“Ich wusste endlich, wer ich bin”

An diesem lauen Frühlingsabend ist Mimiks, der mit bürgerlichem Namen Angel Egli heisst, im Luzerner Concept Store Die Stiefväter anzutreffen. Haare schneiden steht auf dem Programm. “Die beiden Seiten muss ich dringend abrasieren lassen”, sagt der 22-Jährige und deutet auf seine Haarpracht.

 

Nach dem Coiffeurbesuch geht es in Richtung Altstadt. Obwohl einige Menschen unterwegs sind, spricht niemand den jungen Luzerner an. Wird man als Rapper nicht ständig erkannt? “Oh doch, dies kommt zunehmend vor”, meint Angel Egli. “Gerade heute in der Berufsschule wollten ein paar Schüler ein Foto mit mir schiessen.” Er mache da selbstverständlich mit, allerdings fände er es ein wenig komisch, wenn manche das Gefühl haben, dass er ein Star sei. Nur weil er rappe, möchte er keine Sonderbehandlung, sagt Mimiks.

 

Lego-Kamera als erster Versuch

Mit 16 Jahren kam er mit Rap zum ersten Mal in Berührung. “Zuhause hatte ich eine Kamera von Lego mit integriertem Mikrofon”, erinnert sich der Rapper lachend. “Diese schloss ich an den Computer, suchte mir irgendwelche Beats aus dem Internet und rappte mit meinem ersten selbstgeschriebenen Text drauf los.” Von nun an liess ihm das Thema Rap keine Ruhe mehr.

 

Was er mit seinem Leben anfangen sollte, wusste er damals noch nicht. Anstatt an seine Zukunft zu denken, rückte er das Nachtleben und seine Freunde in den Vordergrund. Heute bereut Mimiks, dass er nach der 6. Klasse nicht das Gymnasium besucht hat. In der Sek habe er rein gar nichts gemacht, weder gelernt, noch Hausaufgaben erledigt. “Schlussendlich stand ich mit leeren Händen da und hatte sechs Jahre meines Lebens verschwendet.” Mittlerweile hat der Luzerner dazugelernt und eine Lehre als Koch begonnen.

 

Identität gefunden

Als Angel Egli weitere Texte schrieb, wurde er sich immer bewusster, dass Rap sein Zuhause ist. “Wenn du mit einer Sportart beginnst, hörst du vielleicht nach drei Wochen wieder auf”, meint er. “Doch seit ich meinen ersten Text verfasst habe, war mir klar, dass ich damit nicht mehr aufhören werde.”

 

Für ihn sei es, als habe er durch den Rap seine Identität gefunden. “Ich wusste endlich, wer ich bin.” All die verpassten Chancen waren vergessen. 2012 wurde die Schweizer Rap-Szene aufmerksam auf den damals 20-jährigen Rapper. Ausschlaggebend war sein Mixtape Jong & Hässig. Dieses kursierte als Free-Download durch den Äther. Mit seinem unverkennbaren Sound, bestehend aus wuchtigen Beats, Doubletime und Texten, die den Nerv der Zeit treffen, konnte Angel Egli zahlreiche Fans gewinnen. Rap-Experte Ugur Gültekin, der eine Rap- und Hip-Hop-Sendung bei Joiz moderiert, betitelte Mimiks gar als Ausnahmetalent. Der Luzerner Rapper weiss, dass dies nicht von ungefähr kommt. “Ich sehe diese Ehrung als Lohn für die harte Arbeit, in die ich jahrelang investiert habe.”

 

Ohne Konzept

Mimiks Debütalbum VodkaZombieRambogang kommt bewusst ohne roten Faden aus. “Ich habe jeweils den Beat ausgesucht, der mir am besten gefällt und mit diesem geschrieben.” Diese Ungezwungenheit macht den unverkennbaren Stil von Angel Egli aus.

 

So ungezwungen das Debüt auf den ersten Blick scheinen mag: Etwa die Hälfte der fünfzehn Songs widmen sich einer ernsthaften Thematik: Sie dokumentieren die planlose Zeit des Rappers, und den Weg aus diesem Sumpf heraus. Die andere Hälfte zählt zu der Sorte von Liedern, welche “einfach in den Kopf ballern”, sagt Angel Egli.

 

 


Das Debüt des 22-Jährigen erschien am 25. April u.a. bei Ex Libris.

 

Die Plattentaufe findet am 16. Mai in der Schüür Luzern statt. Vorverkauf bei Starticket.

Das Doppelleben von Johannes Paul II.

Die Lobhuldigungen an Johannes Paul II. nahmen seit seinem Tod nicht mehr ab, Altkanzler Helmut Kohl bezeichnete ihn gar als grössten Papst seit langer Zeit. Für seine Heiligsprechung, die am Sonntag im Vatikan stattfand, erwartete Rom rund fünf Millionen Gläubige aus aller Welt. Der Bürgermeister der Ewigen Stadt, Ignazio Marino, teilte im Vorfeld mit, dass die Stadtverwaltung an einer besseren Anbindung des römischen Flughafens an die Innenstadt arbeite. Dies betreffe auch die italienischen Eisenbahnen, die mit Hochgeschwindigkeitszügen die Pilger schnellstmöglich an ihren Bestimmungsort führen sollen.

 

Ein derartiges Fest um eine Heiligsprechung gab es bisher noch nie. Doch war der konservative Modernisierer aus Polen tatsächlich ein fortschrittlicher Papst? Oder schaffte es der Charismatiker mit seinem Charme, alle Laien um seinen Finger zu wickeln? Ein Blick auf seinen Werdegang offenbart viel Verborgenes.

 

Der Anti-Kommunist

Bereits zu seiner Zeit als Erzbischof von Krakau führte Karol Wojtyla einen eifrigen Kampf gegen das kommunistische Imperium, das in seinem Land herrschte. Er plädierte von frühauf für Religionsfreiheit in Polen, liess Gotteshäuser ohne staatliche Genehmigung bauen und versteckte Regierungsgegner und Oppositionsmitglieder in den heiligen Hallen seiner widerrechtlichen Kirchen. Verständlich, dass es der Kommunistenpartei Polens mehr als sauer aufstiess, als das schwarze Schaf Wojtyla 1978 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt wurde.

 

Nur wenige Monate später trat Karol Wojtyla, der der Welt nun als Johannes Paul II. bekannt war, die erste Reise in sein Heimatland an. Millionen katholischer Polen empfingen ihr neues Oberhaupt. Für viele Historiker war diese Reise der Anfang vom Ende des Ostblocks.

 

“Wenn ich in Prozentzahlen ausdrücken sollte, wer wie viel zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems beigetragen hat, würde ich sagen: 50 Prozent der Papst, 30 Prozent Lech Walesa (Vorsitzender der Oppositions-Gewerkschaft). Den Rest besorgten Helmut Kohl, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow.”, äusserte Lech Walesa in einem Interview mit dem Spiegel.

 

Der polarisierende Medienstar

Karol Wojtyla war der erste nichtitalienische Papst seit 455 Jahren und der erste Slawe, der Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche wurde. Für viele Laien war er ein Hoffnungsträger, der die verstaubte Kurie in eine neue Zeit führen sollte. Nach der dramatisch kurzen, 33-tägigen Amtszeit seines Vorgängers, Papst Johannes Paul I., hatte die Kirche diesen Wandel dringend nötig.

 

Während seinem Pontifikat zeigte sich Johannes Paul II., auch fernab vom Vatikan, in seiner medienwirksamsten Rolle: Als weltoffener, älterer Herr, der weder dem höfischen Zeremoniell noch dem Reichtum der Kirche frönte: Die Bilder von seinen Ausflügen an Swimmingpools sowie seine Skifahrten und Bergwanderungen in den Dolomiten sind legendär.

 

Ein konservativ Progressiver

In seinem Amt selbst war Johannes Paul II. stark konservativ. Seine osteuropäische Frömmigkeit hat ihn in seinem Pontifikat augenscheinlich fehlgeleitet. Er war es, der dem Schweizer Theologen Hans Küng 1980 die Lehrerlaubnis entzog. Weitere Lehrverbote sollten folgen.

Johannes Paul II. liess keine Fremdmeinungen zu, die denen des Vatikans nicht entsprachen. Es überrascht deshalb nicht, dass er 2002 den Gründer des ultrakonservativen Geheimbundes Opus Dei heiligsprach.

 

Seine gepredigten Ansichten lesen sich wie ein Pamphlet aus dem Mittelalter: Wiederverheiratete Christen dürfen nicht zur Eucharistie und zum gemeinsamen Abendmahl mit anderen Christen zugelassen werden. Geburtenkontrolle, Frauen in Führungspositionen, Abtreibungen, Schwangerenberatungen, der Gebrauch von Kondomen: Für Johannes Paul II. alles Tabu. Homosexualität bezeichnete er gar als Todsünde.

 

Der nimmersatte Hobby-Banker

Das Istituto per le Opere di Religione (kurz IOR) ist die vatikanische Privatbank, die 1942 gegründet wurde. Bereits früh wurde sie mit offensichtlichen mafiösen Verbindungen ein Dorn im Auge der italienischen Regierung.

 

Nach seiner Wahl zum Papst versicherte Johannes Paul II. dem oberen Bankenrat, dass er an der Kontinuität der kriminellen Finanzstrategie nicht rütteln werde – nicht ohne Hintergedanken. In dem Buch Vaticano S.p.A. deckte der italienische  Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi auf, dass Johannes Paul II. den Vorsitzenden seiner Bank mehrere Vollmachten erteilte. Dies tat er allerdings nicht aus Freundschaft oder Vertrauen: In den Bankbelegen dieser Zeit findet man mehrere Geldüberweisungen an polnische Gewerkschaften. Insgesamt über 100 Millionen Dollar wurden auf teilweise illegalen Wegen in das Heimatland von Johannes Paul II. geschickt, um die antikommunistischen Gewerkschaften zu unterstützen, die wiederum dem Papst den Rücken stärkten.

 

Der Revoluzzer, der die Welt veränderte

Trotz allem war Papst Johannes Paul II. eine schillernde Figur. Mehr als 26 Jahre lang führte er als Oberhaupt die römisch-katholische Kirche. Ein längeres Pontifikat konnte nur Pius IX. aufweisen. Seine Amtszeit war geprägt von geopolitischen und wirtschaftlichen Weltproblemen, die ihm bei seinem Amtsantritt als relativ junger Papst auferlegt wurden. Vor diesem Hintergrund darf seine illegale Unterstützung von polnischen Gewerkschaften mit gewaschenem Mafiageld nicht als böswillige Missetat ausgelegt werden. Viel eher wollte er den Reichtum der Kirche nutzen, um seinen leidenden Volksleuten zu helfen. So verhalf er während seiner Amtszeit Polen er zu einem neuen Aufschwung.

 

Karol Wojtyla veränderte die Welt in vieler Hinsicht auf positive Weise. 1986 lud er Vertreter aller Weltreligionen nach Assisi ein, um gemeinsam für den Weltfrieden zu beten. Alle folgten ihm aufs Wort: Ob japanische Shinto-Priester, protestantische Pastoren, orthodoxe Bischöfe, jüdische Rabbiner, sogar der Dalai Lama: Sie alle beteten mit ihm.

 

Zudem hatte er wesentlichen Anteil daran, dass der Kommunismus überwunden wurde, was wiederum den Fall der Berliner Mauer beschleunigte. 1992 rehabilitierte Johannes Paul II. Galileo Galilei, ein Jahr später Nikolaus Kopernikus. 1996 machte er Frieden mit der Evolutionslehre von Charles Darwin. 2001 war er der erste Papst, der in einer muslimischen Moschee betete.

Er war weniger an der inneren Formung, als an der äusseren Wirkung der katholischen Kirche interessiert. Ein Papst, der sein Augenmerk auf das grosse Bild richtete.

70er-Jahre-Action

Ein Überfall auf ein militärisches Geheimlabor in Genf bildet den Auftakt. Die entstehende Schiesserei führt dazu, dass zwei der schwedischen Einbrecher sich mit einem pestähnlichen Virus anstecken. Einer entkommt, der andere besteigt den Zug nach Stockholm. Während das Militär bereits den Funkkontakt mit dem Zug sucht, um eine Massenpanik zu verhindern, ahnen die Passagiere noch nichts von der tödlichen Fracht.

 

Gemeinsam mit einer Genfer Ärztin gibt der Colonel (Burt Lancaster) die Anweisungen für Massnahmen, die verhindern sollen, dass sich das Virus ausserhalb des Zuges weiterverbreitet. Der Zug soll schliesslich über die alte und lange unbenutzte Kassandra-Brücke umgeleitet werden.

 

Internationale Besetzung

Alt aber nicht ungenutzt ist auch der Film selbst: The Cassandra Crossing stammt aus dem Jahr 1976. Derselbe Pan Cosmatos, der den Zug auf die Kassandra-Brücke zurattern lässt, zeichnete später als Regisseur für testoterontreibende Streifen wie Rambo 2 oder Tombstone verantwortlich. The Cassandra Crossing drehte der Grieche mit italienischen Wurzeln noch bevor er bekannt wurde.

 

Pan Cosmatos lässt den Neurochirurgen Chamberlain (Richard Harris) seine Ex-Frau (Sophia Loren) necken. Für das an sich unterhaltsame Techtelmechtel verzichtet der Zuschauer allerdings auf einen straff gezogenen Spannungsbogen. Während die Kassandra-Brücke immer näher kommt, befasst sich der Film mit den Reaktionen der Passagiere. Dabei werden durchaus gesellschaftskritische Themen angesprochen. Während der Colonel sich um die Staatssicherheit sorgt und alle Passagiere unter Quarantäne setzen und notfalls deren Tod riskieren möchte, glaubt die Ärztin daran, dass man die Krankheit heilen kann und möchte jedes Menschenleben retten.

 

Katastrophenfilm mal langsam

Dass der Film aus den 70er Jahren kommt, merkt der Zuschauer den Bildern stark an. Ästhetisch ruhig konzipiert und durch langsame Schnitte zusammengefügt, wirkt der Film im Vergleich zu akutellen Action-Streifen, wie das Tintenfass neben der Computer-Tastatur. Irgendwie aus einer anderen Zeit und doch irgendwie mit einem besonderen Charme. Dabei geht gerne vergessen, dass der Film schon in den 70er-Jahren als “langatmig” gebrandmarkt wurde. Ein Action-Film zum Geniessen ist The Cassandra Crossing aber allemal.

Depp ex Machina

Da hat Johnny Depp nochmal Glück gehabt. Diesmal muss er keine Piratenschminke im Gesicht und auch keinen Vogel auf dem Kopf tragen, sondern nur eine Brille auf der Nase. Schliesslich spielt er einen Wissenschaftler. Ein einigermassen schusseliges und nuschelndes Exemplar zwar, dafür gesegnet mit einem brillanten Kopf.

 

Zusammen mit seiner Film-Gattin Rebecca Hall gehört er zu den führenden Forschern auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Beide sind davon überzeugt, dass Computer die Antwort auf alle Probleme dieser Welt darstellen. Egal ob Klima, Krankheiten oder Dichtestress – keine Herausforderung wäre zu knifflig für das allmächtige Elektronenhirn, das den beiden vorschwebt. Leider sind die Anhänger der technikkritischen Terrorzelle RIFT nicht so optimistisch. Denn sie wissen, dass es in Science Fiction-Filmen noch nie eine gute Idee war, Computer mit unbegrenzter Macht auszustatten.

 

Johnny Depp 2.0

Die Fronten sind klar abgesteckt im Land der unbegrenzten technischen Möglichkeiten: Fortschritt trifft auf Skepsis, wissenschaftlicher Grössenwahn auf religiöse Demut. Doch damit ist gerade mal die Exposition überstanden. Denn Johnny Depp wird von den militanten Computergegnern angeschossen und mit einer tödlichen Strahlenkrankheit infiziert. Ihm bleiben nur noch wenige Wochen zu leben – immerhin genügend Zeit, um ein digitales Backup seines Gehirns zu erstellen. Dadurch soll sein Bewusstsein als Computersimulation erhalten bleiben, zumindest theoretisch.

 

Aber was in der Theorie funktioniert, muss es nicht zwangsläufig im Film tun (geschweige denn in der Realität). Wenn der Hirnscan nur eine einzige Emotion oder Erinnerung übersieht, könnte sich Depps Persönlichkeit gravierend verändern. Wir ahnen es schon: In einem wissenschaftlich derart akkuraten Film muss auch Murphys Gesetz zur Anwendung kommen. Und das besagt bekanntlich: Keine Fehlerquelle bleibt ungenutzt.

 

Zunächst scheint alles gut zu gehen. Johnnys Filmcharakter kann friedlich entschlafen und muss trotzdem nicht aus der Handlung scheiden. Im Gegenteil: Was als Binärcode von ihm übrig bleibt, schliesst sich mal eben mit dem Internet kurz und wird somit zur totalen Omnipotenz.

 

Jetzt sind die Krawallmacher von RIFT erst recht sauer. Während Johnny Depp 2.0 und seine Angetraute im kalifornischen Nirgendwo ein zweites Silicon Valley aus dem Boden stampfen, wird auch das FBI misstrauisch. Ist alles nur zum Wohle der Menschheit oder kocht der digitale Depp etwa sein eigenes Süppchen?

 

Starpower ex Machina

Computer mit Persönlichkeit haben im Kino derzeit Hochkonjunktur: Erst noch lieh Scarlett Johansson in Her einem charmanten Betriebssystem ihre Stimme, nun muss auch Johnny Depp einen Grossteil seiner Rolle vom Tonstudio aus bewältigen.

 

Zwar taucht sein Gesicht in Transcendence gerne auf den allgegenwärtigen Bildschirmen auf, doch der Fokus liegt überwiegend auf den Darstellern aus Fleisch und Blut. Allen voran Rebecca Hall, die per Headset mit Depp verbunden ist und allmählich an dessen Motiven zweifelt. Unterstützt beziehungsweise bekämpft werden die beiden je nach Handlungsstadium von Morgan Freeman, Cillian Murphy und Paul Bettany.

 

Analog versus digital

So gut sich die Besetzung auch liest, für Sätze wie “Wenn wir ihn nicht aufhalten, wird dies das Ende der Menschheit sein” ist Morgan Freeman dann doch etwas überqualifiziert. Im Grunde hätte man das Drehbuch auch mit mimischen Analphabeten wie Til Schweiger und Kristen Stewart in den Hauptrollen verfilmen können.

 

Dann wäre vielleicht noch genügend Budget für überzeugende Computereffekte übriggeblieben. Andererseits kann man die Pixelwolken im Finale auch als konsequente Fortsetzung des thematischen Konflikts zwischen analoger Behaglichkeit und digitaler Bedrohung betrachten: Da werden die wuchtigen 35-Millimeter-Bilder mit potthässlichen Computereffekten verunstaltet, dass man glauben könnte, der trojanische Johnny Depp habe sich auch in die Rechner der CGI-Verantwortlichen (Anm. d. Red.: Computer-Generated Imagery, mittels 3D-Computergrafik werden Bilder für z.B. Filmproduktionen erzeugt) gehackt.

 

Nieder mit der Logik!

Wenigstens kann Transcendence mit einer interessanten Grundprämisse aufwarten. Ein Elektronenhirn verschaltet sich übers World Wide Web mit sämtlichen Computern dieser Welt und verfügt damit über unbegrenzte Rechenleistung. Quasi der digitale Gott für das 21. Jahrhundert: allwissend, allmächtig, allgegenwärtig.

Das hätte Potential gehabt für einen apokalyptischen Sci-Fi-Kracher vom Kaliber eines Terminator 2, doch der Film plätschert vor sich hin und kann sich nie recht zwischen Drama und Thriller entscheiden.

 

Da werden grosse Frage aufgeworfen (Was ist Bewusstsein? Was darf Wissenschaft?) und gleich wieder verdrängt, wohl aus Angst vor todessterngrossen Logiklöchern. Dabei ist die Logik hier sowieso nicht mehr zu retten – wozu auch? Die hat im Multiplexkino ohnehin nichts verloren. Hier zählen Visionen, Geschichten, Gefühle. Und die können auch ohne jede Logik echt sein. Nur leider fehlt im vorliegenden Fall alles zusammen.

 

Verschenktes Potential

Verantwortlich für den ganzen Budenzauber ist Regiedebütant Wally Pfister, langjähriger Kameramann von Blockbuster-Schlauberger Christopher Nolan. Dieser fungierte wiederum als ausführender Produzent und auch unübersehbar als stilistisches Vorbild.

 

Von der bleiernen Ernsthaftigkeit bis hin zur alles revidierenden Schlusseinstellung hat sich Pfister ausgiebig im inszenatorischen Werkzeugkoffer seines Mentors bedient. Damit kann er die Schwächen des Drehbuchs leider zu keinem Zeitpunkt kaschieren und höchstens andeuten, wie viel mehr bei diesem Cast, der Grundidee und dem angeblichen Budget von 100 Million Dollar möglich gewesen wäre.

Sechster Brief aus Deutschland

Hallo! Oder wie der Schweizer auch gerne sagt: Hallo!

 

Wir hoffen, Sie hatten ein schönes Osterfest. In Deutschland ist die Osterzeit auch die Ferienzeit, sodass drei Wochen lang generell nur wenig bis gar nicht gearbeitet wird. Auch die Bundeskanzlerin war im Urlaub und ebenso große Teile der Armee und Polizei, weshalb Deutschland kurz am Rande eines… Aber Verzeihung, das darf man im Ausland alles gar nicht wissen. Vergessen Sie’s einfach.

 

Wir wissen, Sie können sich das als fleißiges Arbeiter-Völkchen gar nicht vorstellen: Urlaub! Wo doch der gemeine Schweizer sogar am Sonntag im Büro sitzt und acht bis zehn Stunden lang malocht. Natürlich erst nachdem er mit seiner Familie den wöchentlichen Kirchenbesuch absolviert hat.

 

Denn laut Erhebung eines deutschen Umfrageinstituts gehen 89 Prozent aller Schweizer mindestens einmal die Woche in die Kirche. Das finden wir vollkommen ok. Ein Glaube hat noch niemandem geschadet. Doch, was uns Deutsche dagegen sehr amüsiert, ist ihr übertriebener Hang zum Aberglauben. Gerade in Bezug auf uns Deutsche. Beispielsweise, dass der Schweizer Angst hat, bei rot die Strasse zu überqueren, weil es heißt, dass dann drei Deutsche in die Schweiz einwandern.

 

Oder das Sprichwort: “Iss deinen Teller leer, sonst klingelt morgen ein Deutscher an deiner Tür.” Wirklich, wunderbar! Bei uns bringt es Pech, wenn eine schwarze Katze von links nach rechts (oder andersherum, da ist man sich nicht ganz einig) über die Straße läuft. Stimmt es, dass es in der Schweiz ein schwarzgekleideter Deutscher anstelle der Katze ist, der Pech bringt? Köstlich!

 

Wir finden so etwas ja eher spannend und witzig als diskriminierend. Anders der Schweizer: jahrhundertelang galt in Deutschland das geflügelte Wort “Das macht der Schweizer!”. Verwendet unter anderem, um unangenehme Aufgaben von sich zu weisen. Toiletten zum Beispiel wurden bei uns sprichwörtlich von Schweizern geputzt, Hundekot von den Straßen “machte der Schweizer weg” und Leprakranke “holte der Schweizer”.

 

Ihr Land hat sich dann irgendwann gegen diese kleinen humorvollen Sprüche gewehrt. Die NZZ titelte seinerzeit groß auf der Titelseite irgendwas mit “Lasst das doch bitte mal sein”, oder so. Das hat gewirkt – mehrere deutsche Medien berichteten dann über das Unbehagen, dass Sie Schweizer mit unserer bildhaften Sprache hatten. Das wiederum führte dazu, dass diese Redewendungen gänzlich aus dem deutschen Sprachschatz verschwanden.

 

Aber wir sind flexibel. Heute sagen wir eher so etwas wie “Fuck”, wenn uns etwas nicht passt. Oh, darf man das im Schweizer Internet überhaupt schreiben? Sonst geht das auch so: “F**k!”

 

Herzliche Grüße und hoffentlich haben Sie endlich mal etwas gelernt,

 

Ihr Deutschland

Der vergessene Ursprung aller Hockeysportarten

Dieses Hockey hat mit dem in der Schweiz beliebten Unihockey nur wenig gemeinsam. Genau genommen ist die einzige Gemeinsamkeit, dass es sich um ein Spiel mit Ball und Stock handelt und das Ziel darin besteht, möglichst viele Tore zu erzielen.

 

Eine harmlose Sportart für junge Mädchen

Das Besondere am Hockey ist, dass es eine der ersten Mannschaftssportarten war, die auch Frauen ausüben konnten. 1832 wurde in England, am Eton College, Hockey als Pflichtfach für Mädchen eingeführt.

Es sollte als Pendant zum Rugby für die Jungs fungieren. Viele englische Colleges folgten dem Beispiel von Eton, allerdings wurde überall nach unterschiedlichen Regeln gespielt.

 

1840 wurde der erste Hockeyclub der Welt, namens Blackheath Football and Hockey Club, gegründet. Ein allgemeines Regelwerk entstand aber erst 1852. Dieses “Rules of Harrow” umfasste Regeln und Vorschriften über die Spielkleidung; Spielerzahl, nämlich 30 pro Team; Verbot des Beinstellens; Angaben zur Schlägerlänge und so weiter.

1857 folgte die Einführung des Schusskreis. Das bedeutete, dass nur noch Tore zählten, bei denen der Ball innerhalb des Schusskreises zuletzt berührt wurde.

 

Das Desinteresse der Schweizer

England, nicht umsonst als das Mutterland des Hockeys bezeichnet, spielt auch heute auf internationaler Ebene eine entscheidende Rolle. Gemeinsam mit Indien, Australien, Argentinien, Südkorea und den Niederlanden bilden sie die Weltspitze des Hockeys, sowohl bei den Damen, wie auch bei den Männern.

Die Schweizer spielen auf diesem Parket eine eher untergeordnete Rolle. Trotzdem finden immer wieder internationale Turniere statt, an denen auch Schweizer Mannschaften teilnehmen.

Allerdings hält sich das Interesser der Schweizer Medien in Grenzen. Erst im Januar fand die Hallen-Europameisterschaft der Herren in Bern Wankdorf statt. Berichte über solche Turniere, wie sie alle paar Jahre stattfinden, findet man höchstens in Regionalzeitungen. Linus Angst, Präsident des Landhockeyvereins HC Wettingen findet dies schade. “Irgendwie scheinen sich die Medien in der Schweiz nicht für Landhockey zu interessieren.”

 

Sexistisch?

Hockey galt als Frauensport. Die Mädchen spielten in knöchellangen Röcken und Blusen. Spezielle Sportkleidung oder Schutzausrüstung sucht man auf alten Bildern vergebens. Noch heute spielen Damenmannschaften in Röcken, die sich aber inzwischen auf eine praktischere Länge, circa Mitte Oberschenkel, verkürzt haben.

Veraltet oder gar unpraktisch finden sie die meisten Damen jedoch nicht. “Es gehört einfach dazu. Ich trage privat keine Röcke, aber beim Hockey hat es mich noch nie gestört,” findet Anka Bresser, Mittelspielerin der Damenmannschaft des HC Wettingen.

 

Ein Sport für Rechtshänder

Die Regeln des Feld- oder Landhockeys wirken auf den ersten Blick furchtbar kompliziert, deshalb hier eine kleine Zusammenfassung:

Gespielt wird auf einem Feld von 91.4 x 55 Meter, eine Mannschaft hat elf Spieler und einen Torwart. Ein Spiel geht traditionell zwei Mal 35 Minuten. Je nach Kategorie und Alter der Spieler, beispielsweise bei den Junioren, kann diese Zeit variieren.

 

Der Schläger, aus Karbon, Holz oder einer Mischform, ist auf der rechten Seite abgeflacht. Stöcke für Linkshänder gibt es nicht. Der Ball darf nur mit der flachen Seite gespielt werden.

Auch ist jeglicher Körperkontakt mit dem Ball verboten. Bei Verstoss dieser Regeln, gleiches gilt bei einem Stockschlag, gibt es einen Freischlag für die gegnerische Mannschaft. Dabei spielen diese den Ball, während die andere Mannschaft mindestens fünf Meter Abstand halten muss.

 

In den Wintermonaten spielt man in Europa in Sporthallen, mit leicht veränderten Regeln und Ausrüstung. Auf anderen Kontinenten wie Amerika oder in Asien ist Hallenhockey gänzlich unbekannt. Dort wird ganzjährig auf Kunstrasenplätzen, teilweise sogar überdachten, gespielt.

 

Hockey heute

Innerhalb der letzten dreissig Jahre, kam es zu einigen Neuerungen, die das Spiel massgeblich beeinflussten. Mitte der 80er Jahre wechselte man von Naturrasen auf Kunstrasen. Dies erlaubt den Spielern eine bessere Ballkontrolle, was vor allem die Geschwindigkeit des Spiels steigerte. Auch die Abschaffung des Abseits, wie man es aus dem Fussball kennt, führte zu einer Beschleunigung des Spiels. Änderungen wie diese werden vom internationalen Verband bestimmt, stets darauf aus, das Spiel schneller oder interessanter zu gestalten.

 

Obwohl Landhockey in der Schweiz eher unbekannt ist, mangelt es nicht an Nachwuchs. Auch ähnliche Sportarten wie Uni- oder Eishockey seien keine Konkurrenz. Angst: “Zu Beginn des Unihockeys in den 80ern und 90ern gab es viele, die absprangen, aber heute ist das kein Thema mehr. Natürlich gibt es Punkte, die man verbessern könnte, aber das gibt es immer. Dem Sport, Landhockey, könnte es viel schlechter gehen.”

Der schwarze Abspann

Zu Beginn des Films erfährt der Zuschauende allein durch Dialoge, dass im Vorfeld ein Bus mit intellektuellen Regierungskritikern hätte verunglücken sollen. Diese Geschichte schrieb einer der betroffenen Männer nieder. Im Folgenden will der Geheimdienst dieses Manuskript und zwei Kopien der Aufzeichnungen vernichten. Mit Entführung, Folter und Mord versuchen die Beamten die Dokumente zu vernichten.

Iranische Filme in Fribourg

Auch wenn der Film unter der Kategorie “Langfilme” am FIFF gezeigt wurde, hat sich die diesjährige Ausgabe des Festivals auf iranische Filme spezialisiert. Unter der Kategorie “Iranische Filmschaffende präsentieren Schlüsselwerke ihres Landes” hat das FIFF versucht iranische Filme zu finden. Es konnten jedoch nicht alle präsentiert werden. Der internationalen Verbreitung von iranischen Filmen steht vieles im Weg, und diese Lücke wollte das FIFF ansatzweise füllen. Die Kategorie soll ein besseres Verständnis für das Land und seine Kultur hervor bringen.

Zensierte Kunst

Die Gespräche unter den kritischen Intellektuellen zeigen die verschiedenen Positionen auf, in denen sich vermutlich jeder Künstler, der zensiert wird, befindet. Entweder kämpft man für seine eigene Meinungsfreiheit und riskiert unterzugehen oder man hält sich im Stillen und versucht den Rest des Lebens zu geniessen. Die dritte Option stellt die Flucht aus dem eigenen Land dar. Im Film wird sichtbar, dass Rasoulof versucht durch seine Figuren zu sprechen, da er seine Meinung anderst nicht vermitteln kann. So kommt der Film ohne grosse Thrillereffekte aus, was ihn umso beunruhigender erscheinen lässt

Restriktive Politik bis in die Gegenwart

Spätestens am Ende des Films, wird klar, wie es um Journalisten, Schriftsteller und Künstler im Iran steht. Anstatt eines Abspanns sieht man nur einen von Musik begleiteten, schwarzen Hintergrund. Dies ist eine Sicherheitsvorkehrung für Schauspieler und Schauspielerinnen und die Mitwirkenden, denn die Zensur im Iran ist hoch. Niemand möchte das Risiko eingehen und von der Regierung verfolgt werden.

Verwackelte Bilder

Weitere Folgen der restriktiven Politik gegenüber Kunst sind die oft verwackelten Bilder im Film. Zudem wurde selten in der Totale aufgenommen, es gab beinahe nur Nahaufnahmen. Das alles lässt sich vermutlich darauf zurückführen, dass der Film unter grösster Geheimhaltung entstand.

Eine weitere Folge der iranischen Politik zeigt sich auch im geplatzten Auftritt des Regisseurs Mohammad Rasoulof, der am Filmfest in Hamburg hätte auftreten sollen. Ihm wurde der Pass abgenommen, was seine Anreise verunmöglichte. Zudem wurde er mehrmals wegen “Gefährdung der nationalen Sicherheit” verhaftet. Trotz eines Berufsverbotes machte er immer weiter. Momentan steht er nicht unter Hausarrest, darf das Land aber nicht verlassen.

Eine Pseudo-Schriftstellerin und das Leben

Dominique versucht ihr Glück und reicht selbstzufrieden ihr erstes Roman-Manuskript ein. Zu früh gefreut – das Manuskript wird abgelehnt. Zurück auf dem Boden der Tatsachen angekommen beschließt sie, dass die Zeit nun reif für einen Wechsel ist. Gemeinsam mit ihrem Freund Deniz, einem deutsch-türkischen Dönerverkäufer, zieht sie los ins Ungewisse. Am neuen Schauplatz angekommen, erhofft sie sich neue Inspirationsquellen. So mieten die Verliebten, die sich erst seit kurzem kennen, eine alte Tankstelle im Walliser Bergtal. Dort können sie das Leben und die Liebe genießen und ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Sie lernen die Schweizer Mentalität kennen und machen Erfahrungen, die sie in Berlin nie gemacht hätten. Die junge Liebe wird auf eine harte Probe gestellt.

 

Neue Talente entdeckt

Die Oprecht-Preisträgerin Florentine Krafft zeigt in ihrer Rolle als Dominique, dass sie an der ZHdK einiges gelernt hat. Überzeugend präsentiert sie ihre Figur in zahlreichen Facetten.  Stolz, Verzweiflung, Angst, Glück, Liebe und Wut bringt die Hauptdarstellerin authentisch auf die Leinwand. Sie weiß, wie sie das Publikum in ihren Bann ziehen kann.

José Barros, der auch die Schauspielkunst studiert hat, steht Florentine in nichts nach. Er brilliert in seiner Rolle, zeigt sich als verliebten, stolzen, starken und dennoch sehr leicht verletzlichen Deniz mit unerwarteter Intensität. Diese beiden jungen Schauspieler sind wahre Talente und sorgen dafür, dass sich der Zuschauer während der ganzen Spielzeit ausgesprochen gut unterhalten fühlt.

 

Idyllisches Schweizer Bergtal

Die idyllischen Szenen im schweizerischen Wallis präsentieren dem Zuschauer eine “Heile Welt” in der noch alles in Ordnung ist. Dominik Locher beschreibt diese Gegend zutreffend als “das Texas Europas”. Dorthin zieht es Dominique und Deniz, die eine Auszeit von der turbulenten Großstadt Berlin nötig haben. Aus dem Chaos kommen sie in einen Ruhepol, der ihnen dabei hilft, herauszufinden, was sie sich vom Leben wünschen.

 

Stefan Künzlers Kameraführung kann nur gelobt werden. Denn durch diese werden die Szenen erst richtig faszinierend. Überzeugende Darsteller, wunderschöne Landschaften und romantische Szenerien werden präsentiert. Damit kontrastiert eine raue, ungeschliffene Seite des Wallis, die erst auf den zweiten Blick sichtbar wird.

 

Leben, lieben und fühlen lernen

Dominique lernt sich selbst im Verlauf des Films immer besser kennen. Dadurch, dass sie tut was sie will, lernt sie zu fühlen. Grenzen überschreitet sie absichtlich, um dabei neue Gefühle kennen zu lernen. Die Liebesbeziehung der beiden Berliner durchlebt Hochs und Tiefs. Deniz zeigt Dominique seine Liebe mehrmals in ihrer vollen Stärke, doch sie bleibt dabei kalt. Ihr scheint es eher der Erfolg angetan zu haben als die Liebe. Während des Films reflektiert Dominique so gut wie nie. Am Schluss erkennt sie aber doch noch wer sie ist. Sie weiß nun, dass das Leben kein Film ist und dass man getroffene Entscheidungen manchmal bereut. Der Zuschauer bemerkt am Ende des Films, dass es nun an ihm ist, sein eigenes Buch zu schreiben. Die Mitglieder der «Generation Krise» können selbst bestimmen, ob sie etwas daran ändern wollen. So könnte diese Generation bald einen ganz anderen Namen erhalten.

Gottesdienst auf die andere Art

ICF ist anders. Die Freikirche mit Gründungsort Zürich ist in zahlreichen Ortschaften der Schweiz vertreten. Christliche Dogmen wie kein Sex vor der Ehe gilt es in der Freikirche einzuhalten. Beziehungen der ICF-AnhängerInnen untereinander sind gestattet, jedoch gilt es jungfräulich in die Ehe zu gehen. Dieses Prinzip unterliegt einem älteren Verständnis von Religion in der Kirche.

 

Jedoch wird die Philosophie des neuen Kirchenerlebnisses räumlich umgesetzt. Man trifft sich nicht in muffigen alten Kirchen, sondern in alternativen Veranstaltungsgebäuden. So finden sich die AnhängerInnen der ICF Basel im Gundeli Casino beim Tellplatz zum sonnabendlichen Gottesdienst ein.

 

Konzertatmosphäre im Schein Gottes

Am Eingang zum Casino werden alle GottesdienstteilnehmerInnen freundlich von Staff-Mitgliedern des ICF begrüsst. Sie tragen Ausweise, was einem eher das Gefühl gibt ein exklusives Konzert zu besuchen, anstatt an einem öffentlichen Gottesdienst teilzunehmen. Der Eingangsbereich ist schummrig beleuchtet. Einzelne, bunte Lichtkegel von aufgestellten Scheinwerfern sorgen für Disko-Ambiente. Die stimmungsvolle Atmosphäre kommt auch im abgedunkelten Saal, in dem der Gottesdienst stattfindet, zur Geltung.

 

Einfache Worte

Der Gottesdienst beginnt um 19.30 Uhr. Eingeleitet wird der Beginn nicht durch Glockenläuten, sondern einen digitalen Countdown auf einer grossen Leinwand, der sich aus dem roten Sechseck-Zeichen Gottart gebildet hat. Danach erscheint ein Songtext der ICF-Band Zürich auf der Leinwand. Das Lied wird in Englisch vorgetragen und damit auch die Anwesenden mit mässigen Fremdsprachenkenntnissen den Text verstehen, wird die deutsche Übersetzung eingeblendet. Die Songs handeln alle von der gleichen Thematik. Es geht um Gott, dem Retter der Gemeinschaft und der Berufung zu ihm.

 

Mediale Inszenierung

ICF bedient sich der modernen, medialen Infrastruktur, um den Gottesdienst für die im Zeitalter der Digitalität aufgewachsenen Jugendlichen ansprechend zu gestalten. Denn die meisten ICF-Anhänger sind Anfang 20 und mit regem Medienkonsum gross geworden. So wird zu Beginn ein Konzertvideo der ICF-Band Churches abgespielt. Später folgt eine Danksagung der Organisation Diakonische Stadtarbeit Elim, welche die letzte Spende eines ICF-Gottesdientes erhalten hat. Im Verlauf der Veranstaltung wird zudem ein Handyvideo von einem sich in Jerusalem befindenden Mitglied gezeigt. Darin trägt der Reisende die Bibelstelle “Vom Beten” aus Matthäus 6 vor. Aussage hier: Heuchlerische Gebete sind unerwünscht.

 

Predigt

Der Prediger Ralf Dörpfeld nutzt diese Worte zur Einleitung in seine Predigt. Er selbst hebt sich augenscheinlich von seinem Publikum ab, da er um einiges älter wie seine Zuhörer ist. Ein rarer Vertreter der vorherigen Generation. Diese Position nutzt er gekonnt aus, nennt Beispiele aus seinem Leben als Familienvater mit zwei Kindern. So habe er schon viele Situationen erlebt in denen er zum “Gebetsweltmeister” wurde. Beispielsweise als sich das eine Kind einen Knochenbruch zuzog, oder das andere eine Kugel verschluckt habe.

Trotz, oder gerade wegen des Altersunterschieds sucht der Prediger die sprachliche Nähe zum Publikum, indem er die “Leute” mehrfach direkt anspricht und sich des jugendlichen Vokabulars bedient.

 

Zum Ende der Predigt wird gemeinsam das “Unser Vater” gebetet. Diese Wortstellung wird so in der reformierten Kirche gebetet, Katholiken sprechen das “Vater unser”. Die grössere Nähe zur reformierten wie zur katholischen Kirche wird von einem ICF-Leiter zum Schluss des Gottesdienstes bestätigt. Dies aus dem Grund, dass die Reformierten etwas moderner seien.

 

Verloren in Beispielen

In seinen Ausschweifungen zum Thema richtiges, ungeheucheltes Beten stellt der Prediger zahlreiche Vergleiche und Beispiele an. Niemand erwähne beim Vorstellungsgespräch für den neuen Job, dass er ein Tagträumer sei und gerne aus dem Fenster schaue. Weiter berichtet Dörpfeld von einer Studie über den Lieblingsort von Männern und Frauen. Der von Müttern sei das Badezimmer, da sie sich nur dort einfach in Ruhe hinsetzen und ungestört sein können.

Das WC als Ort absoluter Privatsphäre für gestresste Mütter belustigt die Anwesenden. Lacher aus dem Publikum sind zu vernehmen. Die Quintessenz in diesem Beispiel ist wohl, dass ungeheucheltes Beten überall möglich ist – auch in der Garage, dem Lieblingsort der Männer.

 

Anglizismen für die Jugend

Auffällig sind die vielen Anglizismen von denen ICF Gebrauch macht. ICF zitiert keine lateinischen Auszüge aus der Bibel, sondern bedient sich der Weltsprache Englisch. Die englischen Lehnworte veranschaulichen das Bedürfnis der Freikirche sich möglichst modern und weltnah zu zeigen.

Die Predigt heisst Message, die Lobpreismusik nennen sie Worship. So wird man vom Moderator des ICF Basel schon mal zum worshippen für den guten Zweck aufgefordert. Und der Aufruf am Oster-Brunch teilzunehmen wird zur Einladung zum Easter Brunch.

 

Party und Partizipation

Es geht auf 21:00 Uhr zu, die Celebration (Gottesdienst) findet ihren Abschluss im Aufruf des jungen Leiters am Umbau des neuen Standorts der ICF Basel teilzunehmen. Dieses Angebot sollten vor allem die Herren mit handwerklichen Fähigkeiten nutzen, da den Damen am gleichen Tag die “Ladies-˜ Night” bevorstehe. Ein Event, für das die Organisatorin auf der Bühne tüchtig die Werbetrommel schlägt. Allgemein wird häufig Werbung in eigener Sache gemacht. Teilnahme an Veranstaltungen ausserhalb des Gottesdienstes ist erwünscht.

 

Bier statt Wein oder Weihwasser

Im ICF-Gottesdienst gibt es keinen Empfang der Kommunion. Kein Brechen des heiligen Brots, auch kein Wein, aber Bier. Dazu werden alle Teilnehmer zum Schluss mit Verweis auf die Bar eingeladen mit der Aufforderung noch etwas zu verweilen. Diesem Wunsch kommt die Mehrheit der Anwesenden nach. Sie stürzen nicht sofort aus dem Saal, so wie man es aus anderen kirchlichen Zeremonien kennt, sondern nutzen die Gelegenheit sich mit ihren Freunden und Kolleginnen aus der Freikirche zu unterhalten.

 

Der Kopf raucht

Unsere Tink.ch-Reporterin verlässt die Veranstaltung ohne Bier, stattdessen aber mit einem Ohrwurm des letzten ICF-Songs “Catching Fire”. Was bleibt, sind keine Brandblasen, sondern ein rauchender Kopf und ein leicht benommenes Gefühl. Die vielen neuen Eindrücke aus 90 Minuten intensiv-Gottesdienst mit ICF gilt es nun zu verarbeiten.