Gesellschaft | 04.04.2014

Dritter Brief aus Deutschland

Auch im dritten Brief tappen die beiden Kolumnisten aus Deutschland oft daneben. Und mit Belehrungen können sie sich nach wie vor nicht zurückhalten.
Tink.ch erhält jeden Freitag Briefpost aus Deutschland mit unangebrachten Tipps und Tricks.
Bild: Katharina Good

Moin, moin, Ihr Schweizerlein!

 

Ja, Mundart – oder wie wir Deutschen eher sagen: Akzent – wird bei Ihnen in der Schweiz ja groß geschrieben. Das ist uns nun auch aufgefallen, nachdem wir neulich zufällig einen Tiroler trafen. Und an dieser Stelle müssen wir uns zunächst entschuldigen, dass wir, naiv wie wir anfangs waren, unsere Briefe an Sie wie selbstverständlich auf Hochdeutsch verfasst haben. Wir hoffen, Sie sehen uns das nach.

 

In unserem Land, das müssen Sie wissen, ist der regionale Zungenschlag eher verpönt. Vielleicht ist es Ihnen nicht bewusst, aber in Deutschland legen die Menschen viel Wert auf Verständlichkeit. Mit Hochdeutsch ist gewährleistet, dass Hamburger sich weitestgehend ungehindert mit Sachsen unterhalten können. In der Praxis kommt diese Ausnahmesituation zwar eher selten vor, aber wir freuen uns, dass es möglich ist.

 

Anders bei Ihnen. Die Sprachgrenzen sind ja noch deutlicher in der Schweiz: hier Französisch, da Portugiesisch, dort das, was Sie Deutsch nennen und dann auch noch dieses Latein. Wir haben mal gelesen, dass in der Schweiz bis zu 209 verschiedene Sprachen gesprochen werden. Wir halten das für etwas übertrieben. Andererseits – möglich ist ja alles.

 

Sogar das nie für möglich Gehaltene: wie auch Sie sicherlich mitbekommen haben, hat unser Bundespräsident Ihren Bundespräsidenten besucht. Dabei fiel unter anderem der drollige Satz: “Europa könnte etwas mehr Schweiz ertragen“. Nun ist es wie so oft mit Dingen, die in der Schweiz passieren oder gesagt werden: Entweder bekommt es außerhalb der Schweizer Grenzen niemand mit oder aber es wird völlig missverstanden.

 

So auch diese Bemerkung, die der in Ihrem Lande halbwegs bekannte Bundespräsident Dieter Burkhalter im Gespräch mit Seiner Exzellenz Bundespräsident Dr. Joachim Gauck hat fallen lassen. Es sollte natürlich ein Spaß sein. Oder ein Späßli, wie der Schweizer gerne sagt. Wir Deutschen wissen aber, diese unverhohlene Kriegserklärung richtig einzuordnen.

 

Wir haben es nämlich damals genauso gemacht, als wir gesagt haben, das Sudetenland könne etwas mehr Deutschland ertragen. Umso erstaunlicher die gelassene Reaktion unseres Staatsoberhauptes. Vielleicht liegt es einfach daran, dass Deutsch nicht die Muttersprache von Burkhalter ist?

 

Sehen Sie nun ein, wie wichtig eine gemeinsame Sprache ist? Ein dahingestümperter Satz wie “Europa könnte etwas mehr Schweiz ertragen” kann sonst leicht zu einem kriegerischen Konflikt werden.

 

Soviel für heute. Bis nächste Woche.

 

Herzlichst,

Ihr Deutschland