Kultur | 01.03.2014

Der Klassiker aus der Upper West Side

Text von Manuel Wegmann | Bilder von Manuel Wegmann
Auf ihrer Reise durch Europa machen die 36 Darsteller Halt im Theater 11 in Zürich. Das Stück, welches bei seiner Uraufführung 1957 neue Massstäbe in der Musical-Szene setzte, hat an Aktualität und Charme kein bisschen eingebüsst.
Bunt, emotional und mit charmantem spanischen Akzent: die Sharks. Es ist Liebe auf den ersten Blick, doch das Happy End bleibt Maria und Tony verwehrt.
Bild: Manuel Wegmann

Der New Yorker Stadtteil Upper West Side, flankiert durch den Central Park im Osten und dem Hudson River im Westen, ist heute ein beliebtes Wohnquartier im Herzen Manhattans. Doch noch vor 60 Jahren wurde diese Gegend von zwei rivalisierenden Gangs beherrscht. So zumindest steht es in der West Side Story geschrieben. Der virtuose Choreograf Jerome Robbins schuf zusammen mit dem legendären Dirigent und Komponist Leonard Bernstein, Autor Arthur Laurents und Songtexter Stephen Sonderheim eines der erfolgreichsten Musicals, die der Broadway je hervorgebracht hat. Und während einem Monat und 32 Vorstellungen ist der Klassiker jetzt in der Schweiz zu Gast.

 

Von Verona nach New York

Die Geschichte basiert auf William Shakespeares Meisterwerk Romeo & Julia und wurde von den vier Künstlern in die 1950er-Jahre übertragen. So wurde aus Verona New York und aus verfeindeten Familien rivalisierende Gangs. Obwohl die Geschichte kein Happy End zu bieten hat, begeistert das Musical auf der ganzen Welt und gewann zahlreiche Preise. Auch wenn die Premiere des Musicals schon 60 Jahre her ist, hat die Geschichte kein bisschen Staub angesetzt.

 

Von Wolke Sieben ins Tal der Tränen

Die Jets, in den USA geborene Jugendliche polnischer Abstammung, und die Sharks, eingewanderte Puerto-Ricaner, kämpfen um die Vorherrschaft auf den Strassen von Upper West Side. Gleich beim ersten Treffen der zwei Hauptfiguren Tony (Jets) und Maria (Sharks) verlieben sie sich unsterblich. Kurz darauf eskaliert der Machtkampf zwischen den Gangs in einer Strassenschlacht. Nachdem Bernardo, Marias Bruder und Anführer der Sharks, seinen besten Freund erdolcht hat, kann sich Tony nicht mehr beherrschen und sticht ihn nieder.

 

Die Nachricht von Tonys schlimmer Tat schockiert Maria. Doch ihre Liebe ist stärker als die Wut und sie vergibt ihm. Einige Zeit später geht ihre Schwester Anita zu Tony um ihn vor dem Shark Chino, der Bernardos Tod rächen will, zu warnen. Sie wird von den Jets aufgehalten und vergewaltigt. Gedemütigt und wutentbrannt erfindet Anita die Geschichte, Chino habe Maria aus Eifersucht erschossen. Aus purer Verzweiflung macht sich Tony auf die Suche nach dem Mörder seiner Geliebten, damit dieser auch ihn erschiesse und er wenigstens im Tode mit Maria vereint sei. Als er unerwartet auf Maria trifft und alles nach einem Happy End aussieht, fällt ein Schuss und Chino stürmt aus der Dunkelheit hervor. Bestürzt über ihre eigene Brutalität und aufgerüttelt durch Marias verzweifelte Worte, tragen die Jets und die Sharks Tony gemeinsam von der Bühne und lassen auf eine friedlichere Zukunft hoffen.

 

Schlichtes New York versus farbenprächtiges Puerto-Rico

Als Kulisse dient ein mehrstöckiger Aufbau im Stil der Stahlgerüste mit Feuerleitern, die das Stadtbild New Yorks vielerorts auch heute noch ähnlich stark prägen wie die gelben Taxis. Beim ersten, geheimen Treffen der zwei Liebenden steigt Tony über die Leiter zu Maria hoch, wo sie mit Tonight ein wunderschönes Duett singen. Im weiteren Verlauf der Geschichte werden die mehreren Ebenen dieser passenden Kulisse allerdings nur noch selten benutzt. In puncto Kostüme hat die Inszenierung des New York der 50er-Jahre leider nicht viel zu bieten. Nur die wehenden Kleider und farbigen Anzüge der puerto-ricanischen Sharks bringen etwas Farbe auf die Bühne.

 

Mit viel Charme und portugiesischem Akzent

Die mit viel Energie und beeindruckender Präzision inszenierte Originalchoreografie von Jerome Robbins und die unsterblichen Lieder von Leonard Bernstein sind eine Wucht. Gesanglich überzeugen die Darsteller. Einzig Marias Stimme erinnert zwischendurch eher an die Oper als den Broadway. Die unzertrennliche Kombination aus Tanz, Text und Gesang ist ein Markenzeichen der West Side Story und wird von Kritikern oft als “State of the art” gepriesen.

 

Crème de la Crème

Wer die Aufführungsrechte für West Side Story erwerben will, ist an strenge künstlerische Auflagen gebunden. Diese wurden schon vom «Original  Creative Team« definiert und sind heute in den Händen ihren Nachfahren und Vertrauten. Sie gelten sowohl für das Drehbuch als auch für die Kompositionen. Der Regisseur Joey McKneely und der Dirigent Donald Chan, beide Meister auf ihrem Gebiet, sind den Anforderungen auf jeden Fall gewachsen. McKneely war Teil verschiedenster Originalbesetzungen wie zum Beispiel jener des spektakulären Starlight Express und Chan ist einer der erfahrensten und versiertesten Dirigenten im Bereich des amerikanischen Musiktheaters. Und dabei ist West Side Story unbestritten seine Paradedisziplin. Zusammen mit den fantastischen Darstellern und den versierten Musikern bieten McKneely und Chan ein Musical-Erlebnis der Extraklasse.

 

Die packende Geschichte aus Upper West Side mit den unsterblichen Songs wie “Maria”, “I Feel Pretty” und “Somewhere” ist noch bis am 16. März in Zürich und für Reisefreudige kurz darauf in München zu bestaunen. Es empfiehlt sich, sich seine Plätze sobald als möglich zu sichern. Denn wo Joey McKneely und Donald Chan gastieren, sind die Häuser schnell ausverkauft.