Gesellschaft | 09.05.2014

Achter Brief aus Deutschland

Eszett, Rucksack-S, Buckel-S, Doppel-S: Das "ß" kennt fast so viele Namen wie Verwendungsregeln. Dementsprechend stolz ist man im grossen Kanton auf dieses Symbol der Unabhängigkeit. Warum sich ein politisch-inkorrektes Schweizer Korrekturprogramm nicht um fremde Buchstaben schert - und damit einen länderübergreifenden Streit auslöste - erklärt der achte Brief aus Deutschland.
Auch Korrekturprogramme bleiben nicht verschont von deutschem Hohn. Deshalb erhält Tink.ch jeden Freitag Briefpost vom grossen Kanton.
Bild: Katharina Good

Hoi Schweiz!

 

Nun haben Sie uns soweit: Wir sind sauer. Ja, wir sind sogar stinksauer!

 

Seit mittlerweile acht Wochen schreiben wir jetzt schon diese freundlichen Kolumnen, in denen wir Ihnen hilfreiche Tipps geben, wie Sie Ihren Ruf in dieser Welt verbessern können. Doch statt sich dankbar zu zeigen – dafür, dass sich das nette Nachbarland Deutschland nach Leibeskräften darum bemüht, die Schweiz in der internationalen Beliebtheitsskala vor Länder wie Nordkorea, Saudi-Arabien und Deutschland zu setzen – sind wir einer wöchentlichen Demütigung ausgesetzt, die an schweren Rassismus grenzt.

 

Es geht um die vehemente Vermeidung eines Buchstabens, der unser Land geprägt hat wie kaum ein Zweiter. Wir reden vom “ß”.

 

Wir hatten letzte Woche grossen juristischen Ärger mit dem Lektor von Tink.ch (das ist das Magazin, dass diese Kolumne veröffentlicht – d. Red.), weil in den letzten “Briefen aus Deutschland” peu à  peu der Buchstabe “ß” durch “ss” ersetzt wurde. Ha! Da! Haben Sie das gesehen? Da ist es schon wieder passiert! In dem Satz “Wir hatten letzte Woche grossen juristischen Ärger mit dem Lektor von Tink.ch”! Wir Deutschen schreiben “groß”, mit ß! Sehen Sie jetzt, was wir meinen? Das wird Konsequenzen haben!

 

Angeblich ist das auf ein Korrekturprogramm zurückzuführen. Gut, das klärt nun ein Gericht. Für den Anfang zumindest hilft uns eine einstweilige Verfügung aus Lausanne. Tink.ch muss bis zur Klärung der Sachlage unsere Kolumne fortführen – offensichtlich müssen endlich mal die Fronten geklärt werden.

 

Wir wissen ja, dass Sie in der Schweiz keinen Wert auf diesen Buchstaben legen. Vermutlich hat das historische Gründe. Nach all dem Leid, das wir Deutschen angeblich in der Vergangenheit angerichtet haben sollen, soll der Verzicht auf das “ß” wohl eine Abgrenzung zu uns darstellen. Aber nicht mit uns. Wir Deutschen haben einen gewißen Stolz und dazu gehört, daß wir das “ß” in unserer Schrift nutzen dürfen.

 

Ja, und was soll das jetzt schon wieder? “Gewiss” wird auch bei uns mit “s” geschrieben. Nur weil wir das “ß” haben, heisst das doch nicht, daß wir überhaupt kein “ss” mehr nutzen.

 

Herrgott, “heißen” wird bei uns durchaus noch mit “ß” geschrieben, “dass” jedoch nicht.

 

Daß kann doch nicht so schwer sein! Hallo? Was ißt denn jetzt los?! Mann, Herr Lektor, seit der letzten Rechtschreibreform weiß doch jedes Kind, daß daß “ß” in “daß” nicht mehr mit “ß” geschrieben wird! Anders beim Wort “Schluss”! Da gilt nach wie vor: mit Doppel-ß!

 

Herßlich…herzlichßst…herzl…

 

Waß soll daß denn jetzt?!

 

Ihr

 

D.