Kultur | 14.03.2014

“Mein Leben ist meine Inspiration”

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von zVg
Über mangelnde Medienpräsenz kann sich die junge Basler Regisseurin Anna Thommen momentan nicht beklagen. Ihr letztjähriger Diplomfilm "Neuland" stiess beim Publikum auf ein grosses positives Echo und bescherte ihr an diversen Filmfestivals Auszeichnungen. Trotz ihres ausgefüllten Terminkalenders hat sich die Filmemacherin Zeit für ein Interview mit Tink.ch genommen.
Anna Thommen ist beim Dreh zu "Neuland" immer wieder an ihre Grenzen gestossen.
Bild: zVg

Tink.ch: Der Dokumentarfilm Neuland wurde bereits mit diversen Preisen ausgezeichnet, darunter auch dem Prix du Public an den diesjährigen Solothurner Filmtagen. Wie fühlst du dich nach diesem Erfolg?

Anna Thommen: Natürlich fühle ich mich sehr gut (lacht). Ich habe nicht damit gerechnet – vor allem, da es ein Abschlussfilm ist, der mit einem kleinen Budget gemacht wurde. Während den Dreharbeiten war ich so auf das Projekt und seine Umsetzung konzentriert, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe, was danach mit dem Film passieren könnte. Die positive Resonanz nach all der investierten Arbeit ist ein unglaubliches Dankeschön. Sie bringt jedoch auch einiges an Medienpräsenz mit sich. Ich muss bei allen Vorstellungen anwesend sein und reise daher viel herum. Als junge Mutter führe ich momentan eine Art Parallelleben, was manchmal ziemlich stressig sein kann. Schlussendlich geniesse ich es jedoch.

 

Was inspirierte dich zu Neuland?

Bereits während dem Filmstudium arbeitete ich als Freelancerin im medienpädagogischen Institut “Medienfalle” in Basel. Das Institut arbeitet sehr eng mit dem Zentrum für Brückenangebote zusammen, zu dem auch die Integrations- und Berufswahl-Klassen gehören. Die Jugendlichen lernen in der “Medienfalle” diverse Kompetenzen wie zum Beispiel ein sicheres Auftreten für das spätere Berufsleben. Ich habe dort während ein paar Jahren miterlebt, wie schwierig es für Jugendliche ist, egal ob nun Schweizer oder Ausländer, sich auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Herr Zingg kam eines Tages mit seiner damaligen Integrationsklasse in die “Medienfalle” um mit uns einen Kurzfilm zu drehen. Ich war fasziniert von seiner Arbeit und seinem Umgang mit den Jugendlichen, die ihm unglaublichen Respekt entgegenbrachten. Spontan habe ich ihn angefragt, ob er nicht Lust hätte, mit mir während zwei Jahren an einem Filmprojekt zu arbeiten.

 

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen? Wo lagen die Schwierigkeiten?

Es brauchte sehr viel Zeit, das Vertrauen der Schüler zu erlangen. Im Jugendalter spielt das eigene Auftreten und Aussehen eine grosse Rolle. Man ist sehr selbstkritisch und lässt sich nicht jederzeit vorbehaltlos filmen. Ausserdem sind es spezielle Jugendliche, mit zum Teil unglaublichen Geschichten und einer traumatischer Vergangenheit. Gerade der Protagonist Ehsanullah Habibi hat während seiner Flucht aus Afghanistan nicht gerade gelernt, seinen Mitmenschen zu vertrauen. In der Schweiz wurde er dann vielen Tests unterzogen, was seine Aufenthaltsbewilligung betraf, und stand kurz vor der Ausweisung. Es brauchte einige Zeit, bis er bemerkt hat, dass ich auf seiner Seite bin und ihm nicht schaden möchte. Ich habe den Schülern auch von Anfang an deutlich gemacht, ich würde alles filmen, was mich interessiert und dass sie selber ihre eigenen Grenzen setzten sollen und jederzeit “nein” sagen dürfen. Davon machten sie jedoch erstaunlich wenig Gebrauch. Irgendwann gehörte die Filmcrew zum täglichen Unterricht. Leben und Schicksal der jungen Migranten erhielt durch unsere Begleitung auch eine gewisse Wichtigkeit. Vor der Erstausstrahlung habe ich die Hauptpersonen Ehsanullah Habibi und Nazlije Aliji auch noch einmal um Erlaubnis gefragt, ob die aufgezeichneten Szenen mit ihrem Einverständnis ausgestrahlt werden dürfen.

 

Wie seid ihr beim Filmen vorgegangen? Existierte ein festes Script oder wurde das meiste spontan aufgezeichnet?

Es war eine Mischung aus beidem, wie es bei Dokumentarfilmen nun mal so ist. Es gab Instruktionen von meiner Seite her, wir haben jedoch auch einfach mal aufgezeichnet, was gerade passiert. Laufend habe ich am Script geschrieben und am Film geschnitten. Irgendwann hatte ich auch eine klare Vorstellung davon, aus welchen Puzzleteilen sich der Film zusammensetzen soll und entsprechend gearbeitet. Wir haben zwei Jahre gefilmt und der Film dauert 90 Minuten, entsprechend mussten wir für den Film die einzelnen Geschichten der Protagonisten stark vereinfachen. Gewisse wichtige Szenen, die sich anders nicht erzählen liessen, haben wir auch nachinszeniert, wie zum Beispiel Ehsanullahs negativen Asylbescheid. Wir haben die Szene zwar nachträglich gefilmt, aber in jenem Moment im Film eingebaut, in dem sie chronologisch stattgefunden hätte. Mit der Zeit begannen die Protagonisten auch mitzudenken und ihre eigenen Vorschläge für den Film einzubringen.

 

Die Schüler und Schülerinnen begannen sich plötzlich als Schauspieler wahrzunehmen?

Ja auch, und das habe ich ihnen auch immer wieder vermittelt. Ich habe ihnen gesagt: “Ihr seid wie Schauspieler – mit dem Unterschied, dass alles echt ist.” Interessanterweise war das sehr wichtig für die Schüler um authentisch zu wirken. Anweisungen wie nicht in die Kamera zu schauen und nicht mit mir zu sprechen erschienen ihnen dann auch nachvollziehbarer. Dadurch, dass sie sich als Schauspieler sahen und sich selber spielten erhielten sie auch eine gewisse Distanz zum Film.

 

Der 19-jährige Ehsanullah hat Afghanistan verlassen, um den Unruhen zu entfliehen und in der Schweiz Arbeit zu finden. Die albanischen Geschwister Nazlije und Ismail sind Halbwaisen. Ist es als Filmemacherin angesichts dieser tragischen Einzelschicksale noch möglich, die nötige Distanz zu wahren?

Es ist sehr schwierig. Ich bin diesbezüglich immer wieder an meine Grenzen gestossen. Distanz gegeben hat mir das Schreiben am Script oder die Arbeit im Schneideraum; also jene Momente, in denen ich mich auf den Film und die Geschichte konzentrieren musste. Schlussendlich habe ich mir immer wieder eingeprägt, dass ich nicht als Sozialarbeiterin dort bin, sondern um den Jugendlichen eine Stimme zu verleihen und ihre Welt dem Publikum näher zu bringen. Super war bei dem Projekt die ständige Anwesenheit von Herrn Zingg als Bezugsperson für die Jugendlichen. So konnte ich meine Beobachterrolle einhalten, was mir alleine nicht möglich gewesen wäre. Meine Arbeit während den zwei Jahren ging aber auch über das blosse Regie Führen hinaus. Ich war eine Ansprechperson für die Jugendlichen, vor allem für die jungen Frauen, und habe ihnen bei der Lehrstellenvermittlung geholfen. Es war mir wichtig, mich nicht alleine auf die Arbeit als Filmemacherin zu beschränken.

 

Was schätzt du an deiner Arbeit als Regisseurin besonders?

Ich liebe einfach Geschichten. Seit ich geboren bin, lebe ich in Geschichten. Der Film bietet vielfältige Möglichkeiten, auf sinnliche Weise eine Geschichte zu erzählen. Mich interessieren Themen, die gesellschaftlich relevant sind. Ich könnte meine Energie nicht in ein Projekt investieren, das mir nicht wichtig erscheint. Meine Filme thematisieren immer Dinge, die mich persönlich beschäftigen. Mein Leben ist meine Inspiration und daraus ergeben sich schlussendlich die Themen zu meinen Filmen.