Gesellschaft | 28.03.2014

Wie im Casino, nur blutiger

Text von Dorothee Joss | Bilder von Mikhail Panshenskov
Selbst die ärmste Familie auf den Philippinen besitzt einen Kampfhahn. Hahnenkämpfe gibt es überall und sie werden mit Leidenschaft verfolgt. Ein Besuch in der Kampf-Arena.
Noch reckt der Kampfhahn stolz den Hals. Bald wird er vielleicht Federn lassen.
Bild: Mikhail Panshenskov

Durch ein kleines Kabäuschen betreten wir eine Arena aus Holz. Ein für europäische Nasen bestialischer Gestank wabert uns entgegen. Nicht aus der Arena kommt der, sondern von den vielzähligen Essständen, die gegrillten Fisch, Barbecue und weitere undefinierbare Grillwaren feilbieten.

 

Auf Holzstufen stehen und sitzen Männer, die alle gebannt das Geschehen in dem mit Sägemehl belegten, kreisrunden Feld verfolgen. Ein Kampf ist im Gange und zwar zwischen Federvieh. Wir sind in einem “Cock-Pit”, einer Arena für Hahnenkämpfe. Diese liegt in der Nähe von Maribojoc, einem Ort auf der Insel Bohol.

Mit gespreizten Federn fliegt und hüpft der eine Hahn auf seinem Gegner herum, bis dieser unbeweglich am Boden liegt. Die Kräfteverhältnisse sind offensichtlich ungleich, es wird gemetzelt, nicht gekämpft.

 

Wetten, wer zuerst Federn lässt

Ausser uns füllen nur Philippinos den Raum und eine einzige, alte, runzelige Frau. Hahnenkämpfe sind offensichtlich eine Männerdomäne. Man beachtet uns nicht, denn jetzt werden zwei Hähne auf beiden Seiten der runden Kampffläche präsentiert. Zwar hatte Toti, unser Gastgeber in San Carlos, erklärt, wie Hahnenkämpfe – hier “cock fights” genannt – funktionieren. In der Praxis durchschauen wir die Spielregeln jedoch nicht ganz.

Dann ruft der “Game-Master” die Wettbeträge aus. Per Handzeichen kann man angeben, wie viel man setzen möchte, erklärt uns James, unser Bekannter aus Bohol. Gilt einer der Hähne als schwächer, passt man das Verhältnis der Gewinne an. Setze ich hundert Peso auf den stärkeren Kontrahenten und verliere, muss ich meine hundert Peso zahlen. Setze ich hingegen hundert Pesos auf den schwächeren Hahn, werde ich nur sechzig Pesos verlieren.

 

Zwei Franken auf den stärkeren Hahn

Diese Voraussetzungen geklärt, versuchen wir mitzubieten. Es gibt zwei Möglichkeiten, Wetten abzuschliessen. Zuerst nimmt der Game-Master Wettangebote entgegen, danach hebt ein Rufen und Gestikulieren im Raum an. Jetzt schliessen die Anwesenden direkt Wetten miteinander ab. Da wir nicht verstehen, was sie rufen, fällt es uns schwer, auf ein Wettangebot einzugehen. Ein Philippino erbarmt sich und sucht für uns einen Wettpartner. Hundert Pesos setzen wir ein, umgerechnet zwei Franken.

Langsam ebbt der Lärm ab und die allgemeine Aufmerksamkeit wendet sich wieder den Kämpfern zu. Noch muss man sie zurückhalten, denn kampfeslustig versuchen sie sich aufeinanderzustürzen.

Jeder Hahnenbesitzer bringt einen Gaffer mit, der sich um die korrekte Ausrüstung des Hahns kümmert. Dazu gehört eine kleine, messerscharfe Klinge, die am Bein des Hahns befestigt wird. Damit und mit dem Schnabel kämpfen die Hähne. Der Gaffer kontrolliert jeweils die Ausrüstung des gegnerischen Hahns, dann kann der Kampf beginnen.

 

Egal wo: Es kräht ein Hahn

Diese Art von “Freizeitunterhaltung” ist auf den Philippinen ungemein beliebt und egal wo man sich befindet: es kräht ein Hahn. Ganze Cock-Farms haben wir auf unserer Reise schon angetroffen. Besonders im Gebirgland der Insel Negros werden erfolgreiche Kampfhähne herangezogen, da das Klima dort kühler ist. “Conditioning” nenne man dies, wenn Hähne in kälteren Gebieten aufgezogen werden. Es mache sie stärker. Um kämpfen zu lernen und muskulöse Beine zu bilden, werden die Hähne zudem besonderen Übungen unterzogen, erzählt Toti uns.

 

Noch schwerverletzt bleibt der Kampfeswille

Wir wohnen einem Kampf zwischen ungleichen Kontrahenten bei. 6:10 ist das festgelegte Verhältnis und wir haben auf den stärkeren Hahn gewettet. Der Kampf zieht sich in die Länge, auch wenn schon Blutspritzer auf dem Sägemehl zu sehen sind. Noch scheint der Ausgang unsicher und gebannt verfolgt die Menge den Kampf.

Das Adrenalinlevel ist hoch und Zwischenrufe begleiten die Attacken. Plötzlich liegt der schwächere Hahn am Boden, ein Flügel hängt schlaff herab. Der Kampf scheint zu Ende zu sein. Der Game-Master hebt beide Hähne auf und hält sie nebeneinander in die Luft. Doch da zeigt der schon Totgeglaubte wieder Kampfeslust und hackt mit dem Schnabel auf seinen Gegenspieler ein.

 

Die Hähne werden zurück auf den Boden gesetzt und gehen sogleich wieder aufeinander los. Trotz verletztem Flügel hüpft der schwächere Hahn mit Eifer auf dem stärkeren herum, bis dieser keinen Mucks mehr tut. Wieder hebt der Game-Master die Hähne auf, einer der beiden rührt sich nicht mehr, das Spiel ist entschieden. Der Gewinner lebt noch – zumindest ein bisschen.

Mit einer beeindruckenden Erinnerungsfähigkeit fordert der Game-Master jeden Wettverlierer zum Zahlen auf. Zu Kugeln geknüllte Geldscheine werden in die Mitte geworfen. Der Game-Master hebt sie auf und zahlt die Gewinne aus. Wir verlieren unsere hundert Pesos und verlassen die Arena.

 

Makabre Freizeitbeschäftigung

Bloss zwanzig Minuten haben wir im Cock-Pit verbracht und drei Hähne segneten auf blutige Weise das Zeitliche. Einer davon in weniger als dreissig Sekunden. Eine makabre Freizeitbeschäftigung, finden wir. “Die Leute in den Dörfern haben keine andere Unterhaltung”, erklärt Toti, “da gibt es nirgends einen Fernseher und nicht alle haben Elektrizität. Deshalb sind die Cockfights am Sonntag derart beliebt.”

Eine andere Gastgeberinnen meint, auf mögliche Proteste von Tierschutzorganisationen angesprochen: “Keine Chance! Die Cockfights sind viel zu beliebt, als dass Organisationen überhaupt versuchen würden, sie anzutasten.”

 

Eine gewisse Sogwirkung kann man dem Kampf nicht absprechen, gerade wenn er sich unerwartet wendet. Es ist die Verbindung von Wettkampf und Wetteinsatz, die so viele Menschen in seinen Bann zieht. Adrenalin und Spiellust werden kombiniert. Wie in einem Casino, nur lebendig und blutiger und mit einer langen Tradition. Ganz nachvollziehen können wir die Volksbegeisterung dennoch nicht.