Kultur | 08.04.2014

Fieser als die Polizei erlaubt

Text von David Bucheli | Bilder von zVg / Praesens Film
In der Komödie "Wrong Cops" könnte Los Angeles die sicherste Stadt der Welt sein - wäre da nicht die Polizei. Die besteht aus gelangweilten Misanthropen und sorgt eigenhändig für eine ordentliche Kriminalitätsrate.
"Show me your breasts." -“ Ich habe eine Dienstmarke, ich darf alles!
Bild: zVg / Praesens Film

Wrong Cops ist bereits der vierte Spielfilm, den Regisseur Quentin Dupieux zum Soundtrack des französischen DJs Mr. Oizo inszeniert hat. Kein Wunder, denn Dupieux und Mr. Oizo sind ein und dieselbe Person. Trotzdem lässt er sich in den Credits stets getrennt aufführen. Dieses Spiel mit den Identitäten ist die konsequente Fortsetzung eines künstlerischen Programms, das sich den Kampf gegen festgefahrene Figuren- und Erzählmuster auf die Fahne geschrieben hat.

 

Karriere eines Nonkonformisten

Bekannt wurde der französische Musiker und Filmemacher 2011 mit der rabenschwarzen Indie-Komödie Rubber: ein Road-Movie über einen telekinetisch begabten Pneu auf Amokfahrt. Ähnlich abgedreht ging es im Nachfolger Wrong weiter: Nach der Entführung seines Hundes begibt sich der Junggeselle Dolph auf eine spirituelle Reise und muss sich unter anderem mit dem Erinnerungsvermögen von Hundekot auseinandersetzen. In der Komödie absolvierte TV-Nebendarsteller Mark Burnham seinen ersten Auftritt als schmieriger Officer Duke. Die Darstellung inspirierte Dupieux zu einem Spielfilm, der sich ausschliesslich um den Berufsalltag eines völlig nutzlosen Polizeikorps dreht.

 

Wobei nutzlos noch eine höfliche Untertreibung darstellt. Die TitelgebendenWrong Cops sind nicht nur hoffnungslos inkompetent, sie zeigen sich sogar selbst für jegliche kriminelle Aktivitäten verantwortlich. Egal ob Mord, Erpressung, Raub, Drogenhandel oder sexuelle Belästigung – die Polizisten lassen keine Gelegenheit aus, ihre Machtposition schamlos zu missbrauchen.

Dazwischen gehen sie aufs Klo, verhaften Teenager wegen schlechten Musikgeschmacks oder treiben Karrieren als Underground-DJs voran.

 

Eine kohärente Handlung verweigert der Film. Vielmehr wird eine Verkettung von absurden Ereignissen gezeigt, deren (Un-)Logik sich erst in einer finalen Begräbnisansprache erschliesst. Oder auch nicht.

 

Das Diktat der Willkür

“Fast alle Filme machen zu viel Sinn. Darum sind es Filme – sie sind ganz anders als das Leben.” Im Interview mit dem Onlinemagazin /Film lieferte Dupieux damit die Erklärung für sein gesamtes Werk. In dem er sich radikal über filmische Konventionen hinwegsetzt, begegnet er dem Sinnüberfluss des Mainstream-Kinos mit herrlich unverschämter Absurdität.

Und dabei sind Dupieux-˜ widersprüchliche Erzählwelten erschreckend nahe an der Realität. Das Leben verläuft nicht nach Drehbuch und es gibt auch nicht für alles einen Grund. Es herrscht das Diktat purer Willkür – das ist die eigentliche und einzige Pointe, die Dupieux in Rubber ausformuliert hat und seither nur noch zitiert.

 

Dafür musste das französische Multitalent einige Kritik einstecken: Dupieux habe ausser sinnbefreitem Klamauk und narrativ unbefriedigend gerechtfertigten Obszönitäten nichts zu bieten, poltert es gerne aus der Richtung beleidigter Kritiker und selbsternannter Sittenwächter. Das mag sogar stimmen, verfehlt aber den eigentlichen Spass. Denn die Lossagung von allen Regel der Kunst eröffnet ein unendliches, kreatives Potential, aus dem Dupieux aka Mr. Oizo durchaus zu schöpfen weiss – wie vor ihm schon Luis Buñuel, die Monty Pythons oder Helge Schneider.

 

Diese Strategie macht seine Filme unberechenbar und sorgt für deftigen, tiefschwarzen Humor. In der Welt von Rubber, Wrong oder Wrong Cops ist alles möglich und nichts verlässlich; weder die Gesetze der Logik noch die Grenzen des guten Geschmacks.

 

Mehr Unsinn, bitte!

So viel kreativer Freiraum hat seinen Preis. Dupieux dreht mit kostengünstigen Digitalkameras, die nicht gerade für ihre cineastische Qualität berühmt sind. Das Resultat sind (beabsichtigt) irritierende Schärfenunterschiede und verwaschene Farben. Man kann das billig finden, eigentlich passen die Bilder aber ganz gut zum versifften Grundton des Films.

 

Die Darsteller sind halbwegs bekannte Fernseh-Gesichter oder wurden gleich aus dem persönlichen Umfeld des Regisseurs rekrutiert – mit Ausnahme von Marilyn Manson, der in einer Nebenrolle einen ziemlich belämmerten Teenager(!) mimt. Seine Europapremiere feierte Wrong Cops übrigens vergangenen August am Filmfestival Locarno. Ein Vorzeichen der Apokalypse? Wohl eher ein augenzwinkerndes Votum der Programmverantwortlichen für mehr Unsinn im seriösen Festivalbetrieb!

 


Anmerkung der Redaktion:

 

Wrong Cops läuft ab dem 10. April in Zürich, Bern und St. Gallen.