Gesellschaft | 14.03.2014

Ein fixer Lohn, fünf Wochen Ferien – nein danke

Text von Alice Eichenberger | Bilder von zVg zVg zVg
Alain Zoller ist Gleitschirmtester und bringt über dem Genfersee beruflich Schirme zum Einklappen. Nicht selten gerät er dabei ins Trudeln. Sollte sich ein Schirm einmal nicht wieder stabilisieren, und trotz Notfallschirm alle Stricke reissen, geht der Pilot auf spektakuläre Weise baden.
Die Test-Manöver sind nicht immer ungefährlich.
Bild: zVg zVg zVg

Als Alain erstmals beim Schlangestehen vor dem Skilift den Gleitschirmfliegern zusah, war er noch Schlosser. Es faszinierte ihn derart, dass er gleich am nächsten Tag die Skier stehen liess und fliegen lernte. Dieser Tag in den 80er-Jahren veränderte sein Leben komplett.

 

Eins führte zum Andern. Alain machte das Hobby zum Beruf und brachte es 1990 bis zum Leiter des schweizerischen Gleitschirmzentrums. Als ein neues, neutrales Laboratorium von Nöten und fünf Jahre später in Villeneuve etabliert wurde, übernahm Alain das Management. Heute leitet er dort ein Team von mehreren Testpiloten.

 

Der Blick gen Himmel

In den Ecken des Ateliers liegen zerknüllte Gleitschirme und Sitze herum. Alain entschuldigt sich für die Unordnung, es ist ihm etwas peinlich.

Während dem Gespräch beobachtet er immerzu den Himmel. Könnte man heute fliegen, wäre er sicher nicht hier. Das Fliegen sei zu einem Bedürfnis geworden, sagt er.

 

Bis ans Limit

Ein Testpilot müsse mutig sein, sagt er. Denn sie wagen sich mit Schirmen in die Lüfte, bei denen nicht fest steht, ob sie dafür geeignet sind. Doch er selbst habe nie Angst – nur Befürchtungen, dass etwas nicht stimmen könnte.

 

Mit seiner 25-jährigen Erfahrung kann er die Schirme bereits vor und während dem Start einschätzen. Dadurch merkt er schnell, wenn etwas nicht stimmt. Hat Alain ein ungutes Gefühl, bricht er den Test ab und schickt das Modell zur Überarbeitung an den Hersteller zurück.

 

Massarbeit

Jeder Schirm wird in zwei Gewichtsklassen getestet und dabei gefilmt. Kommt der Schirm problemlos durch alle Testmanöver, kriegt er eine Wertung, wird produziert und verkauft. Alain geht an die Grenzen jedes neuen Schirms, aber er ist nicht leichtsinnig. Er geht gelassen und bewusst an das Risiko heran. Die Tests verlangen viel Fingerspitzengefühl. Dadurch gibt es weniger Überraschungen und selten Zwischenfälle.

 

Wasserlandung

In all den Jahren gab es bei den Testern nur einen einzigen Unfall, in welchen Alain selbst involviert war. „Es ist aber nicht wegen eines Fehlers am Gleitschirm geschehen“, versichert er. Es war ein anspruchsvoll zu bedienender Wettkampfschirm und Alain befand sich bereits zu nah am Wasser, als er ein Manöver provozierte. Dass er baden ging und sich dabei verletzte, ändere nichts – ihm gefällt sein Beruf genauso gut wie zu Beginn.

 

Freiheit

Manchmal sei es viel Arbeit. Aber solange er noch könne, mache er weiter. Diese Passion sei für Nicht-Extremsportler schwer zu verstehen. Und warum nicht einfach einem Bürojob nachgehen? Das passe einfach nicht zusammen, meint er. Für einen leidenschaftlichen Piloten wie ihn sei es unerträglich, bei gutem Flugwetter im Büro festzusitzen. Ein fixer Lohn, ein freies Wochenende, fünf Wochen Ferien, das kann sich Alain nicht vorstellen. Er braucht die Selbstständigkeit und die Freiheit des Fliegens – das ist seine Art zu leben.

 


 

 

Alice Eichenberger ist eine 19-jährige Schülerin am Gymnasium Liestal. Das Schuljahr 11/12 verbrachte sie in Fairbanks, Alaska im Austausch. Dort lernte sie den Krabbenfischer Jerry kennen. Auf dieser Begegnung basiert ihre Maturarbeit, in Rahmen derer sie Personen mit riskanten Berufen porträtiert. Die Porträts erscheinen wöchentlich auf Tink.ch.