Gesellschaft | 16.05.2014

Neunter Brief aus Deutschland

Der neunte Brief aus Deutschland beschäftigt sich mit dem Eurovision Song Contest, dem steilen Aufstieg von Didier Burkhalter und der zartesten Versuchung, seit es Schweizer Banken gibt: Einem Mindestlohn von 6'000 Deutschen Mark im Monat.
Ein Ja zum Mindestlohn könnte bedeuten, dass die deutschen Briefe an die Schweiz bald selbst schweizerisch werden.
Bild: Katharina Good

Geehrte Schweizer und Schweizerinnen, liebe Kinder,

 

zunächst einmal möchten wir Ihnen herzlichst für die sieben Punkte danken, die Ihr Land unserem deutschen Beitrag beim Eurovision Song Contest gab!

 

Wir hätten gerne selbiges getan, aber wir fanden den Schweizer Song einfach nicht gut. Tja, so ist das Leben.

 

Was ist noch so passiert?

 

Ah ja, da wäre Ihr Bundespräsident Didier Burkhalter, der es mit seinen warmen Worten an Putin doch tatsächlich in die internationale Presse geschafft hat. Wir haben einmal nachgeschaut. Seinen letzten internationalen Auftritt hatte er am 14. Mai 2005, als er mit seinem Hubschrauber als erster Mensch der Welt auf dem Mount Everest landete. Moment, halt, warten Sie, das war der Franzose Didier Delsalle.

 

So ist das mit Unwissen. Da glaubt man, bei allem mitreden zu können und ein Blick ins Internet widerlegt dann doch so Einiges. Zum Beispiel glauben viele Deutsche, die Schweiz wäre eine Ansammlung von ignoranten, arroganten, wohlhabenden Schweizern. Und dann stellt sich heraus, dass es im Grunde genommen zum großen Teil ignorante, arrogante, wohlhabende Deutsche sind, die Ihr Land bevölkern. Das stellt man fest, wenn man mal in die Online-Ausgaben von “Blick” und “20 Minuten” schaut. Auch die Homepage der SVP zeigt sich da relativ klar.

 

Aber darum geht es heute eigentlich gar nicht. Wir wollen mit Ihnen über den Mindestlohn diskutieren. Und uns mit Ihnen gut stellen; denn 4000 Franken sind ein sehr guter Grund für uns, uns in der Schweiz niederzulassen. Mein Gott, 4000 Franken! Im Monat! Das sind umgerechnet knapp 3.200 Euro. Und das wiederum sind über 6.000 Deutsche Mark!

 

In der Stunde wären das 22 Franken. 18,50 Euro! Ca. 37 DM.

 

Zur Info: Bei uns beträgt der Mindestlohn pro Stunde gerade einmal niedliche 8,50 Euro. Etwa 10 Franken. Das sind 2.600 Forint!

 

Nun denn, wir, die wir diese Kolumne schreiben, können den hoffentlich positiven Volksentscheid zu dem Thema gar nicht mehr abwarten. Und wollen uns hiermit in die Debatte einmischen und zum “JA!” für die Initiative aufrufen. Ein Mindestlohn in der Höhe würde uns alles vergessen lassen, was wir in den letzten Wochen an dieser Stelle über Ihr Land gesagt haben (“Schweiz stinkt” [Brief aus Deutschland #3/2014], “Schweiz ist *******” [Brief aus Deutschland #3/2014], “Zürich ist doof” [Brief aus Deutschland #3/2014], etc.).

 

Auf jeden Fall kommen wir bald sehr gerne in Ihr Alpenparadies und gerne auch für lange Zeit – sofern Sie denn alle fleißig mit “JA!” stimmen. Ist es denn wahr, dass wirklich jede Tätigkeit mit mindestens 4000 CHF entlohnt wird? Wahnsinn! Wir lieben Ihr Land.

 

In diesem Sinne,

 

Herzlichst,

 

Ihr Deutschland