Gesellschaft | 31.03.2014

Fremde Feinde

Text von Yara Gut
Der 91-jährige Hans Stecher floh 1938 mit seiner Familie vor den Nazis nach Trinidad und Tobago. Heute ist er der letzte lebende jüdische Flüchtling im gesamten Inselstaat. Im Gespräch mit Tink.ch spricht er von seinen Heimaten und dem kleinen Widerstand gegen das grosse Ganze.
Der 91-jährige Hans Stecher ist der letzte überlebende jüdische Flüchtling im Inselstaat Trinidad und Tobago.

“Wir haben uns nie unterkriegen lassen”, beginnt der alte Mann leise seine Erzählung. Hans Stecher ist 91 Jahre alt und lebt auf der südkaribischen Insel Trinidad. Als wir uns zum Gespräch bei ihm zuhause treffen, sitzt er auf der Couch im Wohnzimmer und entschuldigt sich für seine eingeschränkte Mobilität. Und dafür, dass er wohl immer wieder vom Deutschen ins Englische fallen werde.

 

Auf Regalen im ganzen Haus reihen sich edle Vasen, Porzellanfiguren und sonstiger, teurer Schnickschnack. Kaum etwas erinnert daran, dass wir hier im Haus des letzten überlebenden Holocaust-Flüchtlings des gesamten Inselstaates sitzen. Diese Aufgabe übernimmt Hans Stecher persönlich, als er zu seiner ungewöhnlichen Geschichte ansetzt. Auf Deutsch.

 

Der Terror beginnt

Als Adolf Hitler im März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz den Anschluss Österreichs an das deutsche Reich verkündet, steht der 14-jährige Hans Stecher in der Menschenmenge. Er ist einer der wenigen, der dem neuen Staatsoberhaupt nicht zujubelt. Für seine Familie ist die Ankunft Hitlers Grund zu grösster Sorge. Denn die Stechers sind Juden. Als solche waren sie bereits vor Hitlers Machtübernahme in Österreich einer feindseligen Stimmung durch heimische Nazis und Sympathisanten ausgesetzt. Mit dem Anschluss sollte der Terror aber erst beginnen, erinnert sich Stecher. Aus den “arischen” Österreichern wurden “arische” Deutsche. Für die “nicht-arische” Bevölkerung, insbesondere die Juden, galten fortan spezielle Regeln. Wälder wurden zu ausschliesslich “deutschen Wäldern” und jüdische Ärzte durften nur noch jüdische Patienten behandeln. Stecher wechselt ins Englische. Deutsch sind nur noch die Nazi-Begriffe.

 

Mit Lausbubenstreichen gegen das Regime

Er erinnert sich an zahlreiche Schulversammlungen, an denen jüdische Kinder nicht mehr teilnehmen durften. Und daran, dass die “arischen” Schüler ihn zu hänseln versucht hatten. Aber das habe er sich nicht gefallen lassen, meint Stecher und hebt stolz die Brust. Mit einem Hauch Schadenfreude stellt er pantomimisch dar, was er mit den vermeintlichen Störfrieden anstellte. Die knorrigen Fäuste treffen mit erstaunlichem Schwung unsichtbare Wangen. Auch wenn der alte Mann heute in seiner Mobilität eingeschränkt ist: Die wachen Augen verraten weiterhin, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Seine Erzählungen runden das Bild eines verkappten Rebellen ab. Stecher lacht leise, wenn er über kleine Vandalenakte gegen das Hetzblatt Der Stürmer spricht und freut sich ganz ungeniert über die Lausbubenstreiche, die er unachtsamen SS-Männern spielte: “Wir waren jung und wütend.” Doch trotz anfänglichem Widerstand war für die Familie Stecher bald klar, dass ihnen ihre Heimat keine Zukunft mehr bieten konnte. So galt es, schnellstmöglich eine neue zu finden.

 

Calypso Shtetl

Trinidad und Tobago war zu diesem Zeitpunkt eine britische Kolonie. Im Gegensatz zu anderen Ländern brauchte man hier kein Visum, um einzureisen. Ein Onkel, der in Venezuela lebte, gab den Stechers den Tipp und bezahlte das erforderliche Einreisedepot von 50 Britischen Pfund pro Person. Die Stechers zögerten nicht lange und flohen im September 1938 nach Trinidad. Sie waren bei weitem nicht die einzigen: Im Januar 1939 zählte die jüdische Gemeinde in Trinidad an die 600 Mitglieder. In der Hafenstadt Port of Spain wurde eine Synagoge errichtet, jüdische Theatergruppen führten Stücke auf Hebräisch auf und viele Flüchtlinge gründeten Kleinunternehmen. Die Einheimischen standen diesem sogenannten Calypso Shtetl mit gemischten Gefühlen entgegen: Einige verglichen das Schicksal der Juden mit dem der Sklaven, andere fürchteten die Konkurrenz. Dennoch: Die Familie Stecher schien eine Heimat und eine Zukunft gefunden zu haben. Hans Stecher wird schwärmerisch, wenn er von seinen ersten Eindrücken der Karibikinsel spricht. Schön und grün sei es gewesen. Neu und aufregend.

 

Enemy Aliens

Und das blieb Trinidad auch – fast genau ein Jahr lang. Als Grossbritannien am 3. September 1939 Deutschland den Krieg erklärte, änderte sich der Status der geflüchteten Juden aus Österreich und Deutschland. Sie waren nicht mehr Flüchtlinge, sondern potentielle Spione, sogenannte “enemy aliens”. Hans Stecher und seine Familie wurden verhaftet. Die Männer kamen nach Nelson Island, die Frauen nach Caledonia Island. Beide Gefängnisinseln liegen unweit der Küste Trinidads und vor allem nahe beieinander. “An schönen Tagen konnten wir unserer Mutter von Nelson Island aus zuwinken”, erinnert sich Stecher. Die sanitären Anlagen waren schlecht und das Leben im Gefängnis primitiv. Dennoch blieb Stecher optimistisch: “Ich sah das Ganze als Abenteuer.” Tatsächlich gleichen die Geschichten von Nelson Island Erzählungen aus den Sommerferien. Man hat sich Sonnenuntergänge angesehen, Karten gespielt und es gab sogar eine Sabbatfeier. Die Familie wurde erst nach vier Jahren 1943 aus der Haft entlassen – mit Auflagen. Fahrradfahren durften sie erst ab 1944 wieder.

 

Gekommen, um zu bleiben

Viele der internierten jüdischen Flüchtlinge verliessen Trinidad und Tobago nach dem Krieg aus Empörung über die ihnen widerfahrene Ungerechtigkeit. Die Familie Stecher blieb. Hans Stecher zog mit seinem Vater das Luxusgütergeschäft Stechers auf. Dieses ist inzwischen verkauft, der ehemalige Besitzer im wohlverdienten Ruhestand. Trinidad konnte Hans Stecher vieles bieten. Aber nicht alles: Als Ende der 60er die Black-Power Bewegung aufkam, wanderte ein Grossteil der verbliebenen Juden aus Furcht vor weiteren Verfolgungen aus. Mit ihnen verschwand auch der Traum vom Calypso Shtetl. Die jüdische Bevölkerung ist heute auf Trinidad eine winzige Minderheit: Kaum hundert Juden und Jüdinnen leben hier. Die einzige Synagoge wurde geschlossen. Hans Stecher kämpfte vergebens jahrelang für die Errichtung eines neuen jüdischen Gotteshauses. Obwohl er seine Gebete zu Hause sprechen muss, hat er sich nie überlegt, Trinidad zu verlassen. Schliesslich ist es jetzt seine Heimat. Oder zumindest eine Heimat, denn er hat drei: “Meine erste Heimat ist Österreich, mein Geburtsland. Dann Trinidad, das mich mit offenen Armen empfing und mir Zuflucht gab. Und natürlich Israel – meine spirituelle Heimat.” Hans Stecher gefällt es in Trinidad. Sein Garten ist schön und grün. Vielleicht nicht mehr neu und aufregend. Aber dafür mit Blick direkt auf Nelson und Caledonia Island. Beide sind heute stillgelegt. Und beide vermochten die Stechers nicht unterzukriegen.