Kultur | 02.05.2014

Die Comics erobern Luzern

Text von Jutta Galizia | Bilder von zVg/Monica Tarocco
Das "Fumetto" ist eines der wichtigsten Comic-Festivals Europas. Während neun Tagen kommen Leute aus allen Himmelsrichtungen nach Luzern und ergeben sich der Kraft von Geschichten und Bildern.
Vom 5. bis 13. April 2014 war das Luzerner Fumetto der Treffpunkt für tausende Comic-Fans.
Bild: zVg/Monica Tarocco

Wir leben auf einem Planeten, auf dem 7,2 Milliarden Menschen 6500 verschiedene Sprachen sprechen. Es gibt unglaublich viele Kulturen auf der Welt, mit denen wir nicht verbunden sind, die uns sogar vollkommen fremd sind. Aber da existiert eine weitere Kultur und Sprache, die die Kraft besitzt, von allen verstanden zu werden. Es ist die Sprache der Bilder. Sie ist enorm vielfältig und birgt tausend verschiedene Dialekte in sich. Am Fumetto kann man lernen sie zu sprechen, zu verstehen, und mit anderen zu teilen. Denn hier gibt es Franzosen, Engländer, Italiener, Schweizer, Deutsche und Comics.

 

Sprechblasenjagd

«Fumetto ist italienisch und heisst wörtlich übersetzt «Räuchlein» oder «Sprechblase», da die Sprechblase in den Comics an kleine Rauchwölkchen erinnert«, erklärt Andrea Leardi, Mitorganisatorin des Festivals.

 

Auf Sprechblasenjagd gehen kann man im Am-Rhyn-Haus, dort wird der internationale Wettbewerb ausgestellt. Er ist genauso wie das Fumetto selbst 23 Jahre alt und zählt heute zu den grössten und wichtigsten in Europa. Jährlich nehmen Hunderte von Zeichnern und Zeichnerinnen aus der ganzen Welt daran teil.

 

Süchtig?

Das diesjährige Wettbewerbsmotto fragt: «Sucht oder Genuss?« Interessant ist, wie die Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren damit umgehen. Meist sieht man von ihnen Geschichten über die Bosheit der Drogen, die entweder dumm oder tot machen. Also ganz im Sinne der Drogenprävention. «Tobi lernt in der Schule über Sucht: Man kann von ganz vielem süchtig werden. Davon wird man krank und kann sogar sterben. Jetzt muss Tobi darüber einen Comic machen. Dabei würde er lieber Griechen zeichnen«, so der Text im Comic von Emilio. Die Leute, die vor diesem Comic stehen, wundern sich und rätseln, wie ein Junge auf die Idee kommt, Griechen zeichnen zu wollen.  Ein Einfall, der sich jeglicher Logik zu entziehen scheint und die Genialität der Kinderphantasie hochleben lässt.

 

Nicht nur die Drogensucht wird thematisiert. Auch Sex- und Liebessucht, die Sucht nach dem eigenen Kind, Leistungs- und Computersucht und vieles mehr findet seinen Platz. Denn Tobi hat Recht: Man kann von vielem süchtig werden, sobald die Menge unvorstellbare Höhen erreicht.

 

Sehen, entdecken, staunen

Das Fumetto beherrscht die ganze Stadt Luzern. Es zeigt elf Hauptaustellungen an verschiedenen Orten, sowie zahlreiche Nebenausstellungen namens Satelliten in Cafés, Bars und Läden. Eine dieser elf Hauptaustellungen befindet sich in der Luzerner Kunsthalle. Hier werden Arbeiten gezeigt, die im “Nobrow” Verlag publiziert wurden. Es sind Werke von Luke Pearson, Kellie Strom, Andrew Ray und Verlags-Mitbegründer Sam Arthur. Mitten in der Wirtschaftskrise 2008 lebten zwei junge Männer in London ihren Traum und bauten einen Comic-Verlag auf. Mit Erfolg: Nobrow steht heute für kreative Bücher der Spitzenklasse. Das Buch ist hier ein Kunstobjekt.

 

Nobrow ist Verlag, Druckerei und Bücherei in einem. Die Bücher werden heute mit Erfolg in alle Himmelsrichtungen verschickt. Am Fumetto erstrahlt die Nobrow-Ausstellung in  grosser Vielfalt und kräftigen Farben: Ein wahres Fest für die Augen, das den Besuchern so manche Ahs, Ohs und Wows entlockt. Kellie Strom zeichnet Meeresgeschichten ohne Worte, die meist Schiffe und Seeungeheuer der ungeheuerlichsten Art zeigen. Die im manuellen Druckverfahren namens Lithografie hergestellten Drucke bestechen mit feinsten Linien und mit einer fast übertriebenen Liebe zum Detail.

 

Digitale Innovation

Im Designatelier Neustahl in der Neustadt befindet sich ein Tempel des digitalen Lebens, das natürlich auch die Kunst und den Comic erobert hat. Die Leute wischen, klicken, steuern, hören, lesen, tippen und schieben hier was das Zeug hält. Gebannt starren sie auf Tablets oder iPhones. Man kann sich selbst und die Zeit vollkommen vergessen. Denn hier bewegen sich die Bilder, hier gibt es zu den Bildern auch noch Ton und oft hat der Besucher eine eigene Rolle im Geschehen. So kann er mitbestimmen, was passiert. Eine innovative Mischung aus Animation, Comics, Sound- und Gamedesign.

 

Wilder Ausklang

Wenn die Augen langsam erschöpft sind und die Beine müde vom vielen Gehen heisst das nicht, dass der Comic-Tag schon vorbei ist. Im Gegenteil: Es geht noch viel wilder weiter. Das Ende des Fumetto naht und dieses Ende muss gefeiert und betrauert werden. Zuerst singen sich die Zeichner chaotisch und schräg die Seele aus dem Leib – amüsant. Danach folgt DJ Food, der seinem Namen alle Ehre macht. Denn er füttert die Lust zu tanzen, bis sie im Körper unvorstellbare Grösse erreicht. Mit einem vielfältigen Mix aus Dub, African, Jazz Funk werden aus den gesitteten Ausstellungsbesuchern des Tages wilde Chaostänzer der Nacht.

 

Neben der Musik werden die Comicfans auch visuell verwöhnt. Ein Beamer projiziert grosse, sich bewegende Farbbilder an die Wand. Die Stimmung, hervorgerufen durch die Musik, die Bilder und die wilde Partymeute, ist geradezu enthusiastisch. Sie beerdigt das Fumetto 2014 mit viel Begeisterung, um es nächstes Jahr wieder aufleben zu lassen. Denn das Festival ist und bleibt ein unverzichtbarer Höhepunkt in der Luzerner Kulturszene. Die Gassen der Altstadt, die sonst von konsumfreudigen Einkaufsmenschen verstopft werden, verwandeln sich während dem Festival in pulsierende Begegnungszonen für Comicfans und solche, die es werden wollen.

 

Lauter wissbegierige Menschen kommen, um die Sprache der Bilder zu entdecken. Andrea Leardi schwärmt: «Luzern wird während neun Tagen von Comics erobert. Überall werden Comics ausgestellt, gelesen, darüber diskutiert und natürlich gezeichnet. Man kann sich ihnen kaum entziehen.«

 

Zum Schluss dieses Berichts setzen wir eine Sprechblase in die Luft, darin steht: «Danke Fumetto.« Dafür, dass du dem Konsum als oberstes Gebot in der Stadt den Job geklaut hast, um ihn der Kunst und der Neugierde weiterzugeben. Und für die zauberhafte Stimmung, die dadurch geherrscht hat.