Kultur | 15.05.2014

Die Monster, die wir riefen

Text von David Bucheli | Bilder von zVg
1954 manifestierte sich das Trauma der Atombombe im japanischen Kino als monströse Riesenechse: Godzilla war geboren. Nun feiert der König der Monster ein furioses Hollywood-Comeback. Der Stoff ist aktuell wie vor 60 Jahren.
Die neuste Hollywoodadaption berücksichtigt beide Seiten des Mythos: Sie zeigt Godzilla als Öko-Hooligan mit der Lizenz zum Randalieren, aber auch als leidenschaftlicher Monster-Prügler.
Bild: zVg

Sein Schrei ist markerschütternd, sein Ruf ramponiert: Godzilla hat in seiner 60-jährigen Geschichte schon so manche Modellstadt niedergewalzt und gilt als Rache der nuklearversuchten Natur an der Menschheit. Aber die japanische Film-Ikone kann auch anders.

 

Als freundliche Riesenechse aus der Nachbarschaft sprang sie häufig genug im Kampf gegen noch gefährlichere Kreaturen in die Bresche. Im japanischen Horror-Kino der 60er und 70er-Jahre kam es nämlich auffällig oft vor, dass Tokio von Riesenmotten, dreiköpfigen Drachen oder fliegenden Mutanten-Rochen attackiert wurde. Ein Glück, dass Godzilla immer im rechten Augenblick zur Stelle war und sein Monopol aufs Städte-Zertrampeln verteidigte.

 

Atomkraft macht müde Monster munter

Die neuste Hollywoodadaption berücksichtigt beide Seiten des Mythos. Sie zeigt Godzilla als Öko-Hooligan mit der Lizenz zum Randalieren, aber eben auch als leidenschaftlicher Monster-Prügler. Und wenn zwei (oder mehr) Monster sich kloppen, freut sich der Dritte – in diesem Fall das Publikum.

 

Godzillas Gegner sind vorsintflutliche Kolosse mit Appetit auf Atomstrahlung und ausgeprägtem Fortpflanzungstrieb. Aufgeweckt durch Uranschürfungen fallen sie über Atommeiler rund um den pazifischen Ozean her. Der Weg der Zerstörung führt von Japan über Hawaii bis nach San Francisco, wo es zum finalen Kampf der Titanen kommt.

 

Zwischen den Fronten

Irgendwo dazwischen tummelt sich ein buntes Arsenal an aufregenden Jungstars und gestandenen Charakterdarstellern. Serien-Star Bryan Cranston gibt sich die Ehre als paranoider (Ex-)Chefingenieur eines japanischen Atomkraftwerks, das in einer ausführlichen Exposition das Schicksal Fukushimas teilt. Jahre später kommt er den Machenschaften eines obskuren Forschungs-Konzerns auf die Spur, der im zerstörten Atomreaktor irgendetwas ausbrütet.

 

Cranstons Film-Sohn Aaron Taylor-Johnson, inzwischen erwachsen und hauptberuflich harter Kerl bei der US Army, hat die Schnauze voll von den wirren Theorien seines Vaters. Gerade erst aus dem Dienst heimgekehrt, lässt er Frau und Kind in San Francisco zurück um Cranston in Japan Vernunft beizubringen. Damit stolpert er geradewegs zwischen die Fronten eines Krieges zwischen Menschen und Monster, dessen Ausgang nur ein noch gewaltigeres Monster entscheiden kann: Goijra, hierzulande besser bekannt als Godzilla.

 

Monster, Mayhem, Katastrophe

In kleineren und grösseren Nebenrollen sind Juliette Binoche, Ken Watanabe, Sally Hawkins und Elizabeth Olson zu sehen. Das Drehbuch platziert die Charaktere geschickt im und rund um das Schlachtfeld und beschwört die grössten Katastrophenszenarien dieses Jahrtausends. Von Flugzeugen, die in Wolkenkratzer stürzen über monströse Tsunami-Wellen bis hin zum erwähnten Fukushima-Déjà -vu ist alles vertreten, was die Welt in den vergangenen Jahren erschüttert hat.

 

Handlung und Figuren bilden dabei nur das hocheffiziente Gerüst für die eigentlichen Schauwerte: Monster, Mayhem, Katastrophe! Regisseur Gareth Edwards, dessen Low-Budget-Triumph Monsters bereits sein Gespür für Timing und Spannungsaufbau demonstrierte, zeigt nicht zuerst die Kreaturen, sondern die Spuren ihrer Verwüstung. Seine titelgebende Hauptattraktion hält er lange genug zurück, um sie dann mit voller Wucht einschlagen zu lassen.

 

Atombombe über alles

Schon das Auftauchen Godzillas aus dem Meer inszeniert Edwards als eine Naturkatastrophe für sich. Denn genau das ist Godzilla letztendlich: eine Naturgewalt, weder gut noch böse, einfach die logische Konsequenz eines aus dem Gleichgewicht geratenen Ökosystems.

 

Die eigentliche Bedrohung sind hier neben AKW-knabbernden Monstern die überheblichen Menschen, die mal wieder nichts gelernt haben und auf das Allzweckmittel Atombombe zurückgreifen. So gerät die finale Schlacht der Giganten auch zu einem Wettlauf gegen die Zeit, bei dem die menschlichen Helden ihre eigenen Fehler ausbügeln und die Bombe wieder entschärfen müssen. Diese fungiert bezeichnenderweise längst als Brutstätte neuer Ungeheuer – ganz im Geiste des Originalfilms von 1954.

 

Godzilla 2014 bietet darüber hinaus, was dem sonstigen Hollywood-Einheitsbrei und insbesondere den inflationären Superhelden-Verfilmungen seit langem abhanden gekommen ist: ehrfurchterregende Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen und noch lange nachwirken. Die kolossale Action wird durch keinen nervösen Stakkato-Schnitt fragmentiert, sondern in ausgedehnten und damit umso imposanteren Einstellungen zelebriert. Monster-Kino, als wär es das erste Mal – selbst Spielberg hätte es zu seinen besten Zeiten nicht eindrücklicher hinbekommen.

 

Von Menschen und Monstern

Daneben verkommen ausgerechnet die hervorragend besetzten menschlichen Nebenrollen zu Statisten. Das ist insbesondere bei Sally Hawkins und Juliette Binoche bedauerlich, die während ihren ohnehin limitierten Auftritten nur als Stichwortgeberinnen dienen.

 

Bei der für Hollywood-Verhältnisse knackigen Laufzeit von zwei Stunden musste sich Edwards wohl entscheiden, ob er den Menschen oder den Monstern den Vorzug gibt. Er hat sich mit zunehmender Laufzeit für zweiteres entschieden. Das ist in Anbetracht des genialen Schlusskampfes sicher nicht verkehrt, lässt die erlesene Besetzung jedoch nicht zur vollen Entfaltung kommen.

 

Aber das ist meckern auf hohem Niveau. Godzilla hält, was die virale PR-Kampagne schon seit Monaten verspricht: Der Film ist gleichzeitig würdige Hommage und brandaktuelle Neuinterpretation des Mythos, steckt voller Verweise auf seine Vorgänger und definiert dennoch eine ganz eigene Vision des Schreckens. Aus der nuklearen Nemesis wurde ein Retter der atomgeilen Menschheit vor sich selbst – und den Monstern, die sie rief. Ein triumphales Comeback für den König der Monster und jetzt schon einer der ganz grossen Blockbuster dieses Sommers!

 

 

Godzilla startet am 15.05.2014 in den Kinos der ganzen Schweiz.