Gesellschaft | 22.03.2014

“Das Feuer hat mir die Falten geglättet”

Eines Tages beschloss René von Gunten, Stuntman zu werden und hatte Erfolg damit. Am Set von "Alarm für Cobra 11" machte er sich einen Namen und wurde auch Zuhause in der Schweiz bekannt. Er lässt sich in Autos durch die Gegend schleudern, springt aus schwindelerregenden Höhen in Luftkissen oder lässt sich in Brand setzen. Trotzdem behauptet René, dass er beim Überqueren einer Strasse vorsichtiger sei, als die meisten Menschen.
René von Gunten im Einsatz.
Bild: zVg Am Set von "Alarm für Kobra 11" mit Tom Beck. zVg Zum Misslingen eines Feuerstunts meinte René nur: "Das Feuer hat mir immerhin die Falten geglättet." zVg

Die elf Autoüberschläge, die René am Set von “Alarm für Cobra 11” ausführte, wären eigentlich ein Weltrekord – hätte er damals Guinness World Records informiert. Stattdessen sind nun die sieben Überschläge als Rekord eingetragen, die ein Berufskollege im Bond-Streifen Casino Royale vollführte. Dies ärgert von Gunten noch heute, nach über 18 Jahren im Schweizer und Deutschen Stuntbusiness.

 

Ist man einmal im Stuntbusiness dabei, kommt man laut René nicht mehr davon los. Ihn fasziniert, dass jeder Stunt anders und somit eine neue Herausforderung sei. Die Situation, das Gelände, die Fahrzeuge.

Von der ganzen Arbeit, die dahinterstecke, sehe man im Endprodukt jedoch wenig. Es werde wochenlang geplant und getüftelt. Doch gefilmt wird erst, wenn alles stimmt und der Stunt optisch genügend spektakulär daherkommt.

 

Neuer Anfang

Eine Stellenanzeige aus Deutschland löst 1996 alles aus. René stellt sich in Köln bei einer Stuntfirma vor. Damals ist er 36, überdurchschnittlich alt für einen Anfänger. Doch er besitzt bereits den Führerschein, den Lastwagenschein, das Flugpermit, den Tauchschein, den Motorradfahrschein, hat zwei Berufe gelernt und ist reifer als die meisten anderen Bewerber.

Er wird angestellt. Danach ist nichts mehr gleich. Er kündigt die Wohnung und lässt in der Schweiz alles stehen und liegen, um Stuntman zu werden. Ein neues Leben voller Autoüberschläge, Sprünge, Stürze, Schlägereien und Explosionen beginnt.

 

Zwischen Ostermundigen und Köln

Neben der Arbeit geniesst er es, Teil der Stuntfamilie zu sein. Genauso kurzfristig wie er die Schweiz verlassen hatte, kehrt er nach elf Jahren zurück. In Ostermundigen führt er drei Jahre lang eine Stuntschule, die jedoch nicht so läuft, wie er es sich ausgemalt hatte. Die Schüler haben falsche Vorstellungen und meinen, Hollywood klopfe bald an die Tür.

Aus der Stuntschule ergeben sich in der Folge aber neue Aufträge, was René gelegen kommt.

 

Und immer wieder zieht es ihn nach Köln zurück. In der Schweiz wird er durch seine Abwesenheit zum Einzelgänger. Doch in Köln bleibt er immer ein vollwertiges Mitglied der Stuntfamilie, egal wie lange er wegbleibt.

 

Forever young

In Köln geniesst er das Leben in vollen Zügen, lebt viel intensiver als in der Schweiz. Über die Jahre wird auch der Altersunterschied zu seinen Freundinnen immer grösser. “Während alle anderen älter wurden, blieb ich innerlich ein Teenager”, meint er.

 

Mit Leuten, die einen normalen Beruf ausüben und deren Agenda immer ausgefüllt ist, hat er ein wenig Mitleid. 0815 ist nichts für ihn, mit normal kann er nicht viel anfangen. Er bevorzugt das wilde Leben und lebt von einem Tag in den nächsten. Es kam auch schon vor, dass er Mitte Monat noch nicht wusste, wie er den Mietzins zahlen sollte und trotzdem ein neues Auto leaste

 

Respekt vor dem Risiko

Ein Restrisiko bleibe bei den Stunts zwar immer, aber gefährlich lebe er nicht – im Gegenteil. Gefahr sei überall und durch die ständige Gegenwart der Gefahr in seinem Beruf sei er darauf sensibilisiert. Er überquere die Strasse vorsichtiger als die meisten Menschen.

 

Sprünge aus grosser Höhe auf Luftkissen sind seine liebsten Stunts. Doch nun, mit 53, überlegt er sich langsam, damit aufzuhören. Vielleicht sei er am Punkt angelangt, an dem er den Nervenkitzel der Sprünge nicht mehr so brauche wie früher.

 

Auch Autoüberschläge mag er nicht mehr, das fordere ihn zu wenig. Vor Feuerstunts hat er Respekt, seit er sich dabei zweimal schwere Verbrennungen holte. Der Zeitpunkt der Explosion stimmte nicht. “Aber das Feuer hat mir immerhin die Falten geglättet.”, grinst er. Verletzungen gehören im Business einfach dazu, meist Prellungen und Schürfungen. Aber René ist nicht wehleidig, wie es sich für einen Stuntman gehört.

 

Zur Autorin


Alice Eichenberger ist eine 19-jährige Schülerin am Gymnasium Liestal. Das Schuljahr 11/12 verbrachte sie in Fairbanks, Alaska im Austausch. Dort lernte sie den Krabbenfischer Jerry kennen. Auf dieser Begegnung basiert ihre Maturarbeit, in Rahmen derer sie Personen mit riskanten Berufen porträtiert. Die Porträts erscheinen wöchentlich auf Tink.ch.