Kultur | 13.03.2014

Jeder Schuss ein Treffer

Text von David Bucheli | Bilder von zVg / X-Verleih
Der österreichische Regisseur Andreas Prochaska gehört zu den grossen Hoffnungsträgern im deutschsprachigen Genrekino. Mit der Bestsellerverfilmung "Das finstere Tal" lässt er jetzt den Euro-Western wieder auferstehen - und könnte hierzulande ein breites Publikum finden, würde der Verleiher etwas mehr Mut beweisen.
Die Brenner-Söhne bereiten Greider (Sam Riley) einen rauen Empfang.
Bild: zVg / X-Verleih

Der Genrefilm hat sich aus dem deutschen Sprachraum praktisch verabschiedet. Hiesige Produzenten und Förderanstalten meiden das Risiko eines Heimathorrorfilms oder Science-Fiction-Streifens: Die internationale Konkurrenz scheint übermächtig, das Schweizer Publikum ist sich den Hollywood-Standard gewohnt.

 

Werke wie Sennentuntschi oder Cargo bleiben erfreuliche Ausnahmen – bezeichnenderweise mit jeweils turbulenter Produktionsgeschichte. Sie brauchten den Vergleich mit ausländischen Produktionen nicht zu scheuen, ja hatten diesen sogar ein gewisses bodenständiges Flair voraus.

Nun hat ausgerechnet ein lupenreiner Alpen-Western den Sprung in ausgewählte Kinos geschafft. Doch nach der triumphalen Berlinale-Premiere verirrte sich in der ersten Spielwoche nur eine Handvoll Unentwegte in Das finstere Tal – was daran liegen mag, dass der Schweizer Verleiher kaum Promotionsarbeit geleistet hat. Aber was so tief unter dem Radar fliegt, kann erfahrungsgemäss nur ein Ausnahmefilm sein.

 

Zwischen Italo-Western und Heimat-Roman

Mit Thomas Willmanns Roman-Debut Das finstere Tal bot sich den Machern eine Steilvorlage an. Das Buch ist ausdrücklich den “Schutzheiligen” Sergio Leone und Ludwig Ganghofer anempfohlen – alleine diese Kombination löst Filme im Kopf aus. Der Übervater des Italo-Westerns und der bayrische Heimatromancier standen also Pate für eine Geschichte um Rache und Freiheit in einer Tiroler Inzestkommune. Ein Stoff, aus dem der österreichische Regisseur Andreas Prochaska nun einen Heimat-Western erster Güte gezaubert hat.

 

“The G is silent”

Von den ersten Minuten an stehen alle Zeichen auf unverfälschtes Genrekino: Da wird eine Frau von grimmigen Schergen verschleppt und ein einsamer Fremder reitet ins titelgebende Tal ein. Greider nennt sich dieser Ösi-Django, doch die Zuschauenden verstehen beim amerikanischen Akzent von Hauptdarsteller Sam Riley automatisch “rider”. The G is silent, sozusagen. Empfangen wird der wortkarge Fremdling von sechs grossmäuligen Spiessgesellen. Es sind die Söhne des Grossbauers Brenner, dessen Wort im finsteren Tal Gesetz ist. Greider könnte sie auf der Stelle umnieten und der Film wäre vorbei. Doch ein so schneller und schmerzloser Tod soll der tyrannischen Brenner-Sippe vergönnt sein. Stattdessen kauft sich lonesome rider in die Talgemeinschaft ein. Über den Winter will er sich als Fotograf verdingen, damit beginnt das grosse Sterben.

 

Leichen pflastern seinen Weg

Mit dem ersten Schnee fällt auch der erste Sohn des Brenner-Bauers. Fünf sind noch übrig, dazu der eine oder andere Kollaborateur unter den Talbewohnern. Aber Greider hat es nicht eilig mit seinem tödlichen Katz-und-Maus-Spiel. Er ist ein geduldiger Racheengel und ihm bleibt alle Zeit der Welt: «Die sind lang bei uns, die Winter«, gibt einer der Brennersöhne hämisch zu bedenken. Und dabei ahnen wir schon: Es wird wohl sein letzter sein.

 

Wenn die Schurken bald reihenweise ihr Blut im Schnee vergiessen, darf Andreas Prochaska ausgiebig aus seiner Slasher-Erfahrung schöpfen. In Österreich machte er sich immerhin mit den Horrorfilmen In drei Tagen bist du tot 1&2 einen Namen. Und wie im Slasher (beziehungsweise seiner italienischen Urform des Giallo) sind auch hier die Puzzleteile der Gewalt immer symbolisch aufgeladen: Vom Augen ausstechen bis zur Kreuzigung wurden die Todesarten sorgfältig gewählt und leuchten im Kontext der Rachemoral ein.

 

Jeder Schuss ein Treffer

Was Greider eigentlich antreibt, das kann man schon vorausahnen, während sich die patriarchalen Machtstrukturen im Tal Stück für Stück freilegen. Eine Rückblende in der zweiten Filmhälfte macht schliesslich reinen Tisch und bereitet den finalen Showdown vor. Doch genauso wie Dialogzeilen und Gewehrkugeln setzt Prochaska das Kunstblut wohldosiert ein. Meist reichen Blicke oder Gesten, um an der Spannungsschraube zu drehen und die unterkühlten Beziehungen zwischen den Charakteren deutlich zu machen. Diese bedachte Erzählweise schafft eine beklemmende Atmosphäre mit Momenten voller Suspense: Jederzeit könnte der unterdrückte Hass eruptieren und in ein Bleiinferno münden.

 

Was gibt es also an Das finstere Tal auszusetzen, dass der Verleiher ihn derart unter den Tisch fallen liess? Nun, es ist eben ein deutsch-österreichischer Genrefilm. Noch schlimmer: Es ist ein waschechter Western. Und Western sind ja angeblich Kassengift, auch wenn Tarantinos Django Unchained unlängst den Gegenbeweis erbracht hat. Und da kann Das finstere Tal mit seinen aufwendigen Bauten und atemberaubenden Bergpanoramen noch so gut aussehen, noch so packend inszeniert, klug geschrieben und unterhaltend sein – er trägt das Stigmata einer übersubventionierten Möchtegern-Produktion und soll gefälligst so schnell wieder aus den Kinos verschwinden, wie er aufgetaucht ist. Das ist eine Schande, denn in diesem Western wäre jeder Schuss ein Treffer.


Das finstere Tal läuft noch in Aarberg und Wil SG.