Kultur | 13.05.2014

Chet Faker: Ein Bart, eine Stimme

Text von David Schneider | Bilder von David Schneider
Wenn ein Mann nicht nur durch seine Musik, sondern auch durch sein Aussehen auffällt, ist meist von ihm die Rede: Nicholas James Murphy, besser bekannt als Chet Faker. Der Soul-Barde besticht nicht nur durch seine gefühlsvolle Stimme, sondern auch durch seinen Bart. Das Publikum im ausverkauften Mascotte kam in den Genuss von beidem.
Chet Faker stellt sein Debütalbum in Zürich vor.
Bild: David Schneider

Fast zwei Jahre ist es her, seit Nicholas James Murphy unter dem Namen Chet Faker seine Coverversion des Hip-Hop-Stücks “No Diggity” ins Internet stellte, und dies ursprünglich nur, um seinen Freunden einen Gefallen zu tun. Dass sich dieser Song zum Internethit entwickeln sollte, habe er nicht erwartet. In den nächsten zwei Jahren erfolgte der temporeiche Aufstieg vom Youtube-Hit zum eigens produzierenden Musiker. Der letzte wichtige Schritt fand mit der Veröffentlichung von seinem Debütalbum “Built On Glass” im vergangenen Monat statt. Auf der darauf folgenden Tour machte der Australier auch Halt in der Schweiz.

 

Bärtig mit Turnbeutel

Wie es sich für einen hoch gehandelten Newcomer gehört, war das Konzert im Zürcher Mascotte restlos ausverkauft, und dies bereits Wochen zuvor. So hip wie der Musiker, der seinen Bühnennamen an den Jazzmusiker Chet Baker anlehnt, so hip war auch das anwesende Publikum. Einer war modischer gekleideter als der andere, die Bartträger-Dichte immens, und vor lauter Turnbeutel hätte man denken können, die Leute warteten auf eine Sportstunde. So war das gesamte Mascotte auf Nicholas James Murphy abgestimmt, und nach dem aus Manchester stammenden Support-Act namens Werkha waren sowohl die Stimmung als auch die Glieder locker.

 

Grosse Stimme, kleiner Mann

Um 21 Uhr war es dann soweit; das Licht wurde gedimmt und Chet Faker betrat unter Freudeschreien und Applaus die Bühne. Keine Band, kein grosses Instrumentarium, nur der eher klein gewachsene Musiker, ein Mischpult und sein E-Piano. Dass nicht mehr nötig war, zeigte Faker vom ersten Moment an. Mit Samples seiner Stücke vom Debütalbum unterlegte er seine weiche, mit Soul getränkte Stimme. Ob beim Opener “Release Your Problems”, oder dem vor sich hin gleitenden “I’m Into You”, das auf dem Kurzalbum “Thinking In Textures” den Ton angibt – Chet Faker stillte den Hunger nach seiner Musik. Es genügte ein Blick in die Reihen, um zu erkennen, wie sehr Fakers Stimme fesselte.

 

Kein Gesang, grosses Geplauder

Nach dem herzlichen Empfang liess sich Chet Faker nicht zweimal bitten und überraschte die Anwesenden mit gesampelten Versionen seiner mit dem Musikproduzenten Flume entstanden Songs, wie dem variantenreichen “Drop The Game”, das gekonnt Electronica mit Fakers gefühlsvollen Stimme verbindet. Während der Songs hantierte Faker am Mischpult und baute bei den instrumentalen Teilen stimmige Effekte ein. Doch genau in diesen Momenten, als ein Song rein musikalisch begann oder ein Zwischenteil folgte, war es mit der Stille im Publikum auf einmal vorbei. Als seien sie sich nur für die Gesangsparts gut genug, fingen die Leute an zu plaudern und lenkten ihren Fokus anderswo hin. Schade, da doch gerade in diesen von Faker intensiv gestalteten Instrumentals viel Energie steckte.

 

Soul am Klavier

Abgesehen von diesen schwachen Momenten beim Pubikum war das Konzert ein Genuss für die Ohren. Für die Augen gab es nicht allzu viel zu sehen: Ein Mann und seine Instrumente, gehüllt in schummriges Licht. Hier wäre mehr möglich gewesen. Doch aufgrund der Tatsache, dass er das Publikum ganz allein zu unterhalten hatte, machte Faker seine Sache gut. Er sprach ab und an zu den Leuten und holte sich bei einem Zuschauer Unterstützung durch sein Pfeif-Solo. Die intimsten Momente waren die Lieder wie “No Diggity”, bei dem sich Faker nur mit Klavier und seiner Soulstimme in die Gehörgänge der Zuschauer schmiegte. Es waren auch die Augenblicke, in denen einem bewusst wurde, dass dieser bärtige Australier viel mehr sein sollte als ein Act für Szenekenner. Denn auch Glattrasierte und Nicht-Turnbeutel-Träger mögen gute Musik.