Kultur | 12.03.2014

Mittelfinger hoch

Gemenge wie bei einer Metal-Band und Chorgesänge wie an einem Popkonzert: Dass seine Musik eindeutig mehr ist als Rap unterstrich der Hoffnungsträger des Deutschraps zusammen mit seiner sechsköpfigen Band. Und war gleichzeitig vom Zürcher Publikum beeindruckt.
  • Armee in die Höhe - Casper hat das Publikum auf seiner Seite.

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  • Der in Berlin wohnhafte Musiker war begeistert vom Schweizer Publikum.

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  • Die Zuschauerinnen und Zuschauer sangen textsicher mit.

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  • Mehr als eineinhalb Stunden begeistere Casper im Komplex.

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  • Mit seiner sechsköpfigen Band ist der Deutschrapper zurzeit auf Hinterland-Tour.

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  • Rockstarposen am Hip Hop-Konzert.

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  • Zum Chronik 2-Song gehen alle Mittelfinger hoch.

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  • Armee in die Höhe - Casper hat das Publikum auf seiner Seite.

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Casper polarisiert und hat sich spätestens mit seinem zweiten Album xoxo von 2011 in die Liga der grossen Namen im deutschen Rap-Business hochgespielt. Die Songs zeugen von Tiefsinn und dem Verarbeiten von grossen Emotionen, von Wut bis Freude, von Hass bis Liebe. Und die Songtexte sind es auch, mit denen sich die Hörerinnen und Hörer identifizieren, eigene Lebenssituationen wiedererkennen und auch verarbeiten können.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich das Publikum im ausverkauften Komplex 457 aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen jeglichen Stils zusammensetzte. Casper hat es durch den Spagat von Rock und Rap mit einer Prise Pop geschafft, selbst Leute zu erreichen, welche sonst mit Hip-Hop und Sprechgesang nicht viel am Hut haben.

Nach Coldplay folgt Regen

Die Stimmung im Saal war dank der Vorgruppe Bilderbuch aus Wien mit ihrem eigensinnigen Electro-Pop-Rap bereits ausgelassen, als nach dem Bühnenumbau aus den Lautsprechern die Coldplay-Hymne Fix you erklang und die Bühne freigab für Casper und seine Band.

Nach einem tosenden Willkommensapplaus liessen sich die Musiker nicht zweimal bitten und eröffneten den Abend mit Im Ascheregen, der Opener auf Caspers neustem Album Hinterland. Bereits dieser Song zeigt durch die Themen Aufbruch und Zerstörung starke Emotionen auf, der Drang zum Handeln: “Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen. Will auf und davon und nie wiederkommen.” Damit spielt Casper auf den Hass an, der ihm entgegenkam, als er mit seinem Debüt “Hin zur Sonne” den Durchbruch schaffte, er aber aufgrund seiner emotionsgeladenen Texten von vielen als Emo-Rapper abgestempelt wurde.

Der Saal bebt

Nach Alles endet vom Hinterland-Album folgte mit Auf und davon das erste Stück des Zweitlings xoxo, mit dem Casper auch in der Schweiz und Österreich den Sprung in die Charts schaffte und durch zahlreiche Konzerte für Aufmerksamkeit sorgte. Mittlerweile haben sich einige Lieder dieses Albums zu wahren Hymnen entwickelt und so singt das Publikum textsicher mit, wirft auf Kommando die Armee in die Höhe und bringt im Schreiduell die Halle zum Beben. Stücke des neuen Albums wie 20qm oder Ganz schön okay kommen beim Publikum ebenso gut an und lassen Kritiker, die klassische Hip-Hop-Beats vermissen, verstummen.

Casper wühlt tief in der Trackkiste und spielt neben Songs seines Debütalbums Hin zur Sonne auch Stücke wie Mittelfinger hoch des Chronik 2-Albums, als er noch bei dem Independent-Label Selfmade Records unter Vertrag war und mit Kollegah und Favorite zusammenarbeitete. Die heutigen Versionen dieser frühen Stücke haben wenig mit ihren Originalen gleich, durch die Instrumentalisierung wirken diese einiges roher, was Fans irritieren mag.

Zürich ganz gross

Casper ist bekannt für seine intensiven und schweisstreibenden Shows, die mit ihrer Dynamik gerne auch das Publikum anstecken. Und obwohl der Komplex 457 auf Caspers seit längerer Zeit ausverkauften “Hinterland”-Tour mit etwas mehr als 2000 Zuschauern eine vergleichsweise kleine Location ist, zeigte sich der deutsche Musiker beeindruckt von der Impulsivität des Schweizer Publikums. “Das hier ist ganz schön okay”, sagte der Bielefelder in Anspielung auf einen seiner Songs und verteilte neben High Fives auch Wasserflaschen ans Publikum, das vor lauter Hingabe ganz schön ins Schwitzen kam. Zum Schluss überraschte die Band mit dem gesellschaftskritischen “Grizzly Lied”, das von Caspers schwieriger Kindheit und seinem armeetreuen amerikanischen Vater handelt, und kürte das Ganze mit der Hitsingle “Hinterland”. Es gäbe viele Arten, dieses Konzert in Worten zusammenzufassen, doch eigentlich tut es auch schon ein einziger Casper-Song: “So perfekt”.