Kultur | 18.03.2014

“Für manche wird Fantasy zur Religion”

Heute lesen viele junge Erwachsene Fantasyliteratur. Die Regale in den Buchläden sind prall gefüllt mit den Geschichten um mystische Wesen, Bestsellerlisten sind voll mit Fantasywerken und die Verfilmungen ziehen Unmengen an Zuschauern und Zuschauerinnen in die Kinosäle. Wie ist diese Faszination zu erklären und wo hat das Genre seinen Ursprung?
Wird Fantasy zur Religion, kann es gefährlich werden.
Bild: Barbara Eckholdt / pixelio.de

Mit Pfeil und Bogen bewaffnet kämpft Katniss Everdeen im Film die Tribute von Panem um ihr Leben. Das Motto ist klar: jeder gegen jeden. Das Blut fliesst in Strömen, Killerbienen und giftiger Nebel gehören in der Arena zum Alltag.

Diese Welt, die auf der Grundlage der Tribute von Panem-Trilogie neu für die Leinwand erschaffen wurde, zieht derzeit weltweit Millionen von Menschen in ihren Bann.  Auch weitere zeitgenössische Blockbuster wie Twilight, Harry Potter oder Der Hobbit beruhen auf Fantasywerken.

 

Ursprünge in Antike und Mittelalter

Fantasy, wie wir es heute kennen, hat seinen Ursprung in Sagen und Heldenepen, meint das Wissensportal helles-koepfchen.de. “Ob es nun Götter mit übernatürlichen Kräften waren, die in die Geschicke der Menschen eingriffen oder, ob tapfere Helden Jungfrauen vor Drachen und anderen Ungeheuern bewahrten – ähnliche Geschichten sind vermutlich schon so alt wie die Menschheit,” so das Portal.

 

Klassische Motive

Das Wissensportal wissen.de erklärt, dass neben Handlungselementen im Fantasygenre auch Charaktertypisierungen der Helden ihre Wurzeln in antiken und mittelalterlichen Epen wie der Ilias, Odyssee, Beowulf- und Artus-Saga oder dem Nibelungenlied haben. “Die Verwendung dieser klassischen Motive ist zwar nicht neu”, so das Portal weiter, “aber ihre Verarbeitung und Veränderung zu etwas ganz Eigenständigem, das nun als Fantasy bezeichnet wird, setzte erst im 19. Jahrhundert ein.”

Damals begannen Autoren, wie der deutsche Romantiker E.T.A. Hoffmann und der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe, fantastische Elemente in ihre Erzählungen einzubinden. Als frühe Meilensteine in der Entwicklung der phantastischen Literatur gelten Bram Stokers Dracula, Mary Shelleys Frankenstein oder auch Der seltsame Fall des Dr. Jeckyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson.

 

Ein eigenes Genre

Doch erst im 20. Jahrhundert avancierte Fantasy zu einem eigenen Genre. Als Anfangspunkt wird gemeinhin die Herr der Ringe-Reihe von J.R.R. Tolkien angesehen.

Die Mitte der 50er Jahre erschienene Trilogie gehört zu den kommerziell erfolgreichsten Romanen aller Zeiten und ist bis heute in rund 40 Sprachen übersetzt worden.

 

Die Serie, so helles-koepfchen.de, löste in den 60er Jahren einen ersten Fantasy-Boom aus. In Folge entstanden weitere Fantasywerke wie etwa C.S. Lewis’ Chroniken von Narnia und gewannen eine wachsende Anhängerschaft.

Laut dem Wissensportal ist die heutige Begeisterung der Massen für Fantasy jedoch erst Anfang der 2000er Jahre zustande gekommen – dank dem riesigen Erfolg der Harry Potter-Reihe und der spektakulären Verfilmung von der Herr der Ringe. Seit dieser Zeit würden deutlich mehr Fantasy-Bücher erscheinen als zuvor, so das Portal.

 

Flucht aus der Wirklichkeit?

Der Freiburger Religionssoziologe Oliver Krüger hat sich wissenschaftlich mit der Faszination für Fantasy auseinandergesetzt. Gegenüber SRF erklärt er: “Ich denke, das Genre ist deshalb so populär, weil es die heute doch sehr entzauberte Welt wieder ein Stück weit remythisiert. Und das scheint ein grosses Bedürfnis zu sein.” Für manche Menschen würden Inhalte aus Büchern, Rollenspiele oder Filmen sogar zur Religion, so Krüger weiter.

 

Derart extremes Fanverhalten hat auch Kritiker auf den Plan gerufen, die dem Fantasygenre vorhalten, sogenannten “Eskapismus” zu fördern. Dieser lässt sich vereinfacht als Flucht aus unserem schnöden Alltag definieren.

 

Fan-Diskussionen

Für die Mehrheit der Leser und Leserinnen mag Eskapismus keine Gefahr darstellen, bei besonders begeisterten Fans kann man sich aber durchaus fragen, ob diese den Bezug zur Wirklichkeit noch aufrechterhalten können. Gewisse Fans sind so eingefleischt, dass sie sich mit Fans anderer Genres regelmässig in die Haare kriegen – zum Beispiel wenn es darum geht, ob Vampir- und Werwolfgeschichten nun zu Science Fiction oder Fantasy gehören.

Fantasy-Fanatiker argumentieren, ihre Kategorie beruhe eher auf Vergangenheit. Da Hexen, Vampire, Werwölfe und so weiter ihren Ursprung in der Vergangenheit hätten, gehörten sie daher zum Fantasy-Genre. Auf der anderen Seite betonen Science Fiction-Fans, dass es bei Science Fiction nicht nur um die Zukunft gehe, sondern auch um Übernatürliches. Aus diesem Grund gehörten Fabelwesen und übernatürliche Wesen auch zu ihnen. Derartige Fragen werden auf zahlreichen einschlägigen Internet-Communitys heiss debattiert.

 

“Fantasie ist wichtiger als Wissen”

Auch wenn die meisten Leser und Leserinnen vermutlich nicht zu den beschriebenen eingefleischten Fans gehören – Wer nun das nächste Mal ein Fantasybuch in die Hand nimmt, versteht vielleicht etwas besser, weshalb er oder sie immer wieder aufs Neue von den mystischen Geschichten in den Bann gezogen wird. Übrigens sagte bereits Einstein: “Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.”