Gesellschaft | 25.04.2014

Sechster Brief aus Deutschland

Wir Schweizerinnen und Schweizer beklagen uns immer wieder über einen zu hohen Ausländeranteil in der Bevölkerung. Das schadet offensichtlich unserem Ruf im Ausland, wie der sechste Brief aus Deutschland zeigt.
Manchmal können sich die Deutschen mit Arroganz nicht zurückhalten. Deshalb erhält Tink.ch jeden Freitag Briefpost vom grossen Kanton.
Bild: Katharina Good

Hallo! Oder wie der Schweizer auch gerne sagt: Hallo!

 

Wir hoffen, Sie hatten ein schönes Osterfest. In Deutschland ist die Osterzeit auch die Ferienzeit, sodass drei Wochen lang generell nur wenig bis gar nicht gearbeitet wird. Auch die Bundeskanzlerin war im Urlaub und ebenso große Teile der Armee und Polizei, weshalb Deutschland kurz am Rande eines… Aber Verzeihung, das darf man im Ausland alles gar nicht wissen. Vergessen Sie’s einfach.

 

Wir wissen, Sie können sich das als fleißiges Arbeiter-Völkchen gar nicht vorstellen: Urlaub! Wo doch der gemeine Schweizer sogar am Sonntag im Büro sitzt und acht bis zehn Stunden lang malocht. Natürlich erst nachdem er mit seiner Familie den wöchentlichen Kirchenbesuch absolviert hat.

 

Denn laut Erhebung eines deutschen Umfrageinstituts gehen 89 Prozent aller Schweizer mindestens einmal die Woche in die Kirche. Das finden wir vollkommen ok. Ein Glaube hat noch niemandem geschadet. Doch, was uns Deutsche dagegen sehr amüsiert, ist ihr übertriebener Hang zum Aberglauben. Gerade in Bezug auf uns Deutsche. Beispielsweise, dass der Schweizer Angst hat, bei rot die Strasse zu überqueren, weil es heißt, dass dann drei Deutsche in die Schweiz einwandern.

 

Oder das Sprichwort: “Iss deinen Teller leer, sonst klingelt morgen ein Deutscher an deiner Tür.” Wirklich, wunderbar! Bei uns bringt es Pech, wenn eine schwarze Katze von links nach rechts (oder andersherum, da ist man sich nicht ganz einig) über die Straße läuft. Stimmt es, dass es in der Schweiz ein schwarzgekleideter Deutscher anstelle der Katze ist, der Pech bringt? Köstlich!

 

Wir finden so etwas ja eher spannend und witzig als diskriminierend. Anders der Schweizer: jahrhundertelang galt in Deutschland das geflügelte Wort “Das macht der Schweizer!”. Verwendet unter anderem, um unangenehme Aufgaben von sich zu weisen. Toiletten zum Beispiel wurden bei uns sprichwörtlich von Schweizern geputzt, Hundekot von den Straßen “machte der Schweizer weg” und Leprakranke “holte der Schweizer”.

 

Ihr Land hat sich dann irgendwann gegen diese kleinen humorvollen Sprüche gewehrt. Die NZZ titelte seinerzeit groß auf der Titelseite irgendwas mit “Lasst das doch bitte mal sein”, oder so. Das hat gewirkt – mehrere deutsche Medien berichteten dann über das Unbehagen, dass Sie Schweizer mit unserer bildhaften Sprache hatten. Das wiederum führte dazu, dass diese Redewendungen gänzlich aus dem deutschen Sprachschatz verschwanden.

 

Aber wir sind flexibel. Heute sagen wir eher so etwas wie “Fuck”, wenn uns etwas nicht passt. Oh, darf man das im Schweizer Internet überhaupt schreiben? Sonst geht das auch so: “F**k!”

 

Herzliche Grüße und hoffentlich haben Sie endlich mal etwas gelernt,

 

Ihr Deutschland