Politik | 15.05.2014

Schein-Sicherheit verhindert wirksamen Kinderschutz

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Sara von Salis
Monika Egli-Alge arbeitet als Psychologin am Forensischen Institut Ostschweiz. Sie betreut zusammen mit ihren Kollegen rund 60 Pädophilie-Fälle. "80 Prozent der Betroffenen", sagt sie, "sind freiwillig zu uns gekommen.»
M. Egli-Alge arbeitet als Psychologin am Forensischen Institut Ostschweiz.
Bild: Sara von Salis

Das Forensische Institut Ostschweiz (Forio) ist die einzige Anlaufstelle für Pädophile in der Schweiz. Die Rechtspsychologin Monika Egli-Alge arbeitet täglich mit Pädophilen sowohl als Psychologin als auch als Gutachterin für Gerichte und Staatsanwaltschaften.

 

Am 18. Mai wird in der Schweiz über ein Berufsverbot für verurteilte Pädophile entschieden. Wie stehen Sie zur Initiative?

Als Rechtspsychologin ist mir die Kernaussage der Initiative zu undifferenziert. Auch der Initiativ-Titel passt nicht: Es geht nicht um Pädophile. Nicht alle Pädophilen missbrauchen Kinder. Gleichzeitig sind auch nicht alle, die sexuelle Übergriffe an Kindern begehen, pädophil.

 

Die Absicht der Initiative trifft nicht jene Gruppe von Tätern, die hauptsächlich für sexuelle Übergriffe an Kindern verantwortlich sind. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die meisten Übergriffe auf Kinder im familiären Bereich, im sozialen Nahraum der Kinder gemacht werden und nicht im Freizeitbereich, im Fussball- oder Jugendclub und auch nicht in der Schule. Also trifft ein solches Berufsverbot die falschen Leute. Deshalb bin ich gegen die Initiative.

 

Dann ist die Initiative kein wirksamer Kinderschutz?

Nein. Die Initiative hat eine problematische Nebenwirkung: Sie versetzt uns in eine Schein-Sicherheit. Dabei erhalten wir das Gefühl, die gefährlichen Personen im Umfeld von Kindern und Jugendlichen seien allesamt verwahrt und könnten durch das Berufsverbot unseren Kindern nichts mehr antun.

 

Wir hier im Forio sind Kinderschützer und aus dieser Perspektive ist das Vorhaben der Initiative gefährlich und kontraproduktiv. Es verhindert einen wirksamen, nachhaltigen Kinderschutz. Weil Kinderschutz bedarf eine ständige Aufmerksamkeit im gesamten Umfeld des Kindes. Wirksamer Kinderschutz bedeutet, diese Aufmerksamkeit hochzuhalten.

 

Wie stehen Sie zum Gesetztesentwurf des Parlaments?

Es ist eine Gesetzesänderung, die den Bedürfnissen nach einer Verschärfung der Gesetzlage Rechnung trägt.

 

Während meiner Recherchen bin ich auf die Begriffe Ersatzhandlung oder auch Ersatzhandlungstäter gestossen. Können Sie diese erläutern?

Es gibt verschiedene Motive, warum Menschen Kinder sexuell missbrauchen. Eines dieser Motive ist die sogenannte Ersatzhandlung. Wobei dies nicht unbedingt ein günstiger Ausdruck ist, weil er sozusagen vorschlägt, Kinder als Ersatz zu gebrauchen. Gemeint ist, dass eine Gruppe von erwachsenen Tätern nicht aus pädophilen Beweggründen sexuelle Handlungen mit Kindern ausübt, sondern aus anderen Gründen wie zum Beispiel Machtausübung, Demütigung, Rachemotiven. Das nennt man etwas ungeschickt Ersatzhandlung.

 

Was geht in einem Pädophilen vor, wenn er ein Kind sieht?

Jemand, der eine Kernpädophilie hat, dessen sexuelle Präferenz also ausschliesslich auf Kinder fixiert ist, wird von einem Kind sexuell erregt so wie Heterosexuelle vom Gegengeschlechtlichen und Homosexuelle von Gleichgeschlechtlichen. Pädophile sind jedoch nicht Menschen, die jedes Kind anfallen, das sie sehen. Das machen Heterosexuelle und Homosexuelle in der Regel auch nicht.

 

Stichwort Impulstherapie oder Impulssteuerung. Kann man sexuelle Impulse kontrollieren, sie steuern?

Wir Menschen können unser Verhalten weitgehend steuern und die Impulse kontrollieren. Das macht im Grunde auch den Menschen aus, dass er sich nicht nur von Impulsen leiten lässt, sondern dass das Verhalten auch determiniert ist durch die Vernunft. Man kann in eine Bar gehen und einen Gin-Tonic bestellen und wird nicht gleich zum Alkoholiker.

 

Auf diesem Prinzip baut die Behandlung auf: Das sexuelle Verhalten ist veränderbar und steuerbar. Nicht die Neigung, aber was man daraus macht, das ist veränderbar.

 

Gibt es auch die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Pädophilie pharmakologisch zu behandeln. Sanftere Antidepressiva mit leicht triebhemmender Wirkung bis hin zu den Antiandrogenen, also der chemischen Kastration, kommen dabei zum Einsatz. Diese Medikamente haben einerseits eine triebdämpfende Wirkung, welche manche unserer Patienten als angenehm empfinden, weil sie dann ihren sexuellen Trieb nicht mehr spüren. Der sexuelle Trieb ist dabei nicht ausgeprägter, als bei allen anderen. Er kann jedoch einfach nirgends abgeführt werden, was ihn im Zusammenhang mit Kindern problematisch macht.

 

Pädokriminelle werden oft als skrupellos bezeichnet. Würden Sie der Aussage zustimmen, dass viele ihre Taten verharmlosen?

Wenn ich an die Personen denke, die hier in Behandlung sind, dann kann ich das nicht bestätigen. Es gibt eine kleine Gruppe Pädophiler, die sehr starke, sogenannte kognitive Verzerrungen aufweisen. Sie denken zum Beispiel, wenn sie selbst Sex mit Kindern haben, dann geschieht das aus Liebe zum Kind.

 

Wir und auch die Entwicklungspsychologie gehen davon aus, dass kindliche Sexualität nichts mit der Erwachsenensexualität zu tun hat.

 

Sie arbeiten täglich mit Pädophilen und Pädokriminellen zusammen. Können Sie einen bestimmten Stereotyp, oder ein sich wiederholendes Muster, im Bezug auf die Vorgeschichte verzeichnen?

Überhaupt nicht. Wenn wir die 60 Personen betrachten, die bei uns in Behandlung sind, dann sind sie zwischen 18-68 Jahre alt. Sie kommen aus allen sozialen Schichten. Diesen Menschen sieht man ihre Neigung nicht an. Genauso wenig gibt es eine Täterpersönlichkeit. Das Bedingungsgefüge, das jemanden zum Täter werden lässt, ist immer individuell und multifaktoriell. Es gibt weder körperliche, noch hormonelle Merkmale.

 

Pädophilie ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema. Betroffene leben in Angst und Scham. Auch wenn die Frage etwas makaber klingt: Gibt es auch Vorteile oder sagen wir gute Aspekte einer solchen Neigung?

(überlegt) Ich müsste jetzt genauso makaber antworten, wie Sie fragen.

 

Gerne

Bezogen auf das sexuelle Verhalten gibt es keine Vorteile, nein. Wirklich nicht. Erstens ist das verboten und zweitens müssen wir davon ausgehen, dass Kinder Sexualität mit Erwachsenen nicht mögen. Auch wenn es andere Kulturen und geografische Regionen gibt, die diesbezüglich anderer Meinung sind.

 

Pädophile können aber sehr gut die Bedürfnisse von Kindern wahrnehmen. Das ist makaber, weil diese Störung das ja mit sich zieht. Man hat in einer Untersuchung zwei Gruppen einander gegenübergestellt. Pädophile ohne Kinder, welche Kinder sexuell missbraucht haben. Auf der anderen Seite waren Väter ohne pädophile Neigungen. Untersucht wurde: Wie hoch ist die Empathie für Kinder in diesen beiden Gruppen.

Resultat war: Die pädophilen Kindesmissbraucher hatten höhere Empathiewerte für Kinder als Väter.

 

Zusammenfassend: Warum sollte man Ihrer Meinung nach Nein zur Initiative stimmen?

Wir arbeiten hier als Gutachter für Gerichte und Staatsanwaltschaften und machen dabei auch Prognosegutachten mit allem Respekt vor der schieren Unmöglichkeit, menschliches Verhalten überhaupt vorauszusehen. Das ist derart problematisch, dass dabei äusserst sorgfältig vorzugehen ist. Ein Verhalten aber lebenslänglich voraussehen zu wollen, das finde ich unmenschlich, unchristlich, nicht humanitär und es passt auch nicht in unsere aufgeklärte Gesellschaft.

Es gibt Täter, die eine Gefahr für die Menschheit, für die Gesellschaft darstellen. Diese kann man längst verwahren.