Gesellschaft | 21.04.2014

Fasten als Zeit der Besinnung

Text von Svenja Fellmann | Bilder von Svenja Fellmann
Vor sieben Wochen, am Aschermittwoch, war der Startschuss der katholischen Fastenzeit. Wie jedes Jahr nahmen sich viele Leute vor, bis Ostern ihre Laster über Bord zu werfen oder einfach mal auf ihren persönlichen Luxus zu verzichten. Während dies für mich bloss einen mehrwöchigen Selbstversuch darstellt, sollten wir aber auch darüber nachdenken, dass es Menschen gibt, die keine andere Wahl haben.
Jetzt ist es wider in Ordnung: Die Fastenzeit ist vorbei und Schokohasen warten darauf, von uns gegessen zu werden.
Bild: Svenja Fellmann

Die katholische Fastenzeit, auch liebevoll Österliche Bussezeit genannt, geht von Aschermittwoch bis Karsamstag und dauert insgesamt 40 Tage. Die Sonntage sind fastenfreie Tage. So aber nicht bei mir. Ich habe mit den Sonntagen dazugerechnet exakt 46 Tage gefastet – zum ersten Mal in meinem Leben. Verzichtet habe ich unter anderem auf Schokolade, Süssgebäcke aller Art und auf Süssgetränke. Fleisch, wie es vor allem früher gefastet wurde, esse ich ohnehin nicht. Das hiesse doch, allzu schwierig sollte es für mich gar nicht werden, oder?

 

Alles eine Sache der Einstellung

Doch schon ganz zu Beginn habe ich den Geschmack von Schokolade vermisst und mich gefragt: Was ist das für ein Schwachsinn, den du da machst? Warum verzichten, wenn du es hast? Und fast hätte ich mich dabei ertappt, wie ich mir ein Bounty am Kiosk kaufe. Das war wirklich knapp! Doch ich riss mich zusammen und sagte mir: Hey, du schaffst das! Du kannst gegen deine Lustgefühle ankämpfen und in diesem Artikel schreiben dass du es geschafft hast! Meine Motivation war danach stärker denn je.

 

Und trotzdem war es manchmal sehr schwierig, durchzuhalten. Vor allem dann, wenn andere vor meinen Augen Schokolade genossen haben. Aber es klappte dann doch ganz gut, abgesehen von den Süssgetränken: Eistee und eine heisse Schokolade wurden von meiner Fastenliste gestrichen..

 

Wir schwimmen nur so in der Materie

Der Verzicht soll vor allem Ausdruck sein von Besinnung, von Reue und Demut. Gläubige besinnen sich in dieser Zeit besonders stark auf Jesus, der 40 Tage ohne Essen und Trinken in der Wüste überleben musste.

 

Wir Schweizer leben heute in einer Gesellschaft, in der wir gar nicht mehr wissen, was es heisst, zu verzichten, für etwas keinen Zugang zu haben. Wir können uns dürsten und den Wasserhahn aufdrehen, um die Ecke ist der Supermarkt mit einem riesigen Angebot an Waren. Die Züge kommen wohl nirgends in Europa so pünktlich wie in der Schweiz, so gut wie jeder Schweizer hat ein Mobiltelefon und einen Laptop. Zeitungen gibt es gratis, und für Kostproben müssen wir nicht mehr fragen, sie werden uns aufgedrängt. Und sind wir mal krank, können wir uns sofort in medizinische Behandlung begeben.

 

Doch es gibt Orte, in denen Schulkinder jeden Tag einen mehrstündigen Fussmarsch auf sich nehmen müssen, um zur Schule zu kommen. Frauen und Kinder in Afrika, Südamerika und Asien laufen stundenlang, um an Wasser zu kommen, das nicht mal annähernd so sauber ist wie das Wasser, mit dem wir unsere Toiletten spülen. Es gibt Kinder, die sich keine Schuhe leisten können und bei eisigen Temperaturen in Socken oder sogar barfuss draussen sind. Und jeden Tag verhungern Kinder. Aber gleichzeitig gibt es mehr übergewichtige als hungernde Menschen.

 

 

Mein persönliches Fazit

Diese Erfahrung war für mich in diesem Sinne positiv, da ich viel Geld und Zeit gespart habe. Und, was viel befriedigender ist: Ich habe es geschafft, meine Gewohnheiten zu durchbrechen und habe mir selbst bewiesen, dass ich Verzicht üben kann 46 Tage lang. Ausserdem ist es einfach unglaublich prickelnd und aufregend, nach so langer Zeit endlich wieder den Geschmack von Schokolade auf der Zunge zu spüren. Doch vor allen Dingen ist mir wieder bewusst geworden, wie privilegiert ich bin.