Gesellschaft | 23.05.2014

Zehnter Brief aus Deutschland

Dass wir am vergangenen Sonntag trotz deutscher Empfehlung den Mindestlohn nicht angenommen haben, nimmt man uns im grossen Kanton übel. Doch nicht nur das Bundeshaus missfällt den Deutschen, sondern auch das ganze Drumherum: Die Sprachen, der Schnee, die Schweizer.
Die Brieftaube fliegt jede Woche in die Schweiz, damit die Deutschen das im Sommer nicht tun müssen.
Bild: Katharina Good

Guten Tag, liebe Eidgenossen,

 

ein Blick in den Kalender bestätigt einen Anfangsverdacht: der Sommer kommt mit schnellen Schritten. Traditionell ist das die Zeit, in der der Deutsche sich Gedanken über den kommenden Urlaub macht.

Schnell ist dann klar: die schönste Zeit des Jahres wird nicht in der Schweiz verbracht. Wir wollen Ihnen heute erklären, warum wir uns Besseres vorstellen können, als zwei, drei Wochen bei Ihnen zu verbringen.

 

Zum Einen sind da diese unfassbaren Berge – überall! Wohin man auch schaut in Ihrem Land, nur Erhebungen, schneebedeckte Gipfel, Seilbahnen und seltsame, bärtige Alte.

Dann ist da diese Sprache. Der Deutsche ist es ja gewohnt, dass er in einem anderen Land oft auch einer fremden Sprache ausgesetzt ist. In Frankreich ist es Französisch. In England Englisch. In Schweden Schwedisch. In Dänemark Dänisch. In Vietnam Vietnamesisch. In Indien Indisch. In Kasachstan Kasachisch. In Bulgarien Bulgarisch. In Spanien Spanisch. In Griechenland Griechisch. In Simbabwe Simbabwe…Simes….Afrikanisch.

 

Und in der Schweiz? Da hat man es plötzlich mit drei unterschiedlichen Amtssprachen zu tun. Warum gibt es nicht einfach ein einheitliches Schweizerisch?

 

Staaten sind von einander durch unterschiedliche Sprachen getrennt. Das ist einfach so. Und muss so sein. Deshalb gab es immer wieder Bestrebungen, alle deutschsprachigen Länder zu einem großen Ganzen zusammen zu führen. Irgendwann wird in der gesamten Europäischen Union Deutsch gesprochen und dann wird endlich alles gut.

 

Dann hat es sich auch endlich mal mit Ihrem Sprachenwirrwarr. Was viele Schweizer nicht wussten: bei der Gripen-Abstimmung ging es auch um eine größere Abhängigkeit von der EU und der NATO. Der Schweizer hat sich mit überwältigender Mehrheit dafür ausgesprochen, künftig noch mehr vom Wohlwollen der Nachbarstaaten abhängig zu sein. Das führt dann irgendwann zum EU-Beitritt, weil alles andere lächerlich wäre.

 

Ach, aber was noch mehr gegen einen Urlaub in der Schweiz spricht: die horrenden Preise. Wir haben vergangene Woche ja bereits über den heiß diskutierten Mindestlohn von 4.000 Franken gesprochen, bei dem Sie entgegen unserer ausdrücklichen Aufforderung mit Nein gestimmt haben (warum auch nur EINMAL auf den Deutschen hören?!).

Als Tourist, der eine Woche Urlaub bei Ihnen macht, ist man nach weniger als zwei Tagen pleite. Da bezahlt man für ein einfaches Essen, bestehend aus einer kleinen Tiefkühlpizza und einer Flasche Cola, weit über hundert Franken, wofür wir hier höchstens 3 Euro ausgeben.

 

Aber dafür sind die Prostituierten bei Ihnen günstiger als im EU-Schnitt. Das hat eine Umfrage unter unserer Redaktion ergeben.

 

Wir sprechen also nochmal über unsere Urlaubsplanung.

 

Sommerliche Grüße,

 

Ihr verehrtes Deutschland