Gesellschaft | 12.05.2014

Ein Dorn im Auge von Klerus und Volk

Im Gespräch mit einem italienischen Journalisten erwähnte Papst Franziskus, dass das Zölibat kein christliches Dogma, sondern lediglich ein Abkommen aus dem Mittelalter sei. Trotzdem betonte der Argentinier die Wichtigkeit der Ehelosigkeit für Priester und hält scheinbar eisern an dem Gesetz fest. Kirchen-Kenner und Theologen sind sich allerdings sicher: Das Zölibat wird unter Franziskus fallen.
Das Zölibat zwingt Kleriker, sich zwischen Liebe und Glauben zu entscheiden.
Bild: Hajo Rebers / pixelio.de

Das 11. Jahrhundert war ein pechschwarzes Kapitel der Kirchengeschichte: Die ersten Kreuzzüge, zahlreiche Investiturstreits und die Einführung des Eheverbots für Priester umrahmen den Höhepunkt des politischen Konflikts zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Überbleibsel dieser dunklen Epoche ist das Krebsgeschwür Zölibatgesetz. Von erzkonservativen Klerikern widerrechtlich eingeführt, wollten sich bis heute weder ein Konzil noch ein Papst an der Aufhebung dieses Gesetzes die Finger verbrennen.

 

 

“Eine Sexual- und Frauenfeindlichkeit”

Der renommierte Schweizer Theologe Hans Küng ist einer der grössten Kritiker des Eheverbots für Priester und hat mehrere Bücher zu diesem Thema verfasst. In seinem Werk “Ist die Kirche noch zu retten?” schreibt er: “Das Zölibatgesetz ist keine Glaubenswahrheit. Als Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert, hätte es bereits auf den Einspruch der Reformatoren des 16. Jahrhunderts hin aufgehoben werden sollen.”

 

Weiter ist für Küng dieses Gesetz eine Sexual- und Frauenfeindlichkeit, die nicht nur unzeitgemäss, sondern auch theologisch fragwürdig und kaum zu halten sei.

 

“Mauer zwischen Kirche und Mensch”

Die Mehrheit in der Schweizer Bevölkerung ist sich einig: Das Zwangszölibat muss weg. Ein Pfarrer aus dem Kanton Luzern meint: “Das Gesetz entspricht nicht mehr den Wertvorstellungen der heutigen Gesellschaft. Es sollte Priestern freiwillig überlassen werden, ob diese zölibatär leben wollen oder nicht.” Ein Amtskollege stimmt ihm zu: “Verheiratete Priester wären wahrscheinlich viel volksnäher. Schliesslich leben auch fast alle katholischen Laien nicht zölibatär. Durch dieses Gesetz entsteht eine Mauer zwischen Kirche und Mensch.”

 

Tanja Schmidli (19) ist Katholikin aus Aargau. Für sie ist das Zölibatsgesetz mehr als nur eine Einschränkung für Priester: “Ich bin mir sicher, dass das Zölibat auch dazu beiträgt, dass immer mehr Priester pädophil werden. Das Eheverbot schadet nicht nur der Kirche, sondern auch den Menschen. Man sollte es sofort abschaffen.”

Auch konfessionslose Schweizer wie Benjamin Lauber (26) aus Solothurn stehen grösstenteils hinter der Abschaffung des mittelalterlichen Gesetzes: “Mit solchen Dingen schadet sich die Kirche nur selbst. Mit dem Zölibat erschreckt man junge Menschen. Deshalb veraltet die Kirche auch so extrem.”

 

Im Klerus der Kirche findet man jedoch weiterhin zahlreiche Stimmen, die hinter dem Eheverbot für Priester stehen. So auch ein Priester aus dem Kanton St. Gallen: “Die Priester wissen ja, worauf sie sich einlassen. Die Kirche muss für Kleriker die einzige Geliebte bleiben. Das ist ein Versprechen, das man mit der katholischen Kirche eingeht.”

 

Hebt Franziskus das Zölibat auf?

Obwohl momentan fast nichts darauf hindeutet, sind sich viele Theologen und Kirchen-Kenner sicher, dass das Zölibat unter Papst Franziskus fallen wird.

Im Interview mit der österreichischen Tageszeitung “Kurier” sagte der Vatikan-Experte Andreas Englisch: “Ich glaube, es wird ein Nachdenken über die Ehelosigkeit der Priester geben. Die Kirche wird es den Priestern freistellen, ob sie zölibatär leben oder ob sie heiraten wollen.”

 

Tatsächlich ist Papst Franziskus dafür verantwortlich, dass ein anderes umstrittenes Gesetz noch dieses Jahr aufgehoben wird: Wiederverheiratete Laien werden zukünftig uneingeschränkten Zugang zu den Sakramenten erhalten.

 

Krebsgeschwür der katholischen Kirche

Das Zölibat ist wie ein Krebsgeschwür, dass die Patientin katholische Kirche von innen zerfrisst. Es ist hauptverantwortlich dafür, dass in Europa ein dramatischer Priestermangel herrscht – in der Schweiz sank die Zahl der Priester in den letzten 40 Jahren von 4-˜500 auf 3-˜000. Bereits Papst Benedikt XVI. hat in einer Rede den europäischen Priestermangel bedauert, sprach allerdings nicht offen über die Gründe, die dazu führten.

 

Papst Franziskus spricht ehrlicher über die Streitfragen der Kirche. Er weiss, dass die ewige Debatte um das Eheverbot für Priester ein Brandherd ist, der schon vor Jahrhunderten hätte gelöscht werden müssen.

 

“Rebellen-Papst” Franziskus

Mit der Veränderung des vatikanischen Zeremoniells, der Auflockerung des höfischen Protokolls und der Vereinfachung der Kleidung hat der argentinische Papst bereits früh in seinem Pontifikat einen entscheidenden Paradigmenwechsel eingeläutet. Dieser könnte sich durchaus bis zur Abschaffung des Zwangszölibats weiterziehen.

Franziskus-˜ puristische, rebellische Grundhaltung wird geprägt durch seine Zugehörigkeit zum Jesuitenorden, der intellektuellen Speerspitze der katholischen Kirche, und seinem geographischen Hintergrund: Im päpstlichen Heimatkontinent Südamerika wird das Zölibat von der grossen Mehrheit der Kleriker nur müde belächelt.

 

Papst Franziskus hat den Wagen des Fortschritts, der so lange festgefahren war, wieder in Gang gebracht. Falls die Kirche längerfristig weiterbestehen will, darf sie sich nicht mehr an ihren obsoleten Grundsätzen festhalten. Das Zölibat ist die Versinnbildlichung des Antimodernismus, der in der römisch-katholischen Kirche bis heute vorherrscht und ausgelebt wird. Die Abschaffung des Zwangszölibats wäre die grösste Revolution in der katholischen Kirche, seit Johannes XXIII. in den 60er Jahren die Zahl der Kardinäle erhöht hat, damit nicht mehr nur Europäer, sondern auch Amerikaner, Afrikaner und Asiaten ein Mitbestimmungsrecht ihrer Kirche haben.