Gesellschaft | 11.03.2014

Das neue Nachbarschaftsgefühl

Text von Stefanie Wunderlin | Bilder von Katharina Good
In einer Stadt, in der kaum einer seinen Nachbarn beim Namen kennt, kann keine starke Gemeinschaft entstehen. Doch genau dieses Ziel verfolgen Projekte wie das Nachbar-Net Basel. Die Zahlen geben ihnen recht: Die Nutzung ist im vergangenen Jahr um 30 Prozent gestiegen.
Einsames Stadtleben? Nachbarschaftsorganisationen verschaffen Abhilfe.
Bild: Katharina Good

Unser Wohlbefinden hängt entscheidend davon ab, wie häufig wir Kontakt zu anderen Menschen haben. In der Stadt ist das Gemeinschaftsgefühl jedoch häufig schwach. Städter leben in grösserer Anonymität als Dorfbewohner und pflegen kaum Kontakt zur direkten Nachbarschaft. In einer misslichen Lage werden die wenigsten den Mut fassen, beim Nachbarn zu klingeln. Ein Missverhältnis, das besonders Neuzuzügern, Migrantinnen und Migranten oder älteren Menschen das Leben erschwert.

 

Nachbar-Net Basel

Das Nachbar-Net Basel ist eines von mehreren Projekten in der Region Basel, welches die organisierte Nachbarschaftshilfe fördert. Es versteht sich als Vermittlungsstelle für Hilfe und Zusammenarbeit in der Nachbarschaft. Angebote und Nachfragen können auf dem Online-Portal publiziert werden und reichen von der Einkaufshilfe über Reparaturarbeiten bis zur Freizeitgestaltung.

 

Die Nutzung hat 2013 im Vergleich zum Vorjahr auf der Angebotsseite um 20 Prozent zugenommen, gleichzeitig sind die Nachfragen um 30 Prozent gestiegen. Dies in einer Zeit, in der freiwilliges Engagement in Vereinen stark rückläufig ist. Laut Pierre-Alain Niklaus, Stellenleiter des Vereins Nachbar-Net Basel, schätzen die Leute kurzfristige Einsätze. “Das Angebot bietet die Möglichkeit, ohne langfristige Planung, situativ und selbstbestimmt, Freiwilligenarbeit zu leisten. Dies kommt dem neuen Bedürfnis entgegen,” so Niklaus.

 

Angebot und Nachfrage

Ob Computer-Support, Einkaufshilfe oder Car-Sharing – die Angebote sind so vielfältig wie die Bedürfnisse der Nutzer. Die sogenannten Nachfragenden seien oft ältere Menschen, Migrantinnen und Migranten oder Personen mit begrenztem Budget, die sich die Preise des freien Marktes nicht leisten könnten, erläutert Niklaus.

 

Der Freizeitbereich erfreue sich vor allem bei Neuzugezogenen aus dem In- sowie Ausland grosser Beliebtheit und sei ein gern genutztes Mittel, um mit den Einheimischen in Kontakt zu treten. Sie treffen sich für einen gemeinsamen Shopping-Nachmittag, einen Wanderausflug oder für einen ausgelassenen Abend im Club. Anbieter dagegen seien ganz unterschiedliche Personen, die Zeit und Lust hätten, Menschen zu begegnen und ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. So melden sich Schülerinnen und Schüler für Babysitting, Migrantinnen und Migranten zum Sprachtandem oder Studierende für Gartenarbeiten.

 

Freiwilligenarbeit als Motor

Nachbarschaftsarbeit ist Freiwilligenarbeit und kann nur in diesem Rahmen funktionieren. “Nähe und Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen, sind ohne Zweifel wichtig. Aber offenbar ist auch eine gesunde Distanz nötig, damit das Gefühl von Kontrolle und Zwang zum Nachbarsein nicht zu gross wird”, erläutert Niklaus.

 

Dies bestätigt Peter Gautschi, stellvertretender Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt. Nachbarschaftshilfe könne nicht mit Druck oder Verordnungen gefördert werden. Es müsse den Einwohnern überlassen werden, wie stark sie ihre Anonymität aufgeben und sich ihrem Umfeld gegenüber öffnen wollen. Verordnungen einer staatlichen Organisation hätten einen kontraproduktiven Effekt auf die Freiwilligenarbeit. Die Rolle des Staats sei es, so Gautschi, die Freiwilligenarbeit anzuerkennen und zu fördern. Mit dem Förderpreis Schappo oder dem Tag der Freiwilligenarbeit honoriert die Basler Regierung das Engagement gemeinnütziger Organisationen für die Gemeinschaft.

 

Nachbarschaft in der Stadt

In Befragungen der Stadtentwicklung zu den Bedürfnissen und Wünschen der Einwohner und Einwohnerinnen spielt die soziale Komponente eine dominante Rolle. Dieses Anliegen wurde erkannt und umgesetzt in Bauprojekten oder bei der Planung von Wohngebieten. Diese tragen fortan den sozialen Bedürfnissen der Einwohner vermehrt Rechnung. Hochhäuser sind nicht mehr nur als Wohnräume gedacht, sie werden zum vertikalen Dorf, in dem sich die Bewohner begegnen können und eine bessere Vernetzung unter den Nachbarn gefördert wird.