Gesellschaft | 06.03.2014

Über dem Abgrund

Text von Alice Eichenberger | Bilder von zVg
Der dreifache Familienvater Röbi Küttel arbeitet in Felswänden, die bis zu 200 Meter hoch sind. Doch senkrechte Abgründe machen ihm keine Angst, denn er ist ein erfahrener Innerschweizer Felstechniker.
Für den Felstechniker Röbi Küttel ist das Montieren von Weihnachtsbeleuchtung oder Blitzableitern wie Ferien.
Bild: zVg

Die Felstechnik ist eine körperlich anstrengende Arbeit. Felstechniker arbeiten am Seil, müssen den Fels immer im Auge behalten, auf das Gleichgewicht achten und tragen dabei bis zu 400 Metern Seil mit. Hinzu kommen die schweren Werkzeuge. Und dies alles, während sich unter ihnen das Geröll ständig bewegt.

Volle Konzentration ist dabei unabdingbar. Aus diesen Gründen sei nicht jeder gute Kletterer auch ein guter Felstechniker, meint Röbi.

 

Sein Team säubert Wände von Pflanzenbewuchs und losem Gestein, sichert instabile Felspartien und misst Bewegungen im Fels. Bei Notfällen, wenn beispielsweise ein Felssturz in der Nähe von Wohngebieten oder Verkehrswegen befürchtet wird, rufen sie ihn auch nachts.

Röbi nimmt mit seiner Mannschaft riesige “Tütschi”, bis zu 20 Tonnen schwere Felsblöcke, aus den Wänden. Und das Ganze ohne Maschinen, wenn es nötig ist.

 

Die Passion des Kletterns

Röbi beschäftigt fünf Teilzeitangestellte, bei grossen Baustellen werden je nach Bedarf zusätzlich befreundete Bergführer herangezogen. Zuerst war Röbi Zimmermann, danach Hauswart und einmal arbeitete er auch mit Pferden, aber klettern ging er immer und es ist bis heute seine Leidenschaft geblieben.

 

Wie viele Felstechniker machte er schliesslich sein Hobby zum Beruf und fing an, für eine Felsüberwachungsfirma zu montieren und gründete danach sein eigenes Unternehmen. Inzwischen weiss Röbi so viel über Felsen, dass er auch beim Wandern die roten Kreuzlein der Messpunkte im Gelände sieht.

 

Sicherheit geht vor

Einen Unfall gab es im Unternehmen noch nie. Eingeklemmte Finger oder Schürfungen zählen nicht dazu, denn die kommen regelmässig vor.

Wenn jemand sich nicht wohlfühlt, geht er nach Hause, das ist bei Röbi Standard. “Glück hat man einmal, ein zweites Mal soll man es nicht herausfordern”, ist seine Meinung dazu. Er erzählt, dass sich einmal ein grosser Felsblock festgesetzt habe und er schon befürchtete, ihn mühsam beseitigen zu müssen. Doch in der Mittagspause machte sich dieser selbständig und rollte plötzlich davon. Verletzt wurde aber niemand.

 

Ihm liegt das Wohl seiner Arbeiter am Herzen. Die Risiken werden minimiert, wo nur möglich. Ein ausführliches Sicherheitsprotokoll ist bei jeder Baustelle Pflicht und kann bis zu 60 Seiten umfassen.

Die gefährlichsten Momente seien jedoch nicht in der Felswand, sondern auf dem Hin- und Rückweg. Denn oft geschehen Unfälle dann, wenn man nicht mehr, wie während der Arbeit, auf jedes Detail achte.

 

Unberechenbar

Mit seinem Team hängt Röbi auch Weihnachtsbeleuchtungen in Zürich auf oder montiert Blitzableiter in Basel. “Fast wie Ferien”, sagt er mit einem verschmitzten Grinsen. Da passiere nichts Überraschendes wie in der Felswand, wo der Fels “atme”.

 

Röbi kennt den Fels gut, aber auch er kann nicht immer sagen, wo das Risiko verborgen liegt. Man müsse stets mit Unerwartetem rechnen. Auch schon kam es zu spontanen Steinschlägen und niemand, nicht einmal die Geologen, hatten diese vorausgesehen. In solchen Fällen bricht Röbi die Arbeit ab.

 

Grosse Herausforderung

Röbi mag seinen Beruf. Er habe eine grosse Abwechslung und es fordere ihn jedes Mal aufs Neue. Manche suchen die Herausforderung beim Sport, er bei der Arbeit.

 

Da Röbi nicht gerne ausschliesslich im Büro arbeitet, ist sein Unternehmen klein. Er will seine Angestellten begleiten, denn stillsitzen währenddem seine Leute in einer Felswand arbeiten, das könne er nicht. Aus demselben Grund denkt er noch nicht an die Zukunft. Denn die Vorstellung sein Team eines Tages vielleicht nicht mehr begleiten zu können, fällt ihm schwer.

 

“Der Typ muss passen”

Es gibt keine Ausbildung zum Felstechniker. Röbi meint dazu, “der Typ muss einfach passen.” Man brauche selbstverständlich Erfahrung in diesem Gebiet, aber vorallem müsse man in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf bewahren. Ein guter Felstechniker bleibe immer ruhig, sagt Röbi Küttel – er selbst ist die Ruhe in Person.

 


 

 

Alice Eichenberger ist eine 19-jährige Schülerin am Gymnasium Liestal. Das Schuljahr 11/12 verbrachte sie in Fairbanks, Alaska im Austausch. Dort lernte sie den Krabbenfischer Jerry kennen. Auf dieser Begegnung basiert ihre Maturarbeit, in Rahmen derer sie Personen mit riskanten Berufen porträtiert. Die Porträts erscheinen wöchentlich auf Tink.ch.