Kultur | 09.04.2014

“Wir wollen handeln, nicht warten”

Text von Delilah Siegrist | Bilder von zVg
Der Schweizer Regisseur Dominik Locher überzeugt mit seinem ersten Spielfilm "Tempo Girl". Er spricht im Interview über eine von Erfolgsdruck geplagte Generation, den Zauber des Kinos und die atmende Seite des Wallis.
Dominik Locher: "Ohne die Walliser und Walliserinnen wäre der Film nie möglich gewesen."
Bild: zVg

“Ich bin schon 23, verdammte Scheisse! Die Scheiss-Hegemann war gefühlte elf, als sie ihren ersten Roman rausbrachte.”(Anm. d. R.: Helene Hegemann ist eine junge, deutsche Schriftstellerin, die ihren Debütroman mit 18 Jahren veröffentlichte) So die Protagonistin Dominique in Tempo Girl. Sie will Schriftstellerin werden, am liebsten richtig erfolgreich und zwar jetzt gleich.

 

Tink.ch: Trotz ihres zarten Alters steht die Möchtegern-Jungautorin Dominique im Film unter enormem Erfolgsdruck. Ein Gefühl unserer Generation?

Dominik Locher: Dieses Gefühl habe ich zuerst bei mir persönlich beobachtet: Ich hatte das Gefühl, dass ich auf jeden Fall Erfolg haben muss und das sofort. Als ich mein Umfeld beobachtete, merkte ich, dass es vielen meiner Mitmenschen genauso geht.

 

Verglichen mit der Generation meiner Eltern ist, meiner Meinung nach, dieser Erfolgsdruck heutzutage stärker ausgeprägt als früher. Heute definieren wir Freude ein Stück weit über den Erfolg. Ohne Erfolg können wir nicht wunschlos glücklich sein. Es fehlt die Sicherheit, die uns verspricht, dass wir unser Ziel erreichen werden – wir wollen handeln, nicht warten.

 

Wie definierst du die “Generation Krise”, mit welcher sich Dominique im Film auseinandersetzt?

Der eigene Status und die Aussenwahrnehmung prägen das Selbstbild dieser Generation. Eine typische Aussage dieser Generation: “Ich definiere mich über das, was ich erreiche. Und das was ich will, will ich jetzt. Nicht wegen mir, sondern damit es alle sehen.”

 

Woher kamen dir die Ideen für deinen ersten Spielfilm?

Ich liess mich vom Erfolgsdruck inspirieren. Schliesslich fragte ich mich, wie weit man geht, um sein Ziel zu erreichen und wie viel man dabei vom restlichen Leben verpasst.

Beim Erarbeiten des Films fand ich heraus, dass es sich im Kern um eine Liebesgeschichte handelt. Dominique entdeckt, dass ihr die Liebe viel wichtiger ist, als der angestrebte Erfolg.

 

Wie stehst du selbst zu deinem Film?

Der Film ist meine Art zu kommunizieren. Darum liebe ich es, ihn mit Publikum zu sehen. Ich freue mich, dass die Leute lachen und hinterher gemeinsam diskutieren.

Im Schnittraum war das Ganze nicht mehr amüsant, weil wir uns die einzelnen Szenen immer wieder ansehen mussten. Erst mit Leuten im Kino erkannte ich diesen Zauber wieder.

 

Was für einen Zauber?

Der Zauber des Kinos. Die riesige Leinwand, nichts was ablenkt und die vielen Leute, die sich alle zusammen den Film anschauen. Wenn nur drei Leute im Kino sitzen, lacht wahrscheinlich keiner, bei dreissig schon einige und bei dreihundert lacht der ganze Saal. Es ist faszinierend diese gemeinsame Spannung zu beobachten.

 

Wieso hast du dich für das Wallis als Schauplatz entschieden, was ist das besondere an dieser Gegend?

Ich verbrachte einen Teil meiner Kindheit dort und mein Vater wohnt heute noch da. Das Wallis war für mich schon immer eine magische Gegend, rau und charmant – genauso wie die Walliser und Walliserinnen. Vieles atmet und hat eine Seele.

Es entspricht nicht alles dem Zermatt- oder Saas-Fee-Postkarten-Klischee. Das war mir bei der Umsetzung des Films wichtig: Ich wollte das Wallis von unten zeigen, deshalb sieht man im Film nie viel vom Himmel.

 

Wie verhielten sich die Walliser und Walliserinnen euch gegenüber?

Ohne die Walliser und Walliserinnen wäre der Film nie möglich gewesen. Sie brachten uns zu Essen, einen Lamborghini oder sogar eine Pistole. Auf Nachfrage durften wir bei einem im Garten ein Auto anzünden und er rief extra für uns die Feuerwehr.

 

Welche Parallelen bestehen zwischen dir und der Protagonistin des Filmes, Dominique Piepenmann?

Ich versuchte alle meine schlechten Seiten in einer Person zu vereinen und so entstand Dominique. Zum Glück spielte Florentine ihre Rolle so gut, sonst wäre Dominique eine unausstehliche Hauptfigur geworden.

 

Woran machst du das fest?

Ich habe bemerkt, dass jüngere Leute sie mehr mögen als ältere und Frauen mögen sie mehr als Männer. Einmal begann das Filmpublikum sogar zu klatschen, als Dominique im Film eine Ohrfeige erhielt – da sassen wahrscheinlich nur alte Männer im Publikum.

 

Weshalb hast du deine schlechten Seiten in Dominique projiziert?

Ich wollte mich mit meinen schlechten Seiten auseinandersetzen und diese aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Dominique fehlt am Anfang die Liebe. Sie kennt nur dieses egoistische Streben nach Erfolg, verletzt dabei sich selbst und ihre Mitmenschen. Das Schaffen des Charakters war eine Reflektion meines einstigen Verhaltens.

 

Gibt es schon Pläne für ein nächstes Projekt?

Ich schreibe gerade ein Drehbuch mit dem Arbeitstitel Goliath. Wobei der Protagonist David heißt. Er übertreibt es im Kraftraum, weil er glaubt, jemand anderes sein zu müssen. Schließlich beginnt er damit, Anabolika zu konsumieren. Er wäre eigentlich gerne der Held und Beschützer seiner Familie, wird aber durch sein Verhalten selber zur Gefahr für seine Lieben.

 

Das Ganze dreht sich um Gender-Fragen im Bezug auf die Rolle eines jungen Mannes in der heutigen Zeit. Was für Anliegen und Sorgen beschäftigen ihn? Warum gehen auf einmal alle ins Fitnessstudio und trainieren, bis sich ein Sixpack und ein enormer Bizeps erkennen lassen?  Wenn alles gut geht, werden wir Goliath nächsten Winter filmisch umsetzen.


Tempo Girl läuft ab dem 8. Mai in den Deutschschweizer Kinos.

 

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