Gesellschaft | 22.04.2014

Gottesdienst auf die andere Art

Text von Olivia Borer | Bilder von Lynn Riegger
ICF - "International Christian Fellowship" - ist eine Freikirche für junge und junggebliebene Gläubige. Diese sollen Kirche neu erleben. Einen wesentlichen Beitrag dazu liefert die hauseigene ICF-Band mit ihren eingängigen, religiösen Popsongs. Tink.ch nahm an einem Gottesdienst teil und war erstaunt über die moderne Aufmachung des verstaubten Konzepts Kirche.
Gottart. Sechseck statt Kruzifix bei ICF.
Bild: Lynn Riegger

ICF ist anders. Die Freikirche mit Gründungsort Zürich ist in zahlreichen Ortschaften der Schweiz vertreten. Christliche Dogmen wie kein Sex vor der Ehe gilt es in der Freikirche einzuhalten. Beziehungen der ICF-AnhängerInnen untereinander sind gestattet, jedoch gilt es jungfräulich in die Ehe zu gehen. Dieses Prinzip unterliegt einem älteren Verständnis von Religion in der Kirche.

 

Jedoch wird die Philosophie des neuen Kirchenerlebnisses räumlich umgesetzt. Man trifft sich nicht in muffigen alten Kirchen, sondern in alternativen Veranstaltungsgebäuden. So finden sich die AnhängerInnen der ICF Basel im Gundeli Casino beim Tellplatz zum sonnabendlichen Gottesdienst ein.

 

Konzertatmosphäre im Schein Gottes

Am Eingang zum Casino werden alle GottesdienstteilnehmerInnen freundlich von Staff-Mitgliedern des ICF begrüsst. Sie tragen Ausweise, was einem eher das Gefühl gibt ein exklusives Konzert zu besuchen, anstatt an einem öffentlichen Gottesdienst teilzunehmen. Der Eingangsbereich ist schummrig beleuchtet. Einzelne, bunte Lichtkegel von aufgestellten Scheinwerfern sorgen für Disko-Ambiente. Die stimmungsvolle Atmosphäre kommt auch im abgedunkelten Saal, in dem der Gottesdienst stattfindet, zur Geltung.

 

Einfache Worte

Der Gottesdienst beginnt um 19.30 Uhr. Eingeleitet wird der Beginn nicht durch Glockenläuten, sondern einen digitalen Countdown auf einer grossen Leinwand, der sich aus dem roten Sechseck-Zeichen Gottart gebildet hat. Danach erscheint ein Songtext der ICF-Band Zürich auf der Leinwand. Das Lied wird in Englisch vorgetragen und damit auch die Anwesenden mit mässigen Fremdsprachenkenntnissen den Text verstehen, wird die deutsche Übersetzung eingeblendet. Die Songs handeln alle von der gleichen Thematik. Es geht um Gott, dem Retter der Gemeinschaft und der Berufung zu ihm.

 

Mediale Inszenierung

ICF bedient sich der modernen, medialen Infrastruktur, um den Gottesdienst für die im Zeitalter der Digitalität aufgewachsenen Jugendlichen ansprechend zu gestalten. Denn die meisten ICF-Anhänger sind Anfang 20 und mit regem Medienkonsum gross geworden. So wird zu Beginn ein Konzertvideo der ICF-Band Churches abgespielt. Später folgt eine Danksagung der Organisation Diakonische Stadtarbeit Elim, welche die letzte Spende eines ICF-Gottesdientes erhalten hat. Im Verlauf der Veranstaltung wird zudem ein Handyvideo von einem sich in Jerusalem befindenden Mitglied gezeigt. Darin trägt der Reisende die Bibelstelle “Vom Beten” aus Matthäus 6 vor. Aussage hier: Heuchlerische Gebete sind unerwünscht.

 

Predigt

Der Prediger Ralf Dörpfeld nutzt diese Worte zur Einleitung in seine Predigt. Er selbst hebt sich augenscheinlich von seinem Publikum ab, da er um einiges älter wie seine Zuhörer ist. Ein rarer Vertreter der vorherigen Generation. Diese Position nutzt er gekonnt aus, nennt Beispiele aus seinem Leben als Familienvater mit zwei Kindern. So habe er schon viele Situationen erlebt in denen er zum “Gebetsweltmeister” wurde. Beispielsweise als sich das eine Kind einen Knochenbruch zuzog, oder das andere eine Kugel verschluckt habe.

Trotz, oder gerade wegen des Altersunterschieds sucht der Prediger die sprachliche Nähe zum Publikum, indem er die “Leute” mehrfach direkt anspricht und sich des jugendlichen Vokabulars bedient.

 

Zum Ende der Predigt wird gemeinsam das “Unser Vater” gebetet. Diese Wortstellung wird so in der reformierten Kirche gebetet, Katholiken sprechen das “Vater unser”. Die grössere Nähe zur reformierten wie zur katholischen Kirche wird von einem ICF-Leiter zum Schluss des Gottesdienstes bestätigt. Dies aus dem Grund, dass die Reformierten etwas moderner seien.

 

Verloren in Beispielen

In seinen Ausschweifungen zum Thema richtiges, ungeheucheltes Beten stellt der Prediger zahlreiche Vergleiche und Beispiele an. Niemand erwähne beim Vorstellungsgespräch für den neuen Job, dass er ein Tagträumer sei und gerne aus dem Fenster schaue. Weiter berichtet Dörpfeld von einer Studie über den Lieblingsort von Männern und Frauen. Der von Müttern sei das Badezimmer, da sie sich nur dort einfach in Ruhe hinsetzen und ungestört sein können.

Das WC als Ort absoluter Privatsphäre für gestresste Mütter belustigt die Anwesenden. Lacher aus dem Publikum sind zu vernehmen. Die Quintessenz in diesem Beispiel ist wohl, dass ungeheucheltes Beten überall möglich ist – auch in der Garage, dem Lieblingsort der Männer.

 

Anglizismen für die Jugend

Auffällig sind die vielen Anglizismen von denen ICF Gebrauch macht. ICF zitiert keine lateinischen Auszüge aus der Bibel, sondern bedient sich der Weltsprache Englisch. Die englischen Lehnworte veranschaulichen das Bedürfnis der Freikirche sich möglichst modern und weltnah zu zeigen.

Die Predigt heisst Message, die Lobpreismusik nennen sie Worship. So wird man vom Moderator des ICF Basel schon mal zum worshippen für den guten Zweck aufgefordert. Und der Aufruf am Oster-Brunch teilzunehmen wird zur Einladung zum Easter Brunch.

 

Party und Partizipation

Es geht auf 21:00 Uhr zu, die Celebration (Gottesdienst) findet ihren Abschluss im Aufruf des jungen Leiters am Umbau des neuen Standorts der ICF Basel teilzunehmen. Dieses Angebot sollten vor allem die Herren mit handwerklichen Fähigkeiten nutzen, da den Damen am gleichen Tag die “Ladies-˜ Night” bevorstehe. Ein Event, für das die Organisatorin auf der Bühne tüchtig die Werbetrommel schlägt. Allgemein wird häufig Werbung in eigener Sache gemacht. Teilnahme an Veranstaltungen ausserhalb des Gottesdienstes ist erwünscht.

 

Bier statt Wein oder Weihwasser

Im ICF-Gottesdienst gibt es keinen Empfang der Kommunion. Kein Brechen des heiligen Brots, auch kein Wein, aber Bier. Dazu werden alle Teilnehmer zum Schluss mit Verweis auf die Bar eingeladen mit der Aufforderung noch etwas zu verweilen. Diesem Wunsch kommt die Mehrheit der Anwesenden nach. Sie stürzen nicht sofort aus dem Saal, so wie man es aus anderen kirchlichen Zeremonien kennt, sondern nutzen die Gelegenheit sich mit ihren Freunden und Kolleginnen aus der Freikirche zu unterhalten.

 

Der Kopf raucht

Unsere Tink.ch-Reporterin verlässt die Veranstaltung ohne Bier, stattdessen aber mit einem Ohrwurm des letzten ICF-Songs “Catching Fire”. Was bleibt, sind keine Brandblasen, sondern ein rauchender Kopf und ein leicht benommenes Gefühl. Die vielen neuen Eindrücke aus 90 Minuten intensiv-Gottesdienst mit ICF gilt es nun zu verarbeiten.