Gesellschaft | 25.04.2014

Depp ex Machina

Endzeitstimmung in Hollywood: Nach dem das Internet hops ging, dienen Laptops nur noch als Türstopper und die US-Army hat alle Hände voll zu tun, um einigermassen geordnete Gesellschaftsstrukturen aufrecht zu erhalten. Wie es soweit kam, erzählt der Science-Fiction-Film "Transcendence" in 120 mässig spannenden Minuten.
Hier noch aus Fleisch und Blut: Johnny Depp als Wissenschaftler in "Transcendence".
Bild: zVg / Im Verleih von Ascot Elite

Da hat Johnny Depp nochmal Glück gehabt. Diesmal muss er keine Piratenschminke im Gesicht und auch keinen Vogel auf dem Kopf tragen, sondern nur eine Brille auf der Nase. Schliesslich spielt er einen Wissenschaftler. Ein einigermassen schusseliges und nuschelndes Exemplar zwar, dafür gesegnet mit einem brillanten Kopf.

 

Zusammen mit seiner Film-Gattin Rebecca Hall gehört er zu den führenden Forschern auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Beide sind davon überzeugt, dass Computer die Antwort auf alle Probleme dieser Welt darstellen. Egal ob Klima, Krankheiten oder Dichtestress – keine Herausforderung wäre zu knifflig für das allmächtige Elektronenhirn, das den beiden vorschwebt. Leider sind die Anhänger der technikkritischen Terrorzelle RIFT nicht so optimistisch. Denn sie wissen, dass es in Science Fiction-Filmen noch nie eine gute Idee war, Computer mit unbegrenzter Macht auszustatten.

 

Johnny Depp 2.0

Die Fronten sind klar abgesteckt im Land der unbegrenzten technischen Möglichkeiten: Fortschritt trifft auf Skepsis, wissenschaftlicher Grössenwahn auf religiöse Demut. Doch damit ist gerade mal die Exposition überstanden. Denn Johnny Depp wird von den militanten Computergegnern angeschossen und mit einer tödlichen Strahlenkrankheit infiziert. Ihm bleiben nur noch wenige Wochen zu leben – immerhin genügend Zeit, um ein digitales Backup seines Gehirns zu erstellen. Dadurch soll sein Bewusstsein als Computersimulation erhalten bleiben, zumindest theoretisch.

 

Aber was in der Theorie funktioniert, muss es nicht zwangsläufig im Film tun (geschweige denn in der Realität). Wenn der Hirnscan nur eine einzige Emotion oder Erinnerung übersieht, könnte sich Depps Persönlichkeit gravierend verändern. Wir ahnen es schon: In einem wissenschaftlich derart akkuraten Film muss auch Murphys Gesetz zur Anwendung kommen. Und das besagt bekanntlich: Keine Fehlerquelle bleibt ungenutzt.

 

Zunächst scheint alles gut zu gehen. Johnnys Filmcharakter kann friedlich entschlafen und muss trotzdem nicht aus der Handlung scheiden. Im Gegenteil: Was als Binärcode von ihm übrig bleibt, schliesst sich mal eben mit dem Internet kurz und wird somit zur totalen Omnipotenz.

 

Jetzt sind die Krawallmacher von RIFT erst recht sauer. Während Johnny Depp 2.0 und seine Angetraute im kalifornischen Nirgendwo ein zweites Silicon Valley aus dem Boden stampfen, wird auch das FBI misstrauisch. Ist alles nur zum Wohle der Menschheit oder kocht der digitale Depp etwa sein eigenes Süppchen?

 

Starpower ex Machina

Computer mit Persönlichkeit haben im Kino derzeit Hochkonjunktur: Erst noch lieh Scarlett Johansson in Her einem charmanten Betriebssystem ihre Stimme, nun muss auch Johnny Depp einen Grossteil seiner Rolle vom Tonstudio aus bewältigen.

 

Zwar taucht sein Gesicht in Transcendence gerne auf den allgegenwärtigen Bildschirmen auf, doch der Fokus liegt überwiegend auf den Darstellern aus Fleisch und Blut. Allen voran Rebecca Hall, die per Headset mit Depp verbunden ist und allmählich an dessen Motiven zweifelt. Unterstützt beziehungsweise bekämpft werden die beiden je nach Handlungsstadium von Morgan Freeman, Cillian Murphy und Paul Bettany.

 

Analog versus digital

So gut sich die Besetzung auch liest, für Sätze wie “Wenn wir ihn nicht aufhalten, wird dies das Ende der Menschheit sein” ist Morgan Freeman dann doch etwas überqualifiziert. Im Grunde hätte man das Drehbuch auch mit mimischen Analphabeten wie Til Schweiger und Kristen Stewart in den Hauptrollen verfilmen können.

 

Dann wäre vielleicht noch genügend Budget für überzeugende Computereffekte übriggeblieben. Andererseits kann man die Pixelwolken im Finale auch als konsequente Fortsetzung des thematischen Konflikts zwischen analoger Behaglichkeit und digitaler Bedrohung betrachten: Da werden die wuchtigen 35-Millimeter-Bilder mit potthässlichen Computereffekten verunstaltet, dass man glauben könnte, der trojanische Johnny Depp habe sich auch in die Rechner der CGI-Verantwortlichen (Anm. d. Red.: Computer-Generated Imagery, mittels 3D-Computergrafik werden Bilder für z.B. Filmproduktionen erzeugt) gehackt.

 

Nieder mit der Logik!

Wenigstens kann Transcendence mit einer interessanten Grundprämisse aufwarten. Ein Elektronenhirn verschaltet sich übers World Wide Web mit sämtlichen Computern dieser Welt und verfügt damit über unbegrenzte Rechenleistung. Quasi der digitale Gott für das 21. Jahrhundert: allwissend, allmächtig, allgegenwärtig.

Das hätte Potential gehabt für einen apokalyptischen Sci-Fi-Kracher vom Kaliber eines Terminator 2, doch der Film plätschert vor sich hin und kann sich nie recht zwischen Drama und Thriller entscheiden.

 

Da werden grosse Frage aufgeworfen (Was ist Bewusstsein? Was darf Wissenschaft?) und gleich wieder verdrängt, wohl aus Angst vor todessterngrossen Logiklöchern. Dabei ist die Logik hier sowieso nicht mehr zu retten – wozu auch? Die hat im Multiplexkino ohnehin nichts verloren. Hier zählen Visionen, Geschichten, Gefühle. Und die können auch ohne jede Logik echt sein. Nur leider fehlt im vorliegenden Fall alles zusammen.

 

Verschenktes Potential

Verantwortlich für den ganzen Budenzauber ist Regiedebütant Wally Pfister, langjähriger Kameramann von Blockbuster-Schlauberger Christopher Nolan. Dieser fungierte wiederum als ausführender Produzent und auch unübersehbar als stilistisches Vorbild.

 

Von der bleiernen Ernsthaftigkeit bis hin zur alles revidierenden Schlusseinstellung hat sich Pfister ausgiebig im inszenatorischen Werkzeugkoffer seines Mentors bedient. Damit kann er die Schwächen des Drehbuchs leider zu keinem Zeitpunkt kaschieren und höchstens andeuten, wie viel mehr bei diesem Cast, der Grundidee und dem angeblichen Budget von 100 Million Dollar möglich gewesen wäre.