Die Art war da

Dieses Jahr sollte die Art Basel nicht weiter wachsen, sondern sich innerhalb des Bestehenden neu orientieren. Der Nachwuchs, die Statements, durfte sich örtlich zu den Eminenzen gesellen, während die Gesprächsveranstaltungen und die Kunstmagazine das erste Mal konstenlos besucht werden konnten. Art Basel Direktor Mark Spiegler betonte damit die ihm wichtige Öffnung der Messe.

Bespielte Zimmer

Die Öffnung zeigte sich symbolisch auch bei den beidseitigen Zugängen der zusammen mit der Fondation Beyeler und dem Theater Basel eröffenten Performance Ausstellung 14 Rooms. Das als ursprünglich 11 Rooms gestartete Projekt wurde durch die Präsenz an verschiedenen Kunstfestivals auf nunmehr 14 Räume erweitert, in welchen Performanceprojekte gezeigt werden, Entdeckungen von Kunst und Begegnungen mit anderen Besuchenden waren garantiert, Wartezeiten leider auch.

Adieu gedruckter Katalog

Eine weitere Neuerung birgt der Abschied vom Messekatalog. Ab diesem Jahr erschien dieser nicht mehr als gedrucktes Buch sondern nur noch digital online als App. Hingegen erzählt das heuer verkaufte Buch Art Basel, Year 44 die Expansion der Art Basel-Messen über drei Kontinente. Neben Miami eröffente letztes Jahr eine Dependance in Hong Kong, um den asiatischen Kunstmarkt zu erobern.

Masse und Klasse

An den gegen 300 Galerien waren neben den obligaten und bekannten Bigshots wie Hirst, Koons, Richter und Warhol auch Neuzugänge zu sehen: Neue Malereien im alten Stil, Schriftzüge anstelle von Bildern oder Plastiken in ungewohnten Formen und Materialien.

Hingegen wurden weniger Zeichnungen präsentiert. In der schieren Masse bleibt es jedoch schwierig, bezüglich den aktuellen Trends einen klaren Kopf und offenen Geist zu behalten. Bei über 4’000 repräsentieren Künstlerinnen und Künstlern war kaum eine klare Linie zu verzeichnen, was gerade Kunst aber sowieso zu verhindern sucht. Es bleibt dabei die Frage wie viel künstlerischer Anspruch an einer Art Basel zulässig ist.

Kunst und Kommerz

Es bleibt ein Spannungsfeld zwischen dem Anspruch auf neue und spannende sowie politische Kunst und dem Kommerz, denn die Art Basel ist und bleibt eine Messe und ist gerade kein Museum. Der Fokus auf Geld ist hier durchaus Konzept. Das wird spätestens beim Eintrittspreis von 45 Franken oder der langen Schlange für die VIP-Limousinen klar. Die Mehrheit der 92’000 Besuchenden zumindest an den ersten Tagen wo die Öffentlichkeit noch draussen bleiben muss, hat hier Grosseinkäufe im Sinn. Unter den Betuchten und den Galeristen war viel Noblesse, schmal geschnittene Anzüge, raffinierte Frisuren und dazwischen die aktuellste Entwicklung im Bereich Facelifting zu sehen.

Einmal dabei sein

Weiterhin gehen wohl hauptsächlich das Fachpublikum und die (Möchtegern-)Kunstelite an die Messe. Trotzdem kamen auch anderweitig Kunstinteressierte. Sie taten dies wohl weniger, um selber das Kunstportfolio zu ergänzen, sondern um einen Blick, wenn weniger auf das aktuelle Kunstschaffen, doch auf den aktuellen Kunstmark zu erhaschen und nebenher etwas die Luft der ganz besonders gut Situierten einzuatmen.

Zaghafte Öffnung

Daneben vermochte die Art Basel als Katalysator zahlreiche Veranstaltungen ausserhalb der eigentlichen Messe zu generieren. Diese ermöglichten viel eher einen Öffnung der aussergewöhnlichen Woche gegen aussen für weniger Interessierte und weniger Involvierte, die gerade nicht Teil des kommerziellen und teuren Kunstkuchens sind. Denn die von der Messe selbst gesuchte Öffnung durch vermehrte kostenlose Angebote konnte die gläserne Wand zwischen der von der Kunst entfernten Kunstwelt und den wahren Freunden der zeitgenössischen Kunst ohne das ganze Bling Bling kaum zu durchbrechen.

Keine Kritik

Eine kritische Aktion im Andenken an die Räumung des Favela-Cafés im letzten Jahr auf dem Messeplatz wurde von der Polizei frühzeitig unterbunden. Eine kritische Ausseinandersetzung der Öffentlichkeit mit der Messe war in dieser Form an diesem Ort nicht möglich. In wiefern dieser Entscheid durch die Basler Behörden oder auch durch die Art Basel erzwungen wurde, bleibt dabei unklar. Hingegen scheint bestätigt, dass die Kunstmesse einen ganz besonderen Stellenwert bei den Ämtern geniesst.

Politik unter 18? Wen interessierts!

Wenn die Frage zum Stimmrechtsalter 16 auftaucht, wird immer viel diskutiert: Gegner der Idee befürchten, dass Jugendliche anhand von Trends entscheiden oder Abstimmungen gar für Wetteinsätze missbrauchen. Ausserdem stehe es um das politische Verständnis der Jugend nicht gut. Befürworter wiederum argumentieren, dass einige Jugendliche bereits mit 16 eine Lehrstelle haben, ihr eigenes Geld verdienen und Steuern zahlen. Warum sollten sie sich also nicht auch bei Abstimmungen beteiligen dürfen?

 

Politik? Kein Plan!

Es gibt im Internet verschiedene Angebote an Websites als Hilfe für besseres politisches Verständnis: So werden zum Beispiel auf easyvote.ch Abstimmungsthemen in einem anschaulich gestalteten Video ausführlich und leicht verständlich erklärt. Leider beschränkt sich dieses Angebot auf die Abstimmungsvorlagen auf Bundesebene. Bei den kantonalen Vorlagen bestünde also Ergänzungsbedarf. Weiter gibt es die Seite civicampus.ch, auf der verschiedene politische Themen interaktiv erklärt werden. Speziell an Schüler und Schülerinnen der Sekundarstufe richtet sich die Seite politikzyklus.ch.

 

Nichts Neues

Im Jahr 2007 wurde im Kanton Glarus die Vorlage Stimmrechtsalter 16 knapp angenommen. Dort ist die Stimmbeteiligung der Jugend überraschend hoch. Das relativiert das Argument, die Jugendlichen würden diese Chance ohnehin nicht nutzen. Auch in Bern wurde zwei Jahre später darüber diskutiert. Die Berner waren jedoch klar dagegen.

 

Nicht nur in der Schweiz ist Abstimmen ab 16 ein Thema. In England wirbt die Initiative Votes at 16 ebenfalls dafür. In Österreich sowie in einigen deutschen Bundesländern dürfen 16- und 17-Jährige schon an die Urne. Bis 1991 galt in der Schweiz das Stimmrechtsalter 20. Dann wurde es per Volksabstimmung auf 18 Jahre reduziert.

 

Dafür? Dagegen?

Die Botschaft des Grossen Rates des Kantons Bern argumentiert anlässlich der Abstimmung 2009 folgendermassen: “Unsere Gesellschaft wird immer älter. […] Ab 2010 werden über die Hälfte der Stimmberechtigten über 50 Jahre alt sein. Ältere Wählerinnen und Wähler entscheiden teilweise anders als jüngere. Abstimmungsvorlagen betreffen aber häufig die Zukunft der Jugendlichen.Damit in unserer Demokratie alle eine gleichwertige Stimme haben, sollen Jugendliche möglichst früh mitreden können.” Gegner halten mit dem Argument dagegen, die 16-18-Jährigen verfügen noch nicht über die nötige politische Reife. Auf die Frage von 20 Minuten, ob ein 16-Jähriger fähig sei, politische Entscheide zu treffen, antwortete die Abteilungsleiterin für Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich Bea Latal: “Ja, intellektuell sicher. Das Gehirn eines 16-Jährigen ist so weit ausgereift, dass er komplexe Zusammenhänge verstehen kann. Grundsätzlich ist ein Jugendlicher zwischen 13 und 14 Jahren entscheidungs- und urteilsfähig, das kann aber stark variieren.”

 

Unangemessen

Der Jugendpolitiker Anian Liebrand, ein weiterer Gegner der Senkung des Stimmrechtsalters, findet: “Es macht keinen Sinn, dass ein Jugendlicher mit 16 an der Urne über das Budget seiner Gemeinde abstimmen darf, ohne dass er zum Beispiel über sein eigenes Budget voll verfügen kann.” Ein Autor der NZZ argumentierte: “Ein den Jungen angetragenes Recht, das diese nicht verlangt haben, ist von geringerem Wert und weitgehend wirkungslos.”

 

Wie die Entscheidung zum Stimmrechtsalter 16 in Zukunft ausgeht, ist noch offen und liegt schlussendlich wieder in den Händen des Stimmvolkes.

“Let’s roll Down The Rabbit Hole!”

“Lasst uns herabfallen ins Kaninchenloch.” Klingelt was beim Lesen dieser Worte? Vielleicht eine vage Erinnerung an das berühmteste Kinderbuch aller Zeiten? Alice im Wunderland ist gemeint. Alice sitzt im Gras und langweilt sich. Plötzlich sieht sie ein ungewöhnliches Kaninchen mit Brille und Uhr, das vor sich hin redet. Als das Kaninchen in sein Loch hüpft, springt die neugierige Alice nach und ahnt noch nicht, welche Wunder sie dort unten erwarten.

 

Wunderwelt

Das Down The Rabbit Hole-Festival interpretiert das von Lewis Carroll geschriebene Kinderbuch um und erschafft eine eigene Wunderwelt. Den Besuchenden des Festivals wird sich eine verkehrte Welt eröffnen. Sie werden mit dem Fall ins Loch aus dem Alltag ausbrechen. Auf der Festival-Website werden Abenteuer, Verwirrung, Surrealismus und Ekstase versprochen.

 

“Nehmt euch Zeit zum Speisen, Meditiert im Wald, legt euch ins Gras, schwimmt im Fluss, helft beim Turmbauen, geniesst das Lagerfeuer und tanzt zu brandneuen Bands”, empfehlen die Organisatoren. “Baut euch eure eigene Party und geniesst alles, was ihr tut, mit offenem Geist.”

 

Urwald aus Sprachen und Stilen

50 multikulturelle Bands und Musiker werden die Abende und Nächte des Festivals beherrschen. Sie kommen von Amerika, England, Belgien, Schweden, Neuseeland, Holland, Südafrika und sogar aus Mali. Eine spannende Reise durch drei Kontinente, sowie durch einen Urwald voller Klänge, Stimmen und Musikstile.

 

Mit den Tune-Yards aus Kalifornien kann man ein experimentelles Spielfeld betreten, auf dem es so gut wie keine Regeln gibt. Auf ihrem neuen Album Nikki Nack begeistern sie mit einer Menge Mut zu Innovation, Ungezwungenheit und Lebensfreude. Ihre Musik wird von den Fans oft als hyperexperimenteller Indie-Pop bezeichnet.

 

Psychedelisch oder nicht?

MGMT besteht aus fünf langhaarigen Männern, die psychedelischen Indie-Elektro erzeugen. Die Band-Leader Andrew Van Wyngarden und Ben Goldwasser schrecken allerdings vor dem Wort psychedelisch als Beschreibung ihrer Musik zurück. Ausser es wird richtig eingesetzt.

 

“Der Sinn dieses Wortes kann man mit der Wirkung von Drogen vergleichen. Sie verändern des Menschen Realität. Und das ist, was wir wirklich mit unseren Songs erreichen wollen. Unsere Musik ist eine Welt, in der sich jeder seinen eigenen Weg bahnen soll”, so Andrew im Interview mit dem Musik-Magazin Under the Radar.

 

Fremde Laute

Weiter führt die Reise nach Kapstadt. Diesem Ort ist die fünfköpfige Band John Wizards entsprungen. Die Band singt nicht nur auf Englisch, sondern auch in den afrikanischen Sprachen Kinyarwanda und Swahili. So nehmen die Musiker die Zuhörerinnen und Zuhörer mit in eine ganz andere Sprachenwelt mit spannenden, befremdlich wirkenden Lauten. Innovative Elektronik begegnet afrikanischer Tradition.

 

Ausspannen

Wer es lieber etwas ruhiger mag, der kann sich ans Lagerfeuer setzen. Dort werden Geschichten erzählt von Komikern, Schriftstellern, Musikern, Dichtern und anderen kreativen Menschen.

 

Selbst bei Tropenhitze kann das Festival genossen werden. Neben dem Festivalgelände bieten zwei Flüsse Abkühlung. Die Gewässer nähren die Energie und wecken alle Lebensgeister. Mit dieser neugewonnenen Energie kann man im “Idyllische Veldje”, im Festivalareal, unter Anleitung oder selbstständig schmieden, drucken, nähen und Keramik brennen.

 

Abtauchen in Verrücktheit

“Was für Leute wohnen denn hier in der Gegend?”, fragt Alice im Wunderland die grinsende Katze, der sie in der neuen Welt begegnet. “Dort drüben wohnt ein Hutmacher und hier wohnt ein Schnapphase. Du kannst dir aussuchen, wen du besuchen willst. Verrückt sind sie beide.” – “Aber ich will doch nicht unter Verrückte gehen!”, entgegnet Alice darauf. Dagegen lasse sich nichts machen, meint die Grinsekatze. “Hier sind alle verrückt.”

Glaube ohne Gott

Die Frage nach der Zukunft der Religionen ist so wichtig wie noch nie. Internationale Studien und Statistiken zeigen: Noch nie fiel die Zahl der Gläubigen so drastisch, noch nie stieg die Zahl der Konfessionslosen so massiv – noch nie war die Zahl der Menschen, die zwar Mitglied einer Kirche sind, aber zu institutionellen Glauben auf Distanz gegangen sind, so hoch.

 

“Fehlt uns Jesus?” Diese theologische Frage stellte sich das Schweizer Wochenmagazin Beobachter auf der Titelseite der Ausgabe vom 17. April. Auch das renommierte deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel stellte sich im Juni dieses Jahres die göttliche Gretchenfrage: “Ist da jemand?”

 

Religion als obsolete Option

Der Beobachter beantwortete die Frage nach Gott primär aus der Sicht von Schweizer Familien. Im Laufe seiner Recherche kam er dabei zu einem – für kirchliche Kreise – ernüchternden Ergebnis: Kaum ein Kind kennt noch die Bedeutung religiöser Feiertage. Statt mit Anfang und Auferstehung assoziieren sie die höchsten Feiertage des Christentums mit Schenken und Schokolade. Auch die meisten Eltern proklamieren ihre wachsende Distanz zu Gott und der Institution Kirche.

 

Für den Schweizer Religionssoziologen Jörg Stolz seien die Resultate keine Überraschung: “Verantwortlich für diese Entwicklung sind die gesellschaftlichen Umbrüche in den 60er-Jahren. Mit dem Übergang zur Ich-Gesellschaft wurde die Konfession, respektive die eigene Religiosität, zur blossen Möglichkeit. Gleichzeitig gab es in dieser Zeit einen starken Wirtschaftsaufschwung. Die Möglichkeiten, die Freizeit zu gestalten, wurden zahlreicher.”

 

Jahwe weicht dem Wandel

Ist Gott nur noch ein altbackener Anhaltspunkt für die Religion im 21. Jahrhundert? Fast alle gesellschaftlichen Umbrüche deuten darauf hin und forcieren die Kluft zwischen Gott und Religion.

 

Wir sind geprägt von einer Gesellschaft, die institutionskritisch ist. Auch Parteien und Vereine verlieren zunehmends feste Mitglieder und werden starr. Menschen zelebrieren ausweitend ihre Selbstständigkeit und Individualität. Ein omnipotenter Überwacher im Himmelsdach, der zu Zurückhaltung, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit ermahnt, stellt dabei die grösste Überwindung dar.

 

Der Drang der Kirche, sich selbst zu entfremden, spielt der säkularen Wende in der Gesellschaft zusätzlich in die Karten. Mit einer verstaubten Sexualpolitik und unzeitgemässen Moralvorstellungen schaffen es die grössten Glaubensinstitutionen der Welt regelmässig in die Medien. Damit prägen sie die öffentliche Wahrnehmung der Gesellschaft negativ, denn fern der Medien haben nur noch wenige Schweizer regen Kontakt mit der Religion. Das zeigen Umfragen des Schweizer Nationalforschungsprogramms 58, das 2012 Religionsgemeinschaften der Schweiz beforscht hat.

 

Plädoyer gegen Gott

In der evangelisch geprägten Schweiz stehen mittlerweile viele Menschen offen dazu, dass sie Religion ausschliesslich oder teilweise rein zweckmässig leben. Die reformierten und katholischen Gotteshäuser bleiben zwar leer, doch die Zahl der kirchlichen Taufen und Beerdigungen sinkt nur unmerklich. Für viele ist der Glaube nur noch das automatisierte Festhalten an traditionellen Ritualen. Die Spiritualität ist im Hintergrund aber nicht mehr präsent.

 

Dass dies keine Blamage oder gar Blasphemie ist, zeigt die 2000-jährige Kirchengeschichte. Alle historischen und aktuellen Glaubensinstitutionen entschieden selbst, was sie als gottgegeben nehmen, und welche Passagen der Heiligen Schriften sie bewusst ignorieren. Der Glaube ist seit jeher von Gegensätzen geprägt – man gibt und man nimmt. Deshalb ist es auch nicht paradox, wenn man sich gottlos auf einer spirituellen Reise befindet.

 

Auch im Vatikan anerkennt man den Trend der Gottlosigkeit und lenkt ein. Im Mai 2013 insistierte Papst Franziskus, dass auch Atheisten in den Himmel kämen und rehabilitierte damit christliche Atheisten und Ungläubige. Diese wurden von seinen Vorgängern noch geächtet. Das grüne Licht von Gottes Vertreter zeigt, dass die Fragen nach der Zukunft der Religion schon die höchsten Instanzen erreicht haben. Eine endgültige Antwort wird aber auch nach endlosen Debatten nie gefunden werden, denn diese ist abhängig von Wertvorstellungen und philosophischen Ansichten, die sich in ständigem Wandel der Gesellschaft befinden. So wie auch die Frage nach der Existenz Gottes.

“Ich führte Regie in einem Van per Walkie-Talkie”

Tink.ch: Haifaa Al-Mansour, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über ein Mädchen, das sich ein Fahrrad wünscht, zu schreiben?

Haifaa Al-Mansour: Ziel war es, einen Film über meine Kultur und ihre Traditionen zu drehen. Durch eine simple Idee wollte ich mehr über diese Kultur offenbaren. Ich komme von einem sehr konservativen Ort und es liegt mir am Herzen, mit dieser Welt nicht zu kollidieren. Deshalb schien mir eine sanfte Geschichte am geeignetsten.

Was repräsentiert dabei das Fahrrad?

Ich musste etwas finden, das die Spannung zwischen Moderne und Tradition symbolisiert: Das Fahrrad schien mir dafür passend. Es steht für Beschleunigung und die Person, die es fährt, hält ihr Schicksal in den eigenen Händen. Trotzdem ist dieses Bild nicht einschüchternd – ein Fahrrad ist ein Spielzeug.

Haben Sie Waad Mohammed, das Mädchen, welches Wadjda spielt, bereits vor der zweiten Fassung ihres Skriptes gekannt oder erst in Nachhinein gefunden?

Wir haben das Mädchen erst eine Woche vor den Hauptdreharbeiten gefunden! In Saudi-Arabien sind offene Castings nicht möglich. Daher mussten wir uns an Firmen wenden, die Kinder für Werbung aussuchten. Daneben gestaltete es sich schwierig, eine junge Schauspielerin zu finden, welche diese Lebhaftigkeit, dieses spezielle Temperament in sich trägt. Als Waad Mohammed eine Woche vor den Dreharbeiten zum Vorspiel auftauchte, in Chuck Taylors und mit der Musik von Justin Bieber in den Ohren, war klar, dass wir unsere Wadjda gefunden haben. Zudem hat Waad Mohammed eine wunderschöne Stimme – es passte einfach.

Sind Sie als Frau bei den Dreharbeiten gelegentlich auf Probleme gestossen?

Die Dreharbeiten liefen mit offizieller Genehmigung vom Staat. Probleme ergaben sich erst vor Ort, bei der Begegnung mit der konservativen Bevölkerung. Mir als Frau ist es nicht gestattet nach draussen zu gehen, mich mit Männern in der Strasse aufzuhalten oder einen Film zu drehen. Dies wird von der Gesellschaft als inakzeptabel betrachtet. Ich führte Regie in einem Van per Walkie-Talkie. Man kann sich vorstellen, dass dies die Dreharbeiten zusätzlich erschwerte.

In Saudi-Arabien gibt es bis anhin (noch) keine Kinos. Wie haben ihre Landsleute von “Wadjda” erfahren und wie sind die Reaktionen aus Ihrem Heimatland ausgefallen?

“Wadjda” wurde am Filmfestival in Venedig erstaufgeführt. Die Presse, insbesondere jene aus Saudi-Arabien, berichtete viel darüber. Auf diesem Wege erfuhren meine Landsleute vom Film. Dies führte wiederum dazu, dass viele Saudis die Reise zum “Dubai International Film Festival” auf sich nahmen, um sich das Werk anzusehen. Ich glaube, viele von ihnen waren sehr berührt, da “Wadjda” ein reales Bild der Verhältnisse in ihrem Land zeigt, im Gegensatz zu den Fernsehdramas in Saudi Arabien, in denen vieles überspitzt dargestellt wird. Daher muss es für die Zuschauer aus Saudi-Arabien eine völlig neue Erfahrung gewesen sein, ihre eigene Kultur aus einer anderen Perspektive betrachten zu können.

Natürlich gab es auch kritische Stimmen, vor allem aus dem eher reaktionär eingestellten Teil der Bevölkerung. Manche sehen es nur ungern, dass Frauen Schritte nach vorne wagen, Probleme enthüllen und höhere Berufe, wie jener einer Regisseurin, ergreifen. Ihrer Meinung nach sollten Frauen im Privaten existieren. Mein Ziel war es nicht, anzuklagen und ein Bild zu vermitteln, welches Frauen als die Guten und Männer als die Bösen abstempelt. Beide können sich in unserer konservativen Gesellschaft gefangen fühlen und in missliche Situationen geraten.

 

Wie hat Ihre Familie auf den Erfolg des Filmes reagiert?

Ich komme aus einer progressiv eingestellten Familie. Meine Eltern unterstützten mich seit jeher bei dieser Arbeit. In der kleinen Stadt, in welcher ich aufgewachsen bin, ist meine Mutter nun eine kleine Königin. Es macht mich stolz, zu wissen, dass ich ihr Freude bereitet habe.

Welche Rolle spielt die Religion, der Islam, in Ihrem Leben?

Der Islam spielt eine grosse Rolle in der Kultur Saudi-Arabiens und da ich die öffentliche Schule besucht habe, war ich ständig damit konfrontiert. Ich glaube, Saudi-Arabien wird immer religiös sein. Meiner Meinung nach ist Religion jedoch das, was man daraus macht. Manche werden militant. Es erscheint mir wichtig, diese Energie in eine andere Richtung zu kanalisieren.  Religion soll für Liebe und Vergebung stehen.

Können Sie derzeit Veränderungen in Sachen Frauenrechte in Ihrem Land erkennen?

Es ändert sich Vieles, das ist sicher. Vor zwei Monaten wurden vom König Saudi-Arabiens erstmals 30 Frauen in den Schura-Rat, einem der höchsten politischen Ämter des Landes, berufen. Letztes Jahr sind zwei Frauen dem olympischen Team beigetreten.

Dies ist inspirierend für andere Frauen. Sind die Schritte auch nicht gross, so gehen sie bereits in die richtige Richtung. Die Regierung Saudi-Arabiens versucht Frauenrechte vermehrt zu beachten, nur stellt sich die Gesellschaft teilweise quer. Als kleine Anekdote: Vor einigen Jahren wurde die Identitätskarte für Frauen eingeführt. Da lediglich die obere Bildungsschicht, die Elite, sich um die Beschaffung einer solchen bemühte, zwang man den Rest der Frauen, sich eine Identitätskarte zuzulegen, indem eine Bankkontoeröffnung an den Besitz einer solchen knüpfte. Die Frauen liessen also einen Personalausweis anfertigen, klebten jedoch sobald es ging einen kleinen Sticker – zum Beispiel einen Schmetterling – auf ihre exponierten Gesichter. (lacht)

Also liegt es vor allem an der Gesellschaft, sich zu wandeln?

Ja, in erster Linie. Der Wandel wird Zeit in Anspruch nehmen; vielleicht eine oder zwei Generationen. Die junge Generation ist bereits progressiver eingestellt als ihre Eltern. Viele von ihnen – Frauen wie Männer –  erhalten heutzutage hohe Stipendien, um im Ausland studieren zu können. Ich wünschte, das hätte es zu meiner Zeit gegeben! Was für eine Chance! Sowohl Studiengebühren als auch Kost und Logis werden vom Königreich übernommen.

Das Tolle daran ist, dass diese jungen Leute in die Welt hinausziehen, anderes sehen und wenn sie zurückkehren, zum sozialen Wandel beitragen. Saudi-Arabien ist ein reiches Land, es gibt hier viel zu holen. Deshalb kehrt die junge Generation zurück und bringt fortschrittliches Gedankengut mit sich.

Wäre die Geschichte Wadjdas in Wirklichkeit möglich oder handelt es sich eher um eine Wunschvorstellung?

Natürlich wäre das möglich! Das Fahrrad könnte irgendetwas sein. Glaubt eine Person an sich selbst und folgt ihren Träumen, dann ist alles möglich. Selbst an den konservativsten Orten. Entschlossenheit, harte Arbeit und Hartnäckigkeit sind von Nöten, aber das macht sich bezahlt.

In welcher Hinsicht kann Ihr Film zur positiven Veränderung der Stellung von Frauen in Saudi-Arabien beitragen?

Es ist wichtig, den Leuten anhand von Beispielen wie jenem eines kleinen Mädchens, das ihren Traum erfüllt, Mut zu schenken. Viel einfacher wäre es, einen Film über Frauen als Opfer zu drehen und darzustellen, wie hart und traurig ihre Leben sind. Jammern ist leichter. Aber wohin kommen wir damit? Es ist nicht wichtig, sich zu beklagen. Von Bedeutung ist es, zu hoffen, vorwärts zu schauen und einen Konsens zu finden.

Wenn jemand sich meinen Film ansieht und daraufhin seiner Tochter einen Wunsch erfüllt, dann ist dies, meiner Meinung nach, schon viel wert. Grosse Veränderungen, wie Revolutionen, die nicht von Herzen kommen, sind nicht wirklich gross. Wir müssen verstehen, dass wir die Dinge mit kleinen, ehrlich gemeinten Schritten auf persönlichem Niveau verändern können.

Zu guter Letzt: Welche Träume und Hoffnungen hegen Sie für die Zukunft Ihres Herkunftslandes?

(lacht) Oh, ich würde viele Dinge gerne ändern sehen. Mich auf eine Angelegenheit zu beschränken, fällt mir schwer. (überlegt)

Aber ich sähe gerne mehr Freiheit und Wertschätzung gegenüber Kunst. Ach ja, und Kinos. Hoffentlich werden wir bald das Theater in Saudi-Arabien einführen – Kinos wären jedoch auch sehr wünschenswert.


Rubrik “Ausgegraben!”

In der schnelllebigen Medienwelt verschwinden auch journalistische Glanzstücke zu früh aus dem Fokus. Über den Sommer hinweg publiziert Tink.ch in dieser Rubrik wiederentdeckte Artikel, die bereits einmal die Frontseite zierten. Den Anfang macht dieses Interview, das erstmals am 5. April 2013 auf Tink.ch erschienen ist.

Gay Cops: Regenbogen im Polizeirevier (Kopie 1)

Josef Hosp hat ein Problem. Nicht, weil er homosexuell ist. Vielmehr deshalb, weil er Polizeibeamter ist. Polizist-Sein und Schwul-Sein verträgt sich nämlich nicht gut, zumindest nicht in Österreich. Gelernt hat er das auf die harte Tour.

 

Denkt man in Klischees, findet man bei Josef Hosp nicht viel Angriffsfläche. Der bodenständige 55-Jährige mit dem grauweissen Vollbart gibt auf den ersten Blick weder den unerbittlichen Hüter des Gesetzes noch den überzogenen Quoten-Homosexuellen. “Ich bin sicher nicht der typische Schwule, wie man ihn aus Fernsehserien kennt”, meint er. “Mit den Armen zu fuchteln, mir die Nägel zu lackieren oder herum zu quietschen liegt mir einfach nicht.” Erst als sich der einzige geoutete Polizist Vorarlbergs einen Schluck von seinem alkoholfreien Feierabendbier genehmigt, blitzt ein Indiz für seine sexuelle Orientierung an seinem rechten Handgelenk hervor: Ein regenbogenfarbenes Armband. Er trägt es aus Solidarität zur Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgender-Gemeinschaft (LGBT). Auch im Polizeidienst: “Die meisten kennen diese Verbindung eh nicht. Aber manchmal sieht es jemand und lächelt mir zu.”

 

Beziehungen zu Frauen scheiterten

Dass ihn Männer mehr interessieren als Frauen, merkte Josef Hosp mit etwa 17 Jahren. Davor hatte er einige Male versucht, Beziehungen mit Frauen zu führen. Doch das Gefühl, dass etwas fehlte, liess sich nicht abschütteln. Als er sich seine Homosexualität schliesslich eingestand, war das für ihn der Beginn einer sehr schwierigen Zeit – schliesslich wurde Homosexualität damals von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch als psychische Krankheit eingestuft: “Ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Es gab ja noch kein Internet und auch keine Lokale, die ich besuchen konnte.”

 

Was es gab, waren ein paar Zeitungen, doch in Vorarlberg war die Gefahr zu gross, beim Kauf einer solchen erkannt zu werden. Erst als er aus beruflichen Gründen ab und zu in Wien war, startete Josef Hosp den Versuch, ein einschlägiges Lokal aufzusuchen. Oft stand er mit klopfendem Herzen vor der Tür, bis ihn der Mut dann doch verliess. “Irgendwann war es dann aber so weit und ich habe gemerkt: Hier fühle ich mich zuhause.”

 

Outing in den 90er-Jahren

Damals war Josef Hosp noch nicht bei der Polizei, sondern Zollwachbeamter in Feldkirch. Er machte seinen Job gut. Das ständige Leben in zwei verschiedenen Welten kostete ihn allerdings viel Energie und Lebensqualität – bis er 1991 genug hatte. Auf einem Lehrgang für dienstführende Beamte in Wien kamen von Kollegen immer wieder Sticheleien: Es sei doch merkwürdig, dass er mit fast 30 Jahren immer noch unverheiratet sei. Eines Abends in einer Lokalrunde fasste er schliesslich den Entschluss, sich offen vor allen zu seiner Homosexualität zu bekennen: “Ich hab mir gedacht: Einfach aufräumen und dann ist endlich Ruhe.”

 

Doch Ruhe war dann nicht. Tags darauf wurde Hosp in die Schulkanzlei zitiert. Zwei Lehrer erklärten ihm, man wünsche, dass nicht über dieses Thema geredet werde. Sie gaben ihm ausserdem zu verstehen, dass sich seine sexuelle Orientierung negativ auf sein Fortkommen im Lehrgang auswirken könne – beweisen kann er das im Nachhinein nicht.

 

Schlussstrich durch Dienstwaffe

Zurück bei der Zollfahndung in Feldkirch wurde ihm von seinen Bereichsleitern mitgeteilt, dass inzwischen ein Schreiben gegen ihn vorliege. Es wäre eine Zumutung, mit ihm in den Aussendienst zu gehen, weil man sich dann ständig für seine sexuelle Orientierung rechtfertigen müsse. Darunter befanden sich die Unterschriften jedes einzelnen seiner Kollegen.

 

Daraufhin wurde Josef Hosp in den Innendienst versetzt. Das Mobbing blieb aber bestehen und führte zu starken Selbstzweifeln. Auch sein damaliger Partner spürte seine Unsicherheit und schliesslich zerbrach die Beziehung. “An meinem Tiefpunkt saß ich mit meiner Dienstwaffe in der Hand im Büro und fragte mich: Soll ich oder soll ich nicht?”, erinnert sich Hosp. In dieser Situation fand ihn eine Reinigungsdame vor. “Sie hat mich angesehen und gesagt: ‘Leg das mal zur Seite, wir gehen einen Kaffee trinken. Wenn du meinst, kannst du nachher immer noch.'”

 

Lebensaufgabe durch die Gay-Cops

Seit diesem Zeitpunkt sind etwa zwei Jahrzehnte vergangen und trotz dieser Erfahrung würde sich Hosp jederzeit wieder outen. In der Zwischenzeit hat sich vieles zum Positiven gewendet: Von seinem nächsten Vorgesetzten erhielt Josef Hosp volle Rückendeckung und auch, als 2004 die Zollwache aufgelöst wurde und er zur Polizei wechselte, gab es keine Probleme.

 

Als drei Jahre darauf der Verein Gay Cops Austria rund um den damaligen Obmann Ewald Widi gegründet wurde, markierte dies den Beginn einer Lebensaufgabe, wie Hosp sagt. Der Verein dient als Anlaufstelle für schwule, lesbische und transidente Polizeibeamte und bekämpft gleichzeitig Vorurteile innerhalb der Polizei. Er zählt derzeit etwa 70 Mitglieder, von denen rund 30 Prozent geoutet sind sowie zahlreiche User mit anonymen Nicknamen.

 

“Bin stark genug, mich selbst zu schützen”

Als Josef Hosp sich bei den Gay Cops zu engagieren begann, wurde das von seinen Vorgesetzten anfangs nicht gut geheissen: “Bei einem persönlichen Gespräch wurde mir gesagt, ich solle damit nicht an die Öffentlichkeit gehen. Man wolle mich vor der Bevölkerung und negativen Einflüssen schützen”, erzählt er. “Ich denke aber, ich bin stark genug, mich selbst zu schützen und mittlerweile ist es überhaupt kein Thema mehr, dass ich für Vereinsangelegenheiten die Uniformtragerlaubnis und Sonderurlaub erhalte.” Besonders freut ihn, dass die Gay Cops ihren Verein mittlerweile in Polizeischulen vorstellen und Schulungen halten können: “So werden gerade bei den jungen Kollegen sehr viele Ängste schon vorab abgebaut.”

 

Die Landespolizeidirektion (LPD) Vorarlberg bestätigt diese Entwicklung in Richtung Offenheit und Toleranz. “Das Verhältnis zwischen der LPD und den Gay Cops Austria ist sehr gut”, betont Pressesprecherin Susanne Dilp. “Die Gesellschaft entwickelt sich weiter und bei der Polizei ist grundsätzlich jeder willkommen, unabhängig von sexueller Orientierung, Religion oder anderen Faktoren. Sollte es trotzdem zu Problemen kommen, dienen Gleichbehandlungsbeauftragte in den Bundesländern als Ansprechpartner.”

 

Positive Erlebnisse überwiegen

Als stellvertretender Obmann vertritt Josef Hosp die Gay Cops Austria mittlerweile auf Veranstaltungen in ganz Europa – ob Regenbogenball in Wien oder offiziellem Staatsempfang in Irland. Im Jahr 2012 nahmen die Gay Cops gemeinsam mit 70 Teilnehmern aus ganz Europa bei der Regenbogenparade in Wien teil. Dieses Jahr konzentrieren sie sich auf ihren Infostand bei der Pride Village am Rathausplatz. Dort werden Josef Hosp und seine Kollegen wie schon im Vorjahr über ihre Lebensweise informieren und mit Klischees aufräumen, indem sie geduldig immer wiederkehrende Fragen beantworten (“Ja, wir sind echte Polizisten.” Oder: “Nein, wir müssen uns nicht überlegen, ob wir ‘der Mann’ oder ‘die Frau’ in einer Beziehung sind.”)

 

Erlebt hat Josef Hosp auf solchen Events schon einiges, neben Beleidigungen wie “Ihr gehört verbrannt!” überwiegen für ihn aber eindeutig die positiven Erlebnisse. Er treffe dort zum Beispiel auf Menschen, die bisher nie mit solchen Themen umgehen konnten und nun ein besseres Verständnis entwickeln wollen. “Ich habe auch lesbische und schwule Paare getroffen, die 60 Jahre und älter sind und jetzt urplötzlich Hand in Hand durch die Stadt laufen können. Das ist eine schöne Entwicklung und ich bin stolz, wenn ich dazu einen Teil beitragen kann”, erzählt er.

 

“Für FPÖ war sexuelle Orientierung nie Thema”

Trotz dieser Entwicklungen findet Josef Hosp nicht, dass Österreich in Sachen Gleichberechtigung am Ziel angelangt ist. Innerhalb der Polizei seien homosexuelle Beamte immer noch mit diskriminierenden Vorfällen konfrontiert – von Schwulenwitzen aus der untersten Schublade über gezielt homophobe Kommentare bis hin zur Ablehnung, sich in denselben Dienstwagen zu setzen wie ein homosexueller Kollege. “Das liegt daran, dass diese Lebensweise in den Köpfen vieler Menschen nur auf das Sexuelle reduziert wird”, kritisiert Hosp.

 

Auch allgemeine gesetzliche Regelungen wie die um die eingetragene Partnerschaft seien verbesserungswürdig. Nach dem Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest habe es zwar Versprechungen seitens der Politik gegeben, jedoch befinde sich Österreich nach wie vor europaweit im hinteren Feld: “Es ist schade, dass der Staat meist nur dann reagiert, wenn er von der EU zu Angleichungen im Gesetz gezwungen wird. Gerade mit dem momentanen Rechtsdrang in der Politik wird die Antipathie wieder geschürt.”

 

Hört man Josef Hosp vom Rechtsdrang reden, würde man kaum glauben, dass er früher Chef der Freiheitlichen Zollgewerkschaft war. Geoutet war er auch in seiner Zeit als FPÖ-Funktionär: “Als ich Anfang der 80er-Jahre dort angefangen habe, kannte ich die Regierungsmannschaft persönlich und sexuelle Orientierungen waren kein Thema.” Die anderen Parteien – Schwarz und Rot – seien für ihn einfach keine Alternative gewesen und auch als dann die Grünen aufkamen, konnte er diese damals nicht mit seiner Lebensweise in Verbindung bringen.

 

“Mit Jörg Haider schwankte die Stimmung dann in eine Richtung, dass gehetzt wurde”, erinnert sich Hosp. Seitdem ist er nicht mehr politisch tätig und auch der Verein der Gay Cops Austria will sich an keine Partei binden. Vielmehr hält sich der Verein an eine Politik der Öffnung und Akzeptanz. “Wichtig ist uns, den Menschen zu zeigen, dass wir zueinander stehen und so, wie wir sind, ein erfolgreiches berufliches und privates Leben führen können”, betont Hosp. Er selbst lebt seit einem Jahr mit seinem Partner zusammen, der ihn in seinem Engagement für die Gay Cops tatkräftig unterstützt.

Geile Kunst

Die Art Basel 2014 hat begonnen. Und so wie sich Gewisse über die WM freuen, werfen jetzt andere ihre Perrets in die Luft und wischen Freudetränen hinter dicken Brillengläsern ab. Ganz schön klischiert? Tja.

 

Ich bin Kunstbanausin, bezüglich der “Fine Arts” reicht mein Bildungshorizont gerade knapp bis zu den Klischees. Wenn ich mir ein rotes Quadrat von Mark Rothko ansehe, – selbstverständlich musste ich dieses Name-Dropping googlen –, dann denke ich bestenfalls an Pizza. Eventuell maule ich in solch einem Moment sogar etwas von wegen “das könnte ich ja auch”, und kassiere dann von offensichtlich gescheiteren Menschen die Standardschimpfe für solche Dummheiten: Darauf komme es nicht an. Im Sinne einer Bildungsreise begab ich mich also dieses Jahr zum ersten Mal an eine dieser Kunstmessen – gewappnet mit hauseigenem Zynismus, einer guten Portion Vorurteile und dem schlummernden Bedürfnis, etwas zu sehen, das vielleicht sogar ich und all die anderen Kunstbanausen da draussen verstehen.

 

Erste Fragezeichen

Mein Kunstdebüt gab ich an der Scope. Hier habe ich schon ein bisschen was von gehört – Leute mussten weg und Wagenplätze wurde geräumt. Dort wo es angeblich viel Platz für Parkplätze brauchte, sehe ich vor meinem geistigen Auge Strohbälle vorbeirollen. Hier drängen sich Fragen auf: Was ist Kunst? Und braucht sie Parkplätze? Ich fühle mich kritisch und will mir lobend die Schulter tätscheln.

 

In der Ausstellung selbst ist dann endlich das da, was die meisten Menschen wohl als Kunst verstehen. Ich bin vorerst etwas eingeschüchtert. Offensichtliche Kenner gestikulieren wild vor weissen Bildern, die mir mit viel Fantasie bestenfalls ein winterliches Gefühl vermitteln. Ich merke schnell, dass ich wohl ein leicht zu beeindruckendes Gemüt habe. Wo ich stehen bleibe, anerkennend nicke und ein ernstes Gesicht mache, laufen viele schnurstracks vorbei. Hindert mich mein mangelndes Fachwissen daran, Kunst so zu würdigen, wie sie es verdient hätte? Für mich tun sich hier keine Welten auf, ich bin nie gedankenverloren und zum Schmunzeln bringt mich nicht der clever gesetzte Pinselstrich auf einem überdimensionalen Gemälde, sondern die leise Ironie, wenn in einer Galerie blau angemalte “semi precious” Steine für 300 Euro verkauft werden.

 

Geilheit liegt im Auge des Betrachters

Mit dem bitteren Wunsch, endlich irgendwo eine tiefgründige Botschaft zu entdecken, wird der Messebesuch zunehmend anstrengend.  Gerade als ich vor einer Kugel aus hübsch verzierten Eiern stehe, und über die Schönheit der Welt und ihre Zerbrechlichkeit nachzudenken versuche, da passiert es. Zwei Kinder treten aufgeregt neben mich vor den Eier-Globus und quietschen verzückt: “Geeeeeeeeil!”.  Und der Groschen fällt: Es gibt kein universelles Kunstverständnis. Für die einen ist  expressionistisch was für die anderen geil ist. Wir müssen nicht die eine Botschaft hinter einem Objekt erkennen. Vielleicht ist es für alle eine andere. Vielleicht gibt-˜s keine. Mit dieser Erkenntnis kann ich der Scope viel mehr abgewinnen. Den Rest meines Besuches bleibe ich manchmal stehen, manchmal nicht – ganz egal, ob das andere auch tun. Hauptsache, es gefällt.

Vierzehnter Brief aus Deutschland

Guten Tag, liebe Eidgenossen.

 

Seit mehr als drei Monaten nun schreiben wir Ihnen jede Woche einen Brief. Leider kommen wir nicht umhin zu bemerken, dass sich seitdem so gar nichts bei Ihnen geändert hat. Noch immer gilt die Schweiz als das arroganteste und unfreundlichste Land Europas neben Deutschland. Wir stellen uns mittlerweile ernsthaft die Frage, ob Sie unsere vielen guten Ratschläge überhaupt Ernst nehmen?

 

Glauben Sie eigentlich, wir machen das hier alles zum Spaß?

 

Wir sagen Ihnen, Sie sollen für den Mindestlohn stimmen. Und Sie stimmen dagegen! Wir lassen vorsichtig anklingen, dass in Ihrem Land zu viele unterschiedliche Sprachen gesprochen werden und was passiert? Nichts! Noch immer gibt es dieses merkwürdig klingende Schweizerdeutsch.

 

Wir können diese Kolumne auch einfach lassen, offenbar brauchen Sie ja keine Ratschläge aus Deutschland. Oder – ach – Moment – könnte es vielleicht daran liegen, dass die Ratschläge aus Deutschland kommen? Ist es so, dass Sie unsere Briefe nicht ernst nehmen, weil sie aus dem spaßhaft so genannten “Großen – Verzeihung – Grossen Kanton- kommen?

 

Ignorieren Sie uns, weil wir Deutsche sind? Das kann es doch nicht wirklich sein, oder..? Also, das würde uns sehr erschüttern. Immerhin wird dieser Brief ja regemäßig von mehr als 10 Leuten gelesen, und die können sich doch nicht nur – naja – also die werden sich doch nicht nur über uns lustig machen…

oder…?

 

Wäre es etwas Anderes, wenn der Brief aus Belgien käme? Oder aus einem eher seelenverwandten Land wie Norwegen?

 

In diesem Falle freuen wir uns, Ihnen an dieser Stelle mitteilen zu dürfen, dass Sie ab der kommenden Woche regelmäßig Post aus Belgien erhalten.

Oder Luxemburg.

Oder den USA.

Ach, irgendein Land halt, das Sie verdammt nochmal Ernst nehmen!

 

In diesem Sinne,

 

Au revoir,

 

Ihr – ach, vergessen Sie’s einfach!

Oma will die Scheidung

Wer kennt das nicht? Man betritt seinen Lieblingsbuchladen und da ist sofort dieses eine Cover, das einen anspricht: Ein atmosphärisches Bild vom Meer mit einer verschlungenen Schrift, die den schönen Titel Sehnsucht ist ein Notfall ankündigt. Ob der Inhalt hält, was die Verpackung verspricht?

 

Die Story klingt wie ein 0815-Klischeeroman: Eva hat eigentlich alles, was man braucht, um glücklich zu sein. Sie liebt ihren Job als Physiotherapeutin und genauso liebt sie Johannes, mit dem sie seit sechs Jahren in einer Beziehung lebt. Doch als ihr die eng vertraute Oma am Silvesterabend erzählt, dass sie mit 79 Jahren Opa verlassen und ausziehen möchte, bringt das auch Evas Welt durcheinander. Ist sie wirklich glücklich oder schlummert in ihr doch eine Sehnsucht nach mehr?

 

Als dann auch noch Tobias in ihr Leben tritt, der ihr alles bieten kann, was sie bei Johannes vermisst, wird es Eva zu viel. Auch Oma hält es nicht mehr länger mit Opas andauernd schlechter Laune aus. Der Plan? “Komm Oma, wir fahren ans Meer!”

 

Simpel aber überzeugend

Der Roman erzeugt wider erwarten eine ganz eigene Seite von Klischee: Er überzeugt mit seiner Einfachheit.

 

“Eva, ich muss dir was sagen: Ich ziehe aus, ich will nicht mehr, ich mache Schluss und verlasse ihn.”

 

Mit diesen simplen Worten beginnt Sabine Heinrich ihren Debüt-Roman und auch im weiteren Verlauf wird alles in Alltagssprache heruntergebrochen, was für einen zügigen Lesefluss sorgt und die Geschichte zu jeder Zeit real wirken lässt. Dies untermalt die Autorin auch in der Art, wie sie von ihren beiden Protagonistinnen erzählt. Dargestellt mit all ihren Fehlern und Macken wirken diese lebendig und echt und wachsen den Lesenden schnell ans Herz.

 

Hier entlang

Die lustige, verquirlte Eva, die zwar den Weg nach Italien dank Handy-Navi findet, jedoch nicht weiss, wo lang in ihrem Leben: Der gesamte Roman wird aus ihrer Perspektive geschildert.

 

Und die herzliche aber auch direkte Oma aus dem Ruhrpott, die frei nach dem Lebensmotto “Verlass dich auf andere und du bist verlassen” lebt und mit ihrem gesammelten Wissen aus dem Fernseher up to date ist. Sie hat den Mut, trotz hohem Alter, neu anzufangen. Geschickt fügt die Autorin eine kräftige Portion Humor hinzu, die die Lesenden das eine oder andere Mal schmunzeln lassen. Etwa als Eva erklärt, wieso sie sich für den Kauf von blauer Unterwäsche entschieden hat: “Blau ist die Schweiz der Unterwäschefarben.”

 

Im Hier und Jetzt

Da der Roman sich dem Genre Gegenwartsliteratur zuordnen lässt, ist nicht nur Evas Oma bestens über aktuelle Fortschritte in allen Belangen der Technologie informiert.

 

Romane, in denen E-Mails oder SMS ausgetauscht werden sind mittlerweile zwar keine Seltenheit mehr, aber zum ersten Mal begegnet man WhatsApp und Instagram mit den dazu passenden kreativen Hashtags. Zudem gewinnt der Roman an Modernität durch das Einbauen von Liedern plus Zitaten aus deren Songtexten.

 

Dieses Phänomen könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass die Autorin hauptberuflich Radiomoderatorin ist. Der Story wird somit ihr ganz eigener Soundtrack verliehen: Von Conny Froboess Zwei kleine Italiener bis Rihannas Diamonds ist alles dabei. Aber nicht nur der alltägliche Radiomainstream findet sich im Buch. Ein paar Titelgeheimtipps tauchen auf, welche auch leicht im Internet zu finden sind. Je nach Geschmack, lohnt es sich diese in die eigene Playlist aufzunehmen.

 

Nicht makellos

Ein Schwachpunkt hat der Roman dennoch: Die Story ist oft voraussehbar, was dem Überraschungs-Junkie beim Lesen nicht gefallen wird. Ihren Glanz erhält die Geschichte durch das Alltägliche, welches mit Witz, Sympathie und Humor eine besondere Geschichte erzeugt. Deshalb tut es weh, dass die 285 Seiten einen viel zu schnell durch die Hände gleiten, da es sich zu flott lesen lässt. Als Ferienlektüre ist das Buch trotzdem tauglich: Man kann den Lesestoff mit gutem Gewissen seinen Miturlaubern in die Hand drücken.

 


Lieblingszitat der Tink.ch-Autorin:
“Verlass dich auf andere und du bist verlassen.”