Gesellschaft | 24.03.2014

Was wir von Ärzteserien lernen können

«Arzt rettet dank Dr. House einem Patienten das Leben." Diese Schlagzeile ging letzten Monat um die ganze Welt und wirft Fragen auf. Können wir wirklich etwas von Arztserien lernen? Sind diese doch nicht so fiktiv, wie wir immer geglaubt haben?
Der deutsche Chirurg Kai Witzel findet, dass die echten Ärzte und Ärztinnen sich jenen aus den TV-Serien anpassen müssen.
Bild: zVg, Dieter Schütz / pixelio.de

Dass eine TV-Serie tatsächlich Leben retten kann, scheint unwahrscheinlich. Das Unfassbare wurde jedoch für eine deutsche Familie zur Realität. Fabian Schäffer aus Weil am Rhein, ein Fan der Serie 112- Sie retten dein Leben, erzählt gegenüber Tink.ch, wie die Fernsehsendung seinem Vater das Leben rettete: „Als mein Vater eines Samstagabends vom Joggen nach Hause kam, kollabierte er auf der Treppe. Ich machte ihm sofort eine Herzdruckmassage – obwohl ich dies nie zuvor gelernt hatte – und wies meine Mutter an, den Notruf zu wählen.“

 

Fabian Schäffers Vater hatte damals einen schweren Herzinfarkt erlitten, der in jedem zweiten Fall tödlich endet. Nicht zuletzt dank der schnellen und richtigen Reaktion seines Sohnes geht es ihm – wenn auch erst nach fünf Tagen im künstlichen Koma, einigen weiteren auf der Intensivstation und einer Reha – nun wieder gut. Solche Fälle sind natürlich selten. Trotzdem werfen sie die Frage auf, ob Arztserien realistischer sind, als es zunächst den Anschein hat.

 

Dr. House im Hörsaal

Die beiden US-amerikanischen Arztserien Grey’s Anatomy und Dr. House werden von deutschen Zuschauern und Zuschauerinnen als sehr realistisch empfunden. Dies ergab eine Umfrage der auf Medizinpublikationen spezialisierten Verlagsgruppe Thieme. Der gleichen Meinung ist Dr. Tobias M. Böckers, Professor für Anatomie an der Universität Ulm. Gegenüber der deutschen Wochenzeitung Zeit bestätigt er, Dr. House zu mögen und im Unterricht gar Ausschnitte der TV-Serie zu zeigen um den Studierenden den Stoff näher zu bringen. Was hierzulande noch unüblich scheint, sei in den USA bereits gängige Unterrichtspraxis, sagt Claudia Lampert vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg gegenüber der Zeit.

 

„Von Arztserien lernen können vor allem die Ärzte selber“

Der deutsche Chirurg Kai Witzel forschte im Rahmen seiner Studie Wie Arztserien die Ängste vor und die Zufriedenheit mit Operationen beeinflussen mehrere Jahre auf dem Gebiet der Arztserien. In einem Interview mit der Frauenzeitschrift Für Sie meint der Forscher: „Von Arztserien lernen können vor allem die Ärzte selber.“ Witzel findet, dass die echten Ärzte und Ärztinnen sich jenen aus den TV-Serien anpassen müssen. Konkret meint er damit: Ärzte sollen ihren Patienten besser zuhören und mehr auf sie eingehen. Der Patient oder die Patientin solle ernst genommen werden. So findet es Witzel zum Beispiel nicht in Ordnung, wenn sich Fachleute über das Fernsehwissen ihrer Patienten lustig machen.

 

Hoher Wahrheitsgehalt

Aristomenis Exadaktylos, Direktor und Chefarzt des universitären Notfallzentrums des Inselspitals in Bern, schätzt den Wahrheitsgehalt von Arztserien gegenüber Tink.ch als grundsätzlich hoch ein. Auch er hebt Dr. House als Serie mit medizinisch besonders korrektem Fachwissen hervor. Jedoch bemängelt er die dramatische Art und Weise, wie Krankheiten in der Serie diagnostiziert und behandelt werden. Diese sei wohl der Fantasie der Drehbuchautoren entsprungen, meint Exadaktylos. Den aus den USA kommenden Trend, Arztserien im Hörsaal als Lehrmaterial zu verwenden, unterstützt Exadaktylos. Bei Reanimationsszenen könne man beispielsweise lernen, keine Angst vor derartigen Situationen zu haben.

 

Erkenntnisse abseits des Medizinischen

Doch auch abseits des Medizinischen ermöglichen uns die Serien nützliche Erkenntnisse: „Von Arztserien können wir lernen, dass Spitäler Orte sind, wo Menschen leben, lieben und leiden. Wie an allen anderen Arbeitsplätzen auch,“ meint Exadaktylos. Es werde gezeigt, dass Ärzte nicht Halbgötter in weissen Kitteln, sondern Menschen mit Problemen, Freunden und Leid sind.