Gesellschaft | 05.03.2014

“Wahrscheinlich bin ich ein Idealist”

Text von Angela Wagner | Bilder von Remo Hoffmann
Ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg zum Schweizer Asyl ist die Befragung zu den Asylgründen, die vom Bundesamt für Migration (BFM) durchgeführt wird. Während der Befragung wird eruiert, ob die gesuchstellende Person die Flüchtlingseigenschaft erfüllt. Christoph Gerber kontrolliert als Hilfswerkvertreter die Arbeit des BFM. Seine Aufgabe ist es, die Rechtmässigkeit der Anhörungen zu gewährleisten.
Mit dem Entwurf zur Änderung des Asylgesetzes per Juni 2013 soll die Hilfswerksvertretung abgeschafft werden. Christoph Gerber befürchtet einen Kontrollverlust im Asylwesen.
Bild: Remo Hoffmann

Tink.ch: Warum braucht es Hilfswerkvertreter wie dich bei Asyl-Anhörungen?

Christoph Gerber: Die Aufgabe des Hilfswerkvertreters ergibt sich aus Artikel 30 des Asylgesetzes. Meine Aufgabe ist es primär, zu beobachten und sicherzustellen, dass die Anhörung für alle Beteiligten in einer guten Atmosphäre stattfindet.

 

Was meinst du mit “guter Atmosphäre”?

Das fängt schon bei kleinen Dingen an. Zum Beispiel achte ich darauf, dass Wasser auf dem Tisch bereit steht. Läuft während dem Gespräch etwas nicht fair ab, kann ich als Hilfswerkvertreter eingreifen.

 

Was könnte ein Grund sein, einzugreifen?

Dass beispielsweise eine Anhörung, bei der eine Frau von einer Vergewaltigung erzählt, ausschliesslich von einem Frauenteam durchgeführt werden muss.

 

Musst du oft eingreifen?

Schlimme Mängel bei Anhörungen erlebe ich zum Glück selten. In den meisten Fällen habe ich das Gefühl, dass sich die Befrager und Übersetzenden Mühe geben, ihren Job gut zu machen.

 

Apropoz Übersetzende: Diese stammen oft aus demselben geographischen Gebiet wie die Gesuchstellenden. Kann da überhaupt gewährleistet werden, dass die Übersetzung seriös verläuft?

Ich finde die Übersetzung ein heikler Punkt. Wenn ich etwas zu bemängeln habe, ist dies oft wegen der Kommunikation. Es kann sein, dass der Übersetzter aufgrund seiner Ethnie oder seiner Geschichte sowohl Sympathien als auch Antipathien gegenüber dem Gesuchsteller haben kann, was es ihm erschwert, neutral zu bleiben. Mit der Zeit habe ich gelernt, aus dem Tonfall oder der Körpersprache der Übersetzenden gewisse Dinge herauslesen. Die Übersetzung an sich kann man aber meist nicht kontrollieren – es bleibt eine Vertrauenssache.

 

Wie sieht es mit deinem Vertrauen in die Arbeit des BFM aus?

Obwohl ich mir bewusst bin, dass das BFM die länderspezifischen Situationen besser beurteilen kann, als ich es könnte, habe ich das Vertrauen ins BFM und ihre Entscheide durch meine Arbeit als Hilfswerkvertreter verloren. Eine Anhörung dauert rund drei Stunden. Wie soll nach einer solch kurzen Zeit klar sein, ob der oder die Asylsuchende die Flüchtlingseigenschaft erfüllt und ob er oder sie wirklich die Wahrheit erzählt? Es gibt Personen, die Schlimmes erleben mussten. Für die Betroffenen ist es deshalb nicht einfach, in aller Eile Vertrauen zu einem fremden Befrager aufzubauen und all ihre Erlebnisse vor ihm auszubreiten.

 

Trotzdem fällt dann das BFM eine auf der Anhörung beruhende Entscheidung. Wie gehst du mit den Entscheiden um?

Natürlich freuen mich positive Asylentscheide. Negative, die ich erwartet habe, sind unangenehm und können mich schon mal belasten – ich muss aber damit leben. Schwieriger sind Fälle, bei denen der Entscheid meiner Meinung nach positiv hätte ausfallen sollen. Das ist hart. Schlussendlich muss ich mich aber selbst schützen, lernen emotional Abstand zu nehmen und mit einzelnen Fällen abzuschliessen.

 

Was braucht es denn für Gründe, um in der Schweiz Asyl zu erlangen?

Das gesamte Asylsystem knüpft an die persönliche Verfolgung an. Damit die Flüchtlingseigenschaft gegeben ist, muss die Person aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität, wegen ihrer politischen Anschauung oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt werden. Damit habe ich Mühe. Meiner Meinung nach sollten nicht nur Personen, die eine persönliche Verfolgung geltend machen, Asyl gewährt werden können. Die Schweiz sollte jemandem Schutz bieten, weil er oder sie ihn braucht, was auch ohne persönliche Verfolgung notwendig sein kann. Immerhin gibt es die Möglichkeit der vorläufigen Aufnahme bei einer unzulässigen oder unzumutbaren Wegweisung, was die Situation etwas entschärft. Ob die geltend gemachten Gründe genau der Wahrheit entsprechen oder nicht, ist mir schlussendlich egal. Ich bin der Meinung, dass niemand gerne sein Land verlässt und seine Heimat zurück lässt. Eine Flucht hat immer ihre Gründe. Die Frage ist dann natürlich nur: Wo setzt man die Grenzen?

 

Setzt die Schweiz mit ihrer Asylpolitik die Grenzen zu eng?

Es gibt viele Staaten, in denen die Asylpolitik schlechter läuft als in der Schweiz. Im Grossen und Ganzen haben wir eine komfortable Situation. Mit der Entwicklung der Asylpolitik bin ich hingegen nicht zufrieden. Zurzeit habe ich das Gefühl, dass wir uns von Tag zu Tag mehr Richtung Verschärfungen bewegen. Mit dem Entwurf zur Änderung des Asylgesetzes per Juni 2013 soll die Hilfswerksvertretung abgeschafft werden. Dadurch ginge eine wichtige Kontrollmöglichkeit verloren.

 

Bist du durch deine Arbeit als Hilfswerkvertreter kritischer geworden?

Grundsätzlich gehe ich an jede Anhörung mit der Erwartung, dass die Person die Wahrheit erzählt. Damit ich an ihrer Glaubwürdigkeit zweifle, müssen starke Indizien dagegen sprechen. Wahrscheinlich bin ich sehr gutgläubig, aber ich sehe meinen Auftrag nicht darin, an der Glaubwürdigkeit zu rütteln. Ich sehe mich grundsätzlich auf der Seite des Gesuchstellers und nicht auf der des BFM.

 

In dem Fall kritischer gegenüber der Schweizer Asylpolitik?

Bei der Ausschaffungsinitiative gab es von linker Seite ein Plakat, auf dem, so weit ich mich erinnern kann, stand: “Drogendealer brauchen kein Botschaftsasyl, politische Flüchtlinge schon.” Diese beiden Dinge haben für mich nichts miteinander zu tun. Wenn jemand in seiner Heimat verfolgt wird und dann hier in der Schweiz zu dealen beginnt, ist das tragisch, aber es ändert nichts daran, dass dieser Mensch Schutz braucht. Wahrscheinlich bin ich in dieser Hinsicht ein Idealist. Aber ich will so bleiben.