Gesellschaft | 26.03.2014

Solidarität in der Krise

Für 2.50 Franken einem anderen Menschen eine Freude bereiten. Das Konzept des "caffè sospeso" ist erstaunlich einfach. Dennoch scheint es in der Schweiz nicht zu funktionieren. Das liegt allerdings nicht daran, dass hier niemand einen Kaffee umsonst brauchen könnte.
Auf der Tafel hinter der Bar werden die aufgeschobenen Kaffees notiert. Derzeit warten 30 darauf, jemandem den Tag zu versüssen.
Bild: Oliver Hochstrasser Auch in der reichen Schweiz gibt es Menschen, für die ein heisses Getränk in einem Lokal unbezahlbarer Luxus ist. Oliver Hochstrasser

Zunächst scheint die im letzten Oktober eröffnete Post Bar nicht sonderlich ungewöhnlich: Als Zwischennutzung gehört sie in Basel unterdessen zur gern gesehenen Regel. Sicher, die alten Globen sind toll und dass der Suppentopf da steht, wo früher ungeduldige Kunden den Postbeamten ihre Pakete überreichten – ja, das ist auch sehr charmant.

 

Den grossen Unterschied zu anderen Basler Gaststätten symbolisiert jedoch die Tafel, die hinter der Bar hängt. Unter dem Titel caffè sospeso wird hier eine Strichliste geführt. Denn in der Post Bar können die Gäste auf den Preis ihres eigenen Getränkes noch 2.50 Franken draufzahlen – für einen caffè sospeso, also einen aufgeschobenen Kaffee. Dieser wird an der Tafel notiert und kann kostenfrei von jemandem bezogen werden, der sich sonst keinen Kaffee oder Tee leisten könnte. Es ist eine kleine Geste der Solidarität. Gönner und Empfänger bleiben anonym.

 

Solidarität in der Krise

Die Tradition des caffè sospeso soll vor über 100 Jahren in Neapel entstanden sein. Im Zuge des Booms nach dem Zweiten Weltkrieg ging der Brauch jedoch weitgehend unter. Mit der Weltwirtschaftskrise von 2008 und ihren nach wie vor spürbaren Auswirkungen erlebt der aufgeschobene Kaffee nun eine Wiederbelebung.

 

Im Internet kursieren herzerwärmende Geschichten und auf Seiten wie suspendedcoffees.com hat sich bereits eine Vielzahl partizipierender Lokale aus der ganzen Welt eingetragen. Die Schweiz ist auf diesen Portalen (noch) nicht vertreten. Wie viele Schweizer Beizen und Bars ihren Kunden die Möglichkeit bieten, einen Kaffee zu spenden, ist daher schwer zu sagen. Bekannt sind derzeit die Post Bar in Basel und das Café des Amis in Zürich. Bald will auch die Kulturbeiz in Wohlen (AG) den aufgeschobenen Kaffee anbieten. Von einer grossen Bewegung kann in der Schweiz allerdings nicht die Rede sein. Funktioniert das Konzept hier nicht?

 

Kein Steuernachweis nötig

In der Post Bar sind derzeit 30 Kaffees aufgeschoben, im Café des Amis sind es deren elf. Die Anzahl bezogener Getränke lässt sich jedoch an beiden Orten an einer Hand abzählen. Es scheint fast so, als ob in der wohlhabenden Schweiz niemand auf die Spende eines Fremden angewiesen sei.

 

Dabei ist das Angebot nicht ausschliesslich für obdachlose Menschen gedacht, wie Post Bar-Inhaberin Jeanny Messerli betont: “Auch eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern hat vielleicht mal kein Geld für einen Kaffee.” Die Bedürftigkeit müsse nicht ersichtlich sein, “wir verlangen keinen Steuernachweis an der Bar.” Das stimmt. Beim Selbstversuch wird anstandslos die Kaffeemaschine angeschmissen. Angst vor Missbrauch hat Messerli dennoch nicht. Diese wäre angesichts der geringen Anzahl bestellter caffè sospesi auch unbegründet.

 

Werbung am falschen Ort

Im Kanton Basel-Stadt bezogen im Jahr 2012 rund 11’500 Personen Sozialhilfe. Ungefähr 200 Menschen sind allein im Raum Basel obdachlos und 120 abgewiesene Asylsuchende leben derzeit von der Nothilfe in Höhe von 12 Franken pro Tag. Diese Zahlen zeigen, dass auch in der Schweiz – laut Global Wealth Report 2013 das wohlhabendste Land der Welt – durchaus Menschen wohnen, für die ein heisses Getränk in einem Lokal Luxus ist.

 

Messerli erklärt sich die zögerliche Nutzung des Angebots mit der Hemmung, an der Bar nach einem kostenfreien Kaffee zu fragen. Das ist verständlich. Und schade: Eine Bar sollte ein Ort der Begegnung sein. Zusätzlich dürfte auch die geringe Bekanntheit des Konzepts für dessen einseitigen Gebrauch verantwortlich sein. Denn geworben wird für den aufgeschobenen Kaffee vornehmlich über das Internet. Und es ist fragwürdig, ob Facebook-Seiten und aufwendig gestaltete Homepages diejenigen Menschen erreichen, für welche die Kaffees bezahlt wurden.

 

Café Surprise

Hier will der Verein Surprise nun ansetzen. Seit 1997 setzt sich Surprise für Menschen in sozialen Schwierigkeiten ein und publiziert beispielsweise das berühmte Surprise-Strassenmagazin. Die Geschäftsführerin Paolo Gallo erkennt das ungenutzte Potential des caffè sospeso: “Viele Leute wollen einen Kaffee spenden. Dieser Solidaritätsgedanke soll gelebt werden können.” Darum startet Surprise ab Mitte April 2014 die Initiative Café Surprise. Mit verschiedenen Lokalen aus der Deutschschweiz soll die Idee des aufgeschobenen Kaffees umgesetzt und verbreitet werden.

 

Surprise funktioniert dabei als Drehscheibe. Durch den direkten Kontakt mit bedürftigen Personen kann an der richtigen Stelle Werbung gemacht werden. Gleichzeitig soll im Strassenmagazin und über vereinsurprise.ch auf partizipierende Restaurants und Bars aufmerksam gemacht werden. Gallo hofft, dass der gespendete Kaffee dadurch aus seinem Schwebezustand befreit wird. Und endlich da ankommt, wo er gebraucht wird.