Kultur | 06.05.2014

Smartphones, Youporn und das Leben

Text von Vera Probst | Bilder von zVg
In der Rubrik "Generation Handy" wurden an der Kurzfilmnacht in Bern sieben Filme rund ums Thema Handy, Internet und Vernetzung gezeigt. Die Filme überzeugen mit witzigen Ideen und rasanten Inszenierungen. Die Kurzfilmnacht findet im Mai noch in sechs Schweizer Städten statt.
Bert sucht im Film "97%" seine grosse Liebe.
Bild: zVg

Ein liebeshungriger Mann mit seinem Smartphone, das Computerleben eines Teenagers und ein Klingeltonduell zweier älteren Damen. Dies und noch viel mehr sieht man an der Kurzfilmnacht-Tour 2014 zum Thema “Generation Handy”. Sieben Filme werden in diesem Block gezeigt. Diese sind nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus Belgien, Kroatien, den Niederlanden und Kanada. Der Kurzfilmblock beinhaltet drei Animationsfilme und vier Spielfilme. Ein gemischtes Programm, das die Zuschauenden oft zum Lachen bringt, aber auch nachdenklich stimmen kann.

 

 

Realitätsverlust

Da wäre zum Beispiel der Film Steffi gefällt das von Philipp Scholz, in dem der Protagonist Paul sein ganzes Leben in dem sozialen Netzwerk Facebook teilt. Augen hat er nur für sein Smartphone, seine digitalen Freunde und seine Likes. Dass es für ihn gefährlich werden könnte, jede einzelne seiner Aktivitäten im Internet preiszugeben, merkt er erst am Ende. Denn nicht alle Freunde aus den sozialen Netzwerken wollen das Beste für Paul. Inszeniert ist der Film so, dass die digitale Welt für den Zuschauer zum Leben erwacht: Was Paul auf seinem Handy macht oder erlebt, sieht der Zuschauer in der Realität umgesetzt. Wenn also seine Facebook-Freundin Steffi etwas “liked”, sehen wir, wie Paul an einer hübschen jungen Frau vorbeiläuft, die den Daumen hochhält. Der Film zeichnet sich durch viele kreative Einfälle aus und ist witzig aufgebaut.

 

Reale Chance verpasst

Ähnlich wie Paul geht es dem einsamen Bert im Film 97% von Ben Brand. Paul wird im Zug durch eine Partnerschaftsvermittlung angezeigt, dass er zu  97% mit einer sich in der Umgebung befindenden Frau kompatibel ist. Paul sucht im fahrenden Zug so verzweifelt nach der Liebe seines Lebens, dass er die realen Gelegenheiten beim anderen Geschlecht zu spät erkennt. Der Film aus den Niederlanden überzeugt mit guter Kameraführung, die das beklemmende Gefühl eines voll besetzten Zuges einfangen kann, und dies mit einer nonverbalen Geschichte. Wenn man eine Geschichte erzählen kann, ohne ein Wort zu verlieren, macht man seine Sache hervorragend.

 

Die beiden Filme sind ähnlich aufgebaut. Von aussen ein kurzweiliges, amüsantes Vergnügen. Aber sobald der Abspann läuft, werden sich einige Zuschauer fragen, was sie schon alles in ihrem Leben verpasst haben, weil sie sich zu stark auf ihr Smartphone konzentriert haben.

 

Zwischen Skype und Youporn

Der eindrücklichste Film in der Rubrik “Generation Handy” ist gleichzeitig der längste und kommt von weit her. Noah heisst der 18-minütige Film von den Kanadiern Patrick Cederberg und Walter Woodman. Man sieht aber keine Arche, sondern nur, was der 20-jährige Noah auf seinem Computer klickt und tippt. Wir surfen mit ihm zusammen von Facebook auf Youtube, machen mit ihm einen kurzen Ausflug auf Youporn und sind dabei, wenn er sich mit seiner Freundin auf Skype unterhält. Man beobachtet dabei, wie eine Beziehung über Facebook und iPhone zu Ende gehen kann und, dass es nicht immer kindisch und lachhaft ist, wenn Eifersucht aufgrund von sozialen Netzwerken entsteht.

 

Der Film glänzt mit einer interessanten Machart. Zu Beginn kann man sich nicht vorstellen, dass es spannend sein könnte, für mehrere Minuten die Aktivitäten auf dem Computer eines jungen Mannes zu beobachten. Aber schon nach einigen Sekunden bemerkt man, dass es nicht nur ein unterhaltsamer Film ist, sondern auch das Bild einer Generation. Eine Generation, die  so an Computer und Internet gewöhnt ist, dass sie damit ihre Gefühlswelt und ihr Leben ausdrücken können.

 

Fragen über Fragen

Die 50 Minuten der “Generation Handy”-Rubrik vergehen wie im Flug und stimmen nachdenklich. Sind wir zu vernetzt und zu online? Ein Smartphone ist nützlich, aber inwiefern erschwert es unser Leben? Wird eines Tages mein Kopf schmelzen, wenn ich versuche zu telefonieren? Auch wenn die sieben Filme unterschiedlich in Aufbau, Geschichte und Machart sind, alle beschäftigen sich mit diesen Fragen und Themen. Die Fragen können in den Kurzfilmen nicht beantwortet werden, aber das ist auch nicht das Hauptziel dieser Filme. Das Ziel ist zu unterhalten – und das können sie alle.

 


 

Anmerkung: Die Kurzfilmnacht findet noch in folgenden Städten statt: Biel (9.5), Uster (9./10.5),  Luzern (16.5.), St. Gallen (16./17.5), Schaffhausen (23.5.), Winterthur (24.5.)