Gesellschaft | 16.04.2014

Generation Mingle

Immer mehr Menschen möchten die Vorteile des Single-Daseins mit denen einer Beziehung verbinden. Drei Paare über ein Leben voll Sex, Spass und Pragmatismus.
"Ich habe ihr von Anfang an klar gemacht, dass ich mich nie in sie verlieben werde", sagt der Student Moritz.
Bild: Jörg Brinckheger / pixelio.de Dieser Artikel wurde von unserem Partnermagazin mokant.at entweder für tink.ch verfasst oder zur Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt.

“Ich wollte einfach nur ein bisschen Spass”, erzählt Kerstin, die gerade eine lange Beziehung hinter sich hat und nun alleine mit ihrem dreijährigen Sohn in Wien lebt. “Gerade als Alleinerzieherin ist es schwer, den richtigen Partner zu finden”, meint sie. Der Satz klinge wie aus der Fernsehwerbung eines bekannten Online-Partner-Portals, meint die Mingle-Frau: “Ich suche nicht mehr nach Idealen.” Auf Sex und einen Freizeitpartner möchte die Wienerin trotzdem nicht verzichten, sie trifft sich regelmässig mit dem frisch geschiedenen Jonas.

 

Mingles, eine neue Wortschöpfung aus den Anglizismen “mixed” und “singles”, sind Menschen, die gerne in einer Beziehung leben und ihre Sexualität zumeist exklusiv mit einer Person ausleben möchten. Ob es sich dabei um den Traumpartner handelt oder nicht, ist nebensächlich. Findet einer der beiden etwas Besseres oder gar die Liebe fürs Leben, geht man getrennte Wege. Daher wird auf einen gemeinsamen Wohnsitz gänzlich verzichtet. Mingles gehen mit diesen Tatsachen ganz offen um. “Schliesslich ist jede Beziehung eine Beziehung auf Zeit, wir reden aber im Vorfeld ehrlich darüber, keiner macht sich was vor”, meint Kerstin nüchtern.

 

Sehr verletzt

Gemeinsame Reisen, Wellnessaufenthalte, Ausflüge und Konzertbesuche – die Wienerin und ihr Freund Jonas verbringen viel Zeit miteinander und haben gemeinsame Interessen. Einige Regeln haben die beiden vorsorglich für ihre Lebensabschnittsbeziehung, wie sie es nennen, festgehalten: Keine gemeinsamen Zukunftsvisionen, keine Verbindung zum jeweils anderen Freundes- und Bekanntenkreis, kein Kennenlernen der Kinder des Partners. “Wir leben im Hier und Jetzt, Zukünftiges und Vergangenes spielt in dieser Beziehung keine Rolle. Wir wurden beide in früheren Partnerschaften sehr verletzt. Für andere mag unsere Form der Beziehung oberflächlich klingen, doch genau so soll es sein. Im Vordergrund steht der Spass, den die gemeinsame Zeit bringen soll und natürlich der regelmässige Sex, den wir beide brauchen”, fasst Jonas die Situation zusammen.

 

Keine Zeit für Mama

Auch Moritz wurde verletzt, sieht aber den Grund seines Mingle-Daseins nicht darin. Er studiert berufsbegleitend neben einem Fulltime-Job. “Für eine normale Beziehung bleibt da keine Zeit”, ist er sich sicher. Wie gut, dass es in seinem Lehrgang gleich mehrere Frauen gab, die sich für Moritz interessierten. “Ich war mir darüber klar, dass Annabelle mehr von dieser Beziehung erwartete als ich, habe die Karten in unserer ersten gemeinsamen Nacht aber auf den Tisch gelegt. Sie konnte sich entscheiden: zu meinen Bedingungen oder gar nicht. Ich habe ihr von Anfang an klar gemacht, dass ich mich nie in sie verlieben werde, sie ist einfach nicht mein Typ!”, klärt der Student auf.

 

Trotzdem verbringen die beiden seit einigen Monaten weit mehr Zeit als die ursprünglich vereinbarte im Bett miteinander: Sie lernen gemeinsam für Prüfungen, arbeiten Präsentationen aus und übernachten oft beieinander. “Eigentlich schlafe ich jeden Mittwoch bei ihr, da muss ich früh raus und sie wohnt sehr nah zu meinem Arbeitsplatz”, lacht Moritz. Und auch die Mama darf Annabelle ab und an spielen: “Wenn ich Mittagspause habe und sie ist daheim, komme ich gern zum Essen vorbei. Oder ich bringe ihr Wäsche, meine Waschmaschine hat vor einer Woche den Geist aufgegeben.” Abends geht Moritz gern mit Freunden aus, Annabelle darf nicht mit: “Freunde und Verwandte kennen lernen ist ein No-Go, ich will nicht, dass sie sich dann bei denen ausheult, wenn es Schluss ist.”

 

“Sehe das ganz pragmatisch”

Die 38-jährige Lisa und der 23 Jahre alte Student Georg lernten sich auf einem Online-Portal kennen. Von Anfang an stand fest: Es wird eine Beziehung auf Zeit. Grund: Georg wird Österreich verlassen. Ein Stipendium ermöglicht es ihm, sein Studium im Ausland abzuschliessen. Lisa, die eine Vorliebe für junge Männer hat, sieht die Situation pragmatisch: “Ich hätte so einen jungen und attraktiven Mann unter normalen Umständen vielleicht nicht so leicht für mich gewinnen können. Da er aber seinen mehrjährigen Auslandsaufenthalt gleich im Partnerschaftsprofil erwähnt hat, waren jüngere Frauen wahrscheinlich abgeschreckt. Mich stört das aber gar nicht.”

 

Freunde und Verwandte dürfen Georg ruhig kennen lernen: “Ich zeige meinen Liebsten gerne her und bin stolz auf meine Eroberung!” Und auch umgekehrt wurde Lisa bereits überall vorgestellt: “Wir sind einfach ehrlich miteinander, aber auch mit unserem Umfeld. Lisa ist eine interessante Frau, warum soll ich sie meinen Freunden vorenthalten?” Das nächste Semester wird der Elektrotechnik-Student bereits in den Niederlanden verbringen. Lisa kann sich gut vorstellen, ihn dort ab und an zu besuchen – aber nur, wenn ihr bis dahin kein anderer junger Mann den Kopf verdreht.

 

Denn Lisa mag die Abwechslung: “Ich suche ganz bewusst zeitlich begrenzte Beziehungen mit jüngeren Männern und lasse sie darüber auch nicht im Unklaren. Ich möchte weder heiraten noch Familie gründen, ich möchte einfach meine Zeit mit ihnen geniessen und neue interessante Menschen kennen lernen. Das macht mich offen für neue Erfahrungen und mein Leben erst wirklich interessant.”