschäftigen ausschliesslich Hostessen. Zum Einsatz kommen Männer nur hinter der Garderobe und als Türsteher für VIP-Bereiche. Diese eindeutige Rollenverteilung scheint im funkelnden Mikrokosmos der Baselworld selbstverständlich zu sein.

 

“Keine unreflektierten Rollenmuster”

Sogar die offizielle Pressestelle der Messe zeigt sich überrascht, als wir nach wiederholter Anfrage endlich auf einen auskunftswilligen Mediensprecher treffen. Dieser bestätigt zwar, dass in den Ausstellungshallen bewusst nur weibliche Mitarbeiterinnen zum Einsatz kommen, Gründe dafür kann er jedoch keine nennen. Eine Verbindung zu bestimmten unreflektierten Rollenmustern werde nicht gesehen. Dennoch findet Belinda K.: “Dieses Ungleichgewicht ist schon auffällig.”

 

Während der Autosalon Genf für seine teilweise aufdringlichen Besucher berüchtigt ist, sind Belästigungen oder Ähnliches an der Baselworld definitiv nicht an der Tagesordnung. “Durch das strenge Auswahlverfahren und den Ruf der Baselworld erwartete ich jedoch schon ein anderes Publikum, als man es beispielsweise im Autosalon antreffen könnte”, erinnert sich Belinda K. Ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Den Umgang mit den Besucherinnen und Besuchern erlebte sie als “sehr angenehm und meist auf einer professionellen, freundlich-distanzierten Ebene.”

 

Positive Bilanz

Insgesamt zieht Belinda K. also eine positive Bilanz und das nicht nur finanziell. Sie durfte mit interessanten und offenen jungen Menschen aus der ganzen Schweiz zusammenarbeiten und hinter die Kulissen einer völlig eigenen Welt sehen. Daher könnte sie sich gut vorstellen, auch in einem Jahr wieder zur Baselworld zurückzukehren. Allfälligen Interessentinnen empfiehlt sie Durchhaltewille sowie eine positive Einstellung zur Arbeit “und Erfahrung mit dem Stehen beziehungsweise Laufen auf hohen Schuhen ist sicherlich von Vorteil.”

 

*Name geändert