Kultur | 09.03.2014

„Sprache kann auch jung sein“

Text von Tatjana Pürro | Bilder von Tatjana Pürro
Der Thuner Remo Rickenbacher tritt nicht nur selbst als Slam-Poet auf, sondern gibt auch Slam-Kurse an Schulen. Wie er dem grauen Alltag entgeht und Jugendliche für Sprache begeistern kann, erklärt er im Interview mit Tink.ch
"Man muss nicht unglaublich schlau, am besten älter als vierzig oder schon tot sein, um gut zu schreiben."
Bild: Tatjana Pürro

Tink.ch: Du betitelst dein Bühnen-Ich als „irgendetwas zwischen enfant terrible und dem perfekten Schwiegersohn“. Welches von beiden bist du gerade?

Remo Rickenbacher: Gerade jetzt bin ich eher der perfekte Schwiegersohn. Die Transformation ergibt sich meist erst auf der Bühne. Dort kann ich meine enfant terrible-Seite ausleben.

 

Das heisst, dass du auf der Bühne ein ganz anderer Mensch bist?

Ja, eigentlich schon. Es klingt immer nach einem Klischee. Der Mann, der auf der Bühne die Sau raus lässt und im Alltag schüchtern ist und in sich zurückgezogen lebt. Bei mir ist das tatsächlich der Fall. Das Publikum realisiert das teilweise nicht. Auf der Bühne kann ich Dinge tun und sagen, die ich im Alltag sonst nie tue und sage: Menschen beschimpfen oder nur mit Boxershorts bekleidet vor dem Publikum einen Text performen.

 

Du redest vom grauen Lebensalltag der Menschen. Wie sieht deine Einstellung zum Alltag aus?

Der immer gleiche Arbeitsalltag am immer gleichen Ort und mit den gleichen Menschen ist mir ein Graus. Dem wollte ich unbedingt entgehen. Ich wollte einen Alltag, der es mir ermöglicht, unabhängig zu sein. Ohne Autoritäten, denen ich es recht machen muss und ohne all diese kleinen Probleme, die es am Arbeitsplatz oft gibt. Ausserdem  ist es mir wichtig, dass ich viel Zeit zum Lesen habe. Das ist eine grosse Leidenschaft von mir und für mich überlebensnotwendig.

 

Hast du es geschafft, diesen Unannehmlichkeiten zu entgehen?

Ja, vielen davon kann ich aus dem Weg gehen. Das Klischee vom selbstständigen Künstler, der lange schläft und den ganzen Tag auf einer Wiese über seine Ideen sinniert, ist allerdings kompletter Quatsch. Ich denke, jeder Mensch braucht eine Grundstruktur. Beispielsweise stehe ich oft um acht Uhr morgens auf, lese, kümmere mich um Organisatorisches, schreibe Texte und dann gibt’s Mittagessen und so weiter.

 

Das klingt auch nach Alltag?

Ja, aber der Vorteil liegt darin, dass ich mich primär mit Dingen beschäftige, die mir Spass machen und mir trotzdem noch Zeit bleibt, um die Dinge zu tun, die mir am Herzen liegen. Zum Glück sind meine materiellen Ansprüche gering, so dass ich mich des Geldes wegen nicht versklaven muss. So gleicht kein Tag dem vorherigen. Ich trete ja nicht nur auf. Ich moderiere Slams und leite Slam-Workshops an Schulen. Abwechslungsreich ist es bei mir immer.

 

Hast du keine Schwierigkeiten, dein eigener Meister zu sein mit der Selbst-Disziplin?

Es wäre einfach, liegen zu bleiben und sich den ganzen Tag im Bett herumzudrehen. Man braucht unglaublich viel Disziplin, um sich an seinen geplanten Tagesablauf zu halten. Das gelingt mir mal besser, mal schlechter.

 

Arbeitest du ausschliesslich als Slam-Poet?

Ich arbeite zusätzlich 40 Prozent in einer Buchhandlung in Bern. Dies ermöglicht mir die Sicht auf den normalen Alltag, ein gesichertes Einkommen und ich arbeite gern an einem Ort, wo mich zahlreiche Bücher umgeben. Trotzdem bin ich froh, wenn ich davon wegkomme und meiner eigenen sacheeigentlichen Leidenschaft – dem Schreiben –  nachgehen kann.

 

Haben sich viele der Geschichten, von denen du erzählst, tatsächlich ereignet?

Das ist eine Frage, die ich gerne offen lassen würde. Ich finde es schön, wenn das Publikum nicht genau weiss, was wahr ist und was nicht. Meine Texte sind in der Ich-Perspektive geschrieben, aber es bleibt jedem selbst überlassen, was er als wahr annehmen möchte. Nicht alles, was ich erzähle, stimmt. Muss es ja auch nicht. Viele Zuhörerinnen und Zuhörer glauben vielleicht, dass man nur über etwas schreiben kann, das man selbst erlebt hat. Das ist aber definitiv nicht der Fall, man kann frei erfinden.

 

Mit deinem Projekt Slam@School bringst du jungen Leuten die Slam-Poetry näher. Was ist der Grund, dass ihr dieses Projekt gestartet habt?

Viele Schülerinnen und Schüler bekommen die Ansicht vermittelt, dass Literatur elitär ist, dass man unglaublich schlau sein muss, um zu schreiben und man mindestens das vierzigste Lebensjahr überschritten haben muss. Das kommt daher, dass in der Schule oft nur gehobene Literatur gelesen wird. Autoren wie Schiller und Goethe haben viele einflussreiche Werke geschaffen und es ist gut, dass man diese in der Schule liest. Aber genauso sollen die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass Sprache auch jung sein kann.

 

Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler auf deinen Ansatz der Literatur?

Unser Projekt ist interaktiv. Wir schreiben mit den Schülerinnen und Schülern Texte, und bringen ihnen bei, wie man sie gut performt. Wir üben mit ihnen zusammen. Sie dürfen uns auch duzen. Dadurch entsteht ein anderes Verhältnis, als sie mit den meisten Lehrpersonen haben. Wichtig ist auch: am Ende gibt es keine Noten. Ein Leistungsdruck von unserer Seite fällt also weg. Der hindert die Schülerinnen und Schüler nur unnötig beim Kreativsein. Es bleibt dann noch die Frage, ob ihnen die Slam-Poetry liegt oder nicht. Schreiben können eigentlich alle, aber manche haben Angst, mit dem Geschriebenen vor den Klassenkameraden aufzutreten.