Gesellschaft | 29.04.2014

Das Doppelleben von Johannes Paul II.

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. war für viele moderne Christen ein Vorbild. "Santo Subito" schrien Hunderttausende bei seiner Beisetzung im April 2005. Am Sonntag erhielt Johannes Paul II. schliesslich die vom Volk geforderte, schnelle Heiligsprechung, zusammen mit Johannes XXIII. Verschwiegen werden während den Feierlichkeiten Johannes Pauls ultrakonservative Grundhaltung und seine mafiösen Beziehungen zu polnischen Gewerkschaften.
Rom steht ganz im Zeichen der Heiligsprechung der zwei Päpste Johannes Paul II und Johannes XXIII.
Bild: zVg / Alan Holdren/Catholic News Agency/Twitter

Die Lobhuldigungen an Johannes Paul II. nahmen seit seinem Tod nicht mehr ab, Altkanzler Helmut Kohl bezeichnete ihn gar als grössten Papst seit langer Zeit. Für seine Heiligsprechung, die am Sonntag im Vatikan stattfand, erwartete Rom rund fünf Millionen Gläubige aus aller Welt. Der Bürgermeister der Ewigen Stadt, Ignazio Marino, teilte im Vorfeld mit, dass die Stadtverwaltung an einer besseren Anbindung des römischen Flughafens an die Innenstadt arbeite. Dies betreffe auch die italienischen Eisenbahnen, die mit Hochgeschwindigkeitszügen die Pilger schnellstmöglich an ihren Bestimmungsort führen sollen.

 

Ein derartiges Fest um eine Heiligsprechung gab es bisher noch nie. Doch war der konservative Modernisierer aus Polen tatsächlich ein fortschrittlicher Papst? Oder schaffte es der Charismatiker mit seinem Charme, alle Laien um seinen Finger zu wickeln? Ein Blick auf seinen Werdegang offenbart viel Verborgenes.

 

Der Anti-Kommunist

Bereits zu seiner Zeit als Erzbischof von Krakau führte Karol Wojtyla einen eifrigen Kampf gegen das kommunistische Imperium, das in seinem Land herrschte. Er plädierte von frühauf für Religionsfreiheit in Polen, liess Gotteshäuser ohne staatliche Genehmigung bauen und versteckte Regierungsgegner und Oppositionsmitglieder in den heiligen Hallen seiner widerrechtlichen Kirchen. Verständlich, dass es der Kommunistenpartei Polens mehr als sauer aufstiess, als das schwarze Schaf Wojtyla 1978 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt wurde.

 

Nur wenige Monate später trat Karol Wojtyla, der der Welt nun als Johannes Paul II. bekannt war, die erste Reise in sein Heimatland an. Millionen katholischer Polen empfingen ihr neues Oberhaupt. Für viele Historiker war diese Reise der Anfang vom Ende des Ostblocks.

 

“Wenn ich in Prozentzahlen ausdrücken sollte, wer wie viel zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems beigetragen hat, würde ich sagen: 50 Prozent der Papst, 30 Prozent Lech Walesa (Vorsitzender der Oppositions-Gewerkschaft). Den Rest besorgten Helmut Kohl, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow.”, äusserte Lech Walesa in einem Interview mit dem Spiegel.

 

Der polarisierende Medienstar

Karol Wojtyla war der erste nichtitalienische Papst seit 455 Jahren und der erste Slawe, der Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche wurde. Für viele Laien war er ein Hoffnungsträger, der die verstaubte Kurie in eine neue Zeit führen sollte. Nach der dramatisch kurzen, 33-tägigen Amtszeit seines Vorgängers, Papst Johannes Paul I., hatte die Kirche diesen Wandel dringend nötig.

 

Während seinem Pontifikat zeigte sich Johannes Paul II., auch fernab vom Vatikan, in seiner medienwirksamsten Rolle: Als weltoffener, älterer Herr, der weder dem höfischen Zeremoniell noch dem Reichtum der Kirche frönte: Die Bilder von seinen Ausflügen an Swimmingpools sowie seine Skifahrten und Bergwanderungen in den Dolomiten sind legendär.

 

Ein konservativ Progressiver

In seinem Amt selbst war Johannes Paul II. stark konservativ. Seine osteuropäische Frömmigkeit hat ihn in seinem Pontifikat augenscheinlich fehlgeleitet. Er war es, der dem Schweizer Theologen Hans Küng 1980 die Lehrerlaubnis entzog. Weitere Lehrverbote sollten folgen.

Johannes Paul II. liess keine Fremdmeinungen zu, die denen des Vatikans nicht entsprachen. Es überrascht deshalb nicht, dass er 2002 den Gründer des ultrakonservativen Geheimbundes Opus Dei heiligsprach.

 

Seine gepredigten Ansichten lesen sich wie ein Pamphlet aus dem Mittelalter: Wiederverheiratete Christen dürfen nicht zur Eucharistie und zum gemeinsamen Abendmahl mit anderen Christen zugelassen werden. Geburtenkontrolle, Frauen in Führungspositionen, Abtreibungen, Schwangerenberatungen, der Gebrauch von Kondomen: Für Johannes Paul II. alles Tabu. Homosexualität bezeichnete er gar als Todsünde.

 

Der nimmersatte Hobby-Banker

Das Istituto per le Opere di Religione (kurz IOR) ist die vatikanische Privatbank, die 1942 gegründet wurde. Bereits früh wurde sie mit offensichtlichen mafiösen Verbindungen ein Dorn im Auge der italienischen Regierung.

 

Nach seiner Wahl zum Papst versicherte Johannes Paul II. dem oberen Bankenrat, dass er an der Kontinuität der kriminellen Finanzstrategie nicht rütteln werde – nicht ohne Hintergedanken. In dem Buch Vaticano S.p.A. deckte der italienische  Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi auf, dass Johannes Paul II. den Vorsitzenden seiner Bank mehrere Vollmachten erteilte. Dies tat er allerdings nicht aus Freundschaft oder Vertrauen: In den Bankbelegen dieser Zeit findet man mehrere Geldüberweisungen an polnische Gewerkschaften. Insgesamt über 100 Millionen Dollar wurden auf teilweise illegalen Wegen in das Heimatland von Johannes Paul II. geschickt, um die antikommunistischen Gewerkschaften zu unterstützen, die wiederum dem Papst den Rücken stärkten.

 

Der Revoluzzer, der die Welt veränderte

Trotz allem war Papst Johannes Paul II. eine schillernde Figur. Mehr als 26 Jahre lang führte er als Oberhaupt die römisch-katholische Kirche. Ein längeres Pontifikat konnte nur Pius IX. aufweisen. Seine Amtszeit war geprägt von geopolitischen und wirtschaftlichen Weltproblemen, die ihm bei seinem Amtsantritt als relativ junger Papst auferlegt wurden. Vor diesem Hintergrund darf seine illegale Unterstützung von polnischen Gewerkschaften mit gewaschenem Mafiageld nicht als böswillige Missetat ausgelegt werden. Viel eher wollte er den Reichtum der Kirche nutzen, um seinen leidenden Volksleuten zu helfen. So verhalf er während seiner Amtszeit Polen er zu einem neuen Aufschwung.

 

Karol Wojtyla veränderte die Welt in vieler Hinsicht auf positive Weise. 1986 lud er Vertreter aller Weltreligionen nach Assisi ein, um gemeinsam für den Weltfrieden zu beten. Alle folgten ihm aufs Wort: Ob japanische Shinto-Priester, protestantische Pastoren, orthodoxe Bischöfe, jüdische Rabbiner, sogar der Dalai Lama: Sie alle beteten mit ihm.

 

Zudem hatte er wesentlichen Anteil daran, dass der Kommunismus überwunden wurde, was wiederum den Fall der Berliner Mauer beschleunigte. 1992 rehabilitierte Johannes Paul II. Galileo Galilei, ein Jahr später Nikolaus Kopernikus. 1996 machte er Frieden mit der Evolutionslehre von Charles Darwin. 2001 war er der erste Papst, der in einer muslimischen Moschee betete.

Er war weniger an der inneren Formung, als an der äusseren Wirkung der katholischen Kirche interessiert. Ein Papst, der sein Augenmerk auf das grosse Bild richtete.