Kultur | 28.03.2014

Ein Greis erklimmt die Bühne und verlässt sie als Jungspund

Text von Jessica Hefti | Bilder von Jessica Hefti
Er hat sich viel vorgenommen: Auf seiner ausgedehnten Welttournee machte Sixto Rodriguez für zwei Konzerte am gleichen Abend in Zürich Halt. Seine Band hätte er besser daheim gelassen.
Am besten alleine mit seiner Gitarre - Sixto Rodriguez.
Bild: Jessica Hefti

Der Dokumentarfilm Searching for Sugar Man, welcher im Winter 2012 in den Schweizer Kinos lief, zeigte einen Mann, der lange nichts von seiner Berühmtheit wusste. Sixto Rodriguez war in den 1980er- und 90er-Jahren in Südafrika längst ein Superstar und seine beiden Platten verkauften sich wie warme Weggli.

 

Die Legende besagte damals, dass er sich während eines Konzertes auf der Bühne das Leben nahm. Eine Gruppe Fans glaubte das nicht und machte sich via bedruckter Milchpackungen und einer Webseite auf die Suche nach ihm. Sixtos älteste Tochter war es, die den Aufruf 1997 im Netz entdeckte.

 

So kam der amerikanische Folkmusiker mit Mitte 50 in den Genuss, vor vollen Rängen zu spielen. Und seit der Dokumentarfilm über ihn einen Oscar gewann, kennt ihn die halbe Welt und füllt bei seinen Auftritten die Hallen. So auch die in Zürich.

 

Eine alte Legende

Eine Legende steht im Volkshaus auf der Bühne. Beinahe unwirklich. Das soll der Mann sein, der sich im Film im tiefsten Winter in seinem Haus verkriecht und sich nichts aus seinen Erfolg einbildete? Er ist alt und gebrechlich geworden. Von zwei Helfern gestützt, kommt er auf die Bühne. Ihm muss gezeigt werden, wo sich das Mikrofon befindet. Der 71-Jährige leidet am grünen Star, der sein Sehvermögen drastisch einschränkt.

 

Hochzeitsmusikanten als Begleitung

Das Publikum ist aus dem Häuschen. Rodriguez muss nur “Hello” ins Mikrofon sagen und die Menge tobt. Eine Menge aus jungen Tanzfreudigen und sesshaften Nostalgikern, die den Balkon den Stehrängen vorziehen. Angenehm wenig Smartphones werden in die Luft gestreckt.

 

Rodriguez setzt sich Sonnenbrille und Zylinder auf und legt los. Nach dem Intro kommt seine Band hinzu. Er hat keine erprobte Band bei sich, sondern überall auf der Welt andere Musiker, die ihn begleiten.

 

Heute sind das Bassistin Maree Thom aus Neuseeland, Gitarrist Matthew Smith aus Amerika und Drummer Sebastian Beresford aus England. Sixto Rodriguez stellt sie vor, buchstabiert teils ihre Namen. Neben dem Altmeister wirken sie deplatziert. Das Mädel im Blumenkleid, der Herr mit den Stöcken im Anzug und der links mit dem Tweedhut – sie erinnern an Hochzeitsmusiker. “Doch die sind teils besser”, gibt ein Fan im Publikum noch eins oben drauf.

 

Nicht eingespielt wankt das Ensemble durchs Programm, für Absprache steckt man die Köpfe zusammen – der Schlagzeuger schüttelt vielsagend den Kopf.

 

Der Mani Matter von Detroit

Am schönsten ist es, wenn Rodriguez unaufgeregt den Anfang macht und alleine mit der Gitarre spielt und seiner unverkennbarer Stimme singt. Dann blühen Songs wie die Folkballade Crucify Your Mind oder der Protestsong This Is Not a Song, It’s an Outburst: Or, The Establishment Blues auf.

 

Er ist der Mani Matter von Detroit – kein Wort ist in seinen Songtexten zu viel. Beim Hit Sugar Man will das Publikum mitsingen, Sixtos folgt jedoch einem anderen Rhythmus und der Chor misslingt. “Stay smart, didn’t start”, rät der im Ghetto aufgewachsene Musiker seinen Zuhörern.

 

Zweimal ausverkauft

Sein Repertoire aus zwei Studioalben der 1970er-Jahre ergänzt er mit Covers wie Blue Suede Shoes von Carl Perkins oder I’m gonna live till I die von Frank Sinatra. Ohne Zugabe verschwindet er nach einer Stunde. “Power to the people!” ruft er zum Abschied. Das Publikum verlässt den Saal.

 

Draussen wartet eine neue Menschentraube auf das zweite, ausverkaufte Konzert an diesem Abend. Hier nimmt sich Rodriguez mit drei Zugaben mehr Zeit. Er trinkt Tasse um Tasse Tee auf der Bühne. Man hilft ihm aus der Jacke. Er tänzelt, er rockt und hebt seinen Zylinder für eine Verneigung. Den Weg von der Bühne findet er alleine.