Gesellschaft | 28.05.2014

Die Medialisierung der Religion

Journalistinnen und Journalisten erzeugen und vermitteln durch ihre Art der Berichterstattung Bilder von Religionen - nicht ohne Folgen. Dies zeigt das Nationale Forschungsprogramm 58.
Religionen werden in den Medien in unterschiedliche Muster gedrängt.
Bild: Kurt Michel / pixelio.de

Genau wie in den meisten westeuropäischen Ländern geht die Zahl der Gläubigen in der Schweiz jährlich zurück. Viele Menschen finden in ihrem Alltag keine Bedeutung mehr für die Religion. Dennoch nimmt die Präsenz von Religion in den Medien zu. Zu diesem Resultat kommen mehrere Studien des Nationalen Forschungsprogramms (NFP) 58. Wie erklärt man sich bei den Journalisten diese Diskrepanz?

 

Islam als Auslöser von negativem Religions-Journalismus

Eine starke Veränderung der Berichterstattung über Religion in der Schweiz findet laut diversen Datenerhebungen des Forschungsprogramms in den Monaten nach dem 11. September 2001 statt. Bereits vorher habe sich jedoch schon ein Umschwung angedeutet, der mit der steigenden Anzahl von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz begründet werden könne. Laut einer Volkszählung aus dem Jahr 2007 leben rund 440’000 Menschen, die sich zum Islam bekennen, in der Schweiz. Dies entspricht 5,8 Prozent der gesamten Bevölkerung.

 

Weiter zeigt die Studie, dass die grosse Mehrheit der muslimischen Migrantinnen und Migranten ihre Religion stärker auslebt als die christlichen Schweizerinnen und Schweizer. Für viele Schweizer wurde es daher im Laufe der Jahre unverständlich, dass die Religion für einige Menschen etwas zentral Bestimmendes ist in ihrem Leben.

 

Deshalb wirke der Islam für sie befremdlich und beängstigend, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Musliminnen und Muslime ihre Religion durch äusserliche Merkmale zu erkennen gäben. Diese Angst vor dem Unbekannten wurde geprägt und weiter verstärkt durch die negative Konnotation des Islams in den Schweizer Medien. “Islamismus” nennt sich dieses Konzept, das seit den 90er-Jahren stellvertretend für den islamischen Fundamentalismus steht. Islamismus gilt für viele Menschen seit den Terroranschlägen vom 11. September als die grösste Ursache für Krieg und Menschenrechtsverletzung auf der Welt.

 

Religionen und ihre Rollenbilder

Dass nicht sämtliche Religionen einen negativen Ruf haben, zeigt exemplarisch der Buddhismus. Obwohl es sich auch bei dem Buddhismus um eine fremde Religion handelt, wird dieser laut Studien als eine friedlich-gewaltfreie und sozial engagierte Religion fern von dogmatischen Lehren gesehen.

 

Ausgelöst wird dieses positive Bild des Buddhismus hauptsächlich durch den Dalai Lama. Gefördert wird es zusätzlich dadurch, dass dieser alle paar Jahre die Schweiz besucht und einen offenen Dialog mit jungen Schweizerinnen und Schweizern führt. Das Oberhaupt des Buddhismus gibt sich dadurch noch volksnaher als der römisch-katholische Papst und zeigt sich in seinen öffentlichen Reden als nicht-missionierend. Durch den neuen Papst Franziskus wird aber auch das Christentum wieder vermehrt in der Rolle der “Guten Mutter” gezeigt, wie es die Medienwissenschaftlerin Carmen Koch ausdrückt.

 

Das Judentum hingegen werde durch den Holocaust und den andauernden Nahostkonflikt vor allem in der Rolle des Opfers präsentiert. Dem gegenüber stehen die Muslime, die fast ausschliesslich in der Rolle des Schuldigen zu sehen seien. Die Rolle des Dauerschuldigen konnte das Christentum zu grossen Stücken wieder ablegen, seit Benedikt XVI. seinen Rücktritt bekanntgab und die Kindesmissbrauchsfälle in der Kirche von seinem Nachfolger konsequenter verfolgt werden.

 

“Religion ohne Sex und Gewalt ist uninteressant”

Wie kommt es aber dazu, dass die verschiedenen Religionen in den Medien nicht differenziert behandlet werden? Der Religionsjournalismus-Experte Vinzenz Wyss äusserte sich 2009 im Rahmen seines Forschungsprojekts dazu und meinte, dass Religion trotz ihrer allgemeinen Präsenz kaum “an sich” behandelt werde. Man spreche hierbei von einer Mehrsystemrelevanz. Ein interviewter Redakteur ergänzt: “Am besten ist Religion gekoppelt mit Sex, Gewalt, Erziehung, Schule oder Staat. Rein religiöse Fragen sind weniger interessant.”

 

Im Schlussbericht des Forschungsprojekts kommt man zu dem abschliessenden Urteil: “Auf den einfachsten Nenner gebracht, wird das Christentum als die eigene Religion angesehen, zu der man trotz aller Kirchenkritik ein relativ positives Verhältnis hat. Alle anderen Religionen sind ‘fremd’. Hierbei wird der Buddhismus stereotyp als eine positive Religion, als gewaltfrei, friedlich, einladend und undogmatisch dargestellt. Der Islam wird ebenso stereotyp zum Inbegriff einer negativen Religion erklärt und als gewalttätig, Konflikte produzierend, unterdrückerisch und intolerant empfunden.”

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