Kultur | 04.03.2014

Laufen und Lieben lernen

Text von Katharina Schmidt | Bilder von Andreas J. Etter
Frida Kahlo? War das nicht diese Künstlerin mit den zusammengewachsenen Augenbrauen und dem Damenbart? Diese Charakterisierung hört man oft, wenn das Wort auf die 1907 geborene Mexikanerin fällt. Nicht viele wissen indes über die beeindruckende Biographie hinter dem durchdringenden Blick und der anmutigen Haltung Bescheid.-¨
Zaida Ballesteros Parejo als Frida Kahlo und David Schwindling-¨als Tod.
Bild: Andreas J. Etter

Frida Kahlos Schaffen nimmt seinen Anfang nach einem schweren Busunfall, welcher sie mit achtzehn für beinahe ein ganzes Jahr ans Bett fesselt. Sie beginnt zu malen. Was als Beschäftigungstherapie beginnt, wird zum neuen Lebensinhalt. Mit 22 heiratet sie den 20 Jahre älteren und berühmten Maler Diego Rivera. Ihr Zusammenleben ist von Affären, Scheidung und Wiederversöhnungen durchzogen, es verbindet sie eine impulsive Leidenschaft zu einander. Beide engagieren sich politisch in der kommunistischen Partei Mexikos und stehen der Amerikanisierung ihres Landes abschätzig gegenüber. Kahlo stirbt 1954 an einer Lungenembolie.

 

Das turbulente Leben der temperamentvollen und willensstarken Frau lässt sich wunderbar tänzerisch umsetzen, meint Choreograf Philipp Egli. Zusammen mit der Tanzkompagnie des Theaters St.Gallen hat er das Tanzstück “Frida Kahlo” erarbeitet. Emotionsgeladen, einfühlsam, mystisch und mit einer brutalen seelischen Nacktheit werden dem Publikum Kahlos Leidenswege, Hoffnungen, Enttäuschungen und Freuden näher gebracht.

 

Die Frau, die mit der Stange tanzt

Symbolisiert wird Kahlos Unfall durch die allgegenwärtige Metallstange, die ihr einst das Becken durchbohrt hat und für ihre Leiden verantwortlich ist. Herzzerreissend wird Kahlos wider Erwarten zurückgewonnene Fähigkeit zu gehen oder ihr für immer verlorener Kinderwunsch erzählt. Zaida Ballesteros Parejo erbringt eine atemberaubende Leistung bei der Verkörperung der Frida Kahlo. Sie selber sagt, sie könne sich unter anderem gut mit Kahlo identifizieren, da sie vor kurzem aufgrund einer Knieverletzung, ebenfalls das Gehen sowie das Tanzen neu hätte erlernen müssen. Umso eindrucksvoller ihre Performance.

 

Der Schwerenöter

Auch Kahlos Ehe wird thematisiert. Spielerisch leicht sucht sich Ehemann Diego Rivera (Robert Przybyl) eine Frau nach der anderen aus und wirbelt sie mühelos durch die Luft. Beim gefühlsgeladenen Zweitanz des Ehepaares folgt eine Hebefigur (samt Metallstange) auf die andere. Przybyl hypnotisiert bei aller Anspannung mit einer unangestrengten Ruhe.

 

Dein Freund der Tod

Überschattet wird das Bühnengeschehen vom düsteren, personifizierten Tod, dargestellt von David Schwindling, welcher in der mexikanischen Tradition eine wichtige Rolle spielt. Schwindling sorgt mit seinem skurrilen Auftreten immer wieder für Gänsehaut-Momente.

Auch anderweitig rufen verrenkte Körper, surreale Gestalten oder entblösste Brüste kurze Momente der besonderen Aufmerksamkeit bei den Zuschauenden hervor.

 

Getimtes Chaos

Wenn zwischen den ruhigen Szenen plötzlich das ganze Ensemble loslegt, entsteht eine atemlose Dynamik auf der Bühne. Mitten im scheinbaren Chaos zündet ein Feuerwerk an synchronen Bewegungen nach dem anderen. Die Tänzerinnen und Tänzer sind perfekt aufeinander abgestimmt und beweisen vor allem beim Hantieren mit den Metallstäben grazile Körperbeherrschung und Timing.

 

Fragwürdige Textwahl

Besonders an dieser Produktion ist die schauspielerische Leistung der Tänzerinnen und Tänzer. Es wird nicht nur getanzt, sondern auch vorgetragen. Es werden Texte von Kahlo vorgelesen und Berichte über sie erzählt. Äusserst überraschend war die Performance eines Poetry Slam-Textes, welcher vor kurzem im Internet grossen Anklang fand. Julia Engelmann hat, inspiriert vom Hit Song “One Day/Reckoning Song” von Asaf Avidan, einen Text über das Altwerden geschrieben. Darin ruft sie auf, das Leben in vollen Zügen zu geniessen.

 

In Anbetracht des eigentlichen Hauptthemas “Frida Kahlo” wird dem Text allerdings eine zu grosse Gewichtung in der ganzen Inszenierung zuteil.-¨-¨ -¨Nichtsdestotrotz ist “Frida Kahlo” eine gelungene und wunderschöne Erzählung des Lebens einer faszinierenden und starken Persönlichkeit. Die schlichte Bühne und das Licht von Guido Petzold verstärken den Fokus auf das tänzerische Geschehen und heben die mexikanischen Accessoires der Kostüme (Katharina Beth) hervor. Ein lohnenswerter Abend voller Emotionen.