Fremde Feinde

“Wir haben uns nie unterkriegen lassen”, beginnt der alte Mann leise seine Erzählung. Hans Stecher ist 91 Jahre alt und lebt auf der südkaribischen Insel Trinidad. Als wir uns zum Gespräch bei ihm zuhause treffen, sitzt er auf der Couch im Wohnzimmer und entschuldigt sich für seine eingeschränkte Mobilität. Und dafür, dass er wohl immer wieder vom Deutschen ins Englische fallen werde.

 

Auf Regalen im ganzen Haus reihen sich edle Vasen, Porzellanfiguren und sonstiger, teurer Schnickschnack. Kaum etwas erinnert daran, dass wir hier im Haus des letzten überlebenden Holocaust-Flüchtlings des gesamten Inselstaates sitzen. Diese Aufgabe übernimmt Hans Stecher persönlich, als er zu seiner ungewöhnlichen Geschichte ansetzt. Auf Deutsch.

 

Der Terror beginnt

Als Adolf Hitler im März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz den Anschluss Österreichs an das deutsche Reich verkündet, steht der 14-jährige Hans Stecher in der Menschenmenge. Er ist einer der wenigen, der dem neuen Staatsoberhaupt nicht zujubelt. Für seine Familie ist die Ankunft Hitlers Grund zu grösster Sorge. Denn die Stechers sind Juden. Als solche waren sie bereits vor Hitlers Machtübernahme in Österreich einer feindseligen Stimmung durch heimische Nazis und Sympathisanten ausgesetzt. Mit dem Anschluss sollte der Terror aber erst beginnen, erinnert sich Stecher. Aus den “arischen” Österreichern wurden “arische” Deutsche. Für die “nicht-arische” Bevölkerung, insbesondere die Juden, galten fortan spezielle Regeln. Wälder wurden zu ausschliesslich “deutschen Wäldern” und jüdische Ärzte durften nur noch jüdische Patienten behandeln. Stecher wechselt ins Englische. Deutsch sind nur noch die Nazi-Begriffe.

 

Mit Lausbubenstreichen gegen das Regime

Er erinnert sich an zahlreiche Schulversammlungen, an denen jüdische Kinder nicht mehr teilnehmen durften. Und daran, dass die “arischen” Schüler ihn zu hänseln versucht hatten. Aber das habe er sich nicht gefallen lassen, meint Stecher und hebt stolz die Brust. Mit einem Hauch Schadenfreude stellt er pantomimisch dar, was er mit den vermeintlichen Störfrieden anstellte. Die knorrigen Fäuste treffen mit erstaunlichem Schwung unsichtbare Wangen. Auch wenn der alte Mann heute in seiner Mobilität eingeschränkt ist: Die wachen Augen verraten weiterhin, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Seine Erzählungen runden das Bild eines verkappten Rebellen ab. Stecher lacht leise, wenn er über kleine Vandalenakte gegen das Hetzblatt Der Stürmer spricht und freut sich ganz ungeniert über die Lausbubenstreiche, die er unachtsamen SS-Männern spielte: “Wir waren jung und wütend.” Doch trotz anfänglichem Widerstand war für die Familie Stecher bald klar, dass ihnen ihre Heimat keine Zukunft mehr bieten konnte. So galt es, schnellstmöglich eine neue zu finden.

 

Calypso Shtetl

Trinidad und Tobago war zu diesem Zeitpunkt eine britische Kolonie. Im Gegensatz zu anderen Ländern brauchte man hier kein Visum, um einzureisen. Ein Onkel, der in Venezuela lebte, gab den Stechers den Tipp und bezahlte das erforderliche Einreisedepot von 50 Britischen Pfund pro Person. Die Stechers zögerten nicht lange und flohen im September 1938 nach Trinidad. Sie waren bei weitem nicht die einzigen: Im Januar 1939 zählte die jüdische Gemeinde in Trinidad an die 600 Mitglieder. In der Hafenstadt Port of Spain wurde eine Synagoge errichtet, jüdische Theatergruppen führten Stücke auf Hebräisch auf und viele Flüchtlinge gründeten Kleinunternehmen. Die Einheimischen standen diesem sogenannten Calypso Shtetl mit gemischten Gefühlen entgegen: Einige verglichen das Schicksal der Juden mit dem der Sklaven, andere fürchteten die Konkurrenz. Dennoch: Die Familie Stecher schien eine Heimat und eine Zukunft gefunden zu haben. Hans Stecher wird schwärmerisch, wenn er von seinen ersten Eindrücken der Karibikinsel spricht. Schön und grün sei es gewesen. Neu und aufregend.

 

Enemy Aliens

Und das blieb Trinidad auch – fast genau ein Jahr lang. Als Grossbritannien am 3. September 1939 Deutschland den Krieg erklärte, änderte sich der Status der geflüchteten Juden aus Österreich und Deutschland. Sie waren nicht mehr Flüchtlinge, sondern potentielle Spione, sogenannte “enemy aliens”. Hans Stecher und seine Familie wurden verhaftet. Die Männer kamen nach Nelson Island, die Frauen nach Caledonia Island. Beide Gefängnisinseln liegen unweit der Küste Trinidads und vor allem nahe beieinander. “An schönen Tagen konnten wir unserer Mutter von Nelson Island aus zuwinken”, erinnert sich Stecher. Die sanitären Anlagen waren schlecht und das Leben im Gefängnis primitiv. Dennoch blieb Stecher optimistisch: “Ich sah das Ganze als Abenteuer.” Tatsächlich gleichen die Geschichten von Nelson Island Erzählungen aus den Sommerferien. Man hat sich Sonnenuntergänge angesehen, Karten gespielt und es gab sogar eine Sabbatfeier. Die Familie wurde erst nach vier Jahren 1943 aus der Haft entlassen – mit Auflagen. Fahrradfahren durften sie erst ab 1944 wieder.

 

Gekommen, um zu bleiben

Viele der internierten jüdischen Flüchtlinge verliessen Trinidad und Tobago nach dem Krieg aus Empörung über die ihnen widerfahrene Ungerechtigkeit. Die Familie Stecher blieb. Hans Stecher zog mit seinem Vater das Luxusgütergeschäft Stechers auf. Dieses ist inzwischen verkauft, der ehemalige Besitzer im wohlverdienten Ruhestand. Trinidad konnte Hans Stecher vieles bieten. Aber nicht alles: Als Ende der 60er die Black-Power Bewegung aufkam, wanderte ein Grossteil der verbliebenen Juden aus Furcht vor weiteren Verfolgungen aus. Mit ihnen verschwand auch der Traum vom Calypso Shtetl. Die jüdische Bevölkerung ist heute auf Trinidad eine winzige Minderheit: Kaum hundert Juden und Jüdinnen leben hier. Die einzige Synagoge wurde geschlossen. Hans Stecher kämpfte vergebens jahrelang für die Errichtung eines neuen jüdischen Gotteshauses. Obwohl er seine Gebete zu Hause sprechen muss, hat er sich nie überlegt, Trinidad zu verlassen. Schliesslich ist es jetzt seine Heimat. Oder zumindest eine Heimat, denn er hat drei: “Meine erste Heimat ist Österreich, mein Geburtsland. Dann Trinidad, das mich mit offenen Armen empfing und mir Zuflucht gab. Und natürlich Israel – meine spirituelle Heimat.” Hans Stecher gefällt es in Trinidad. Sein Garten ist schön und grün. Vielleicht nicht mehr neu und aufregend. Aber dafür mit Blick direkt auf Nelson und Caledonia Island. Beide sind heute stillgelegt. Und beide vermochten die Stechers nicht unterzukriegen.

Heimkehr und doch Fernweh

Kurz nachdem Philipp und Angela die Grenze von den USA nach Mexiko überqueren, wartet dort schon Julia auf die beiden. Den Kontakt haben sie über Couchsurfing geknüpft und mit dem Taxi soll es nun zu Julia nach Hause gehen. Doch wohin mit den Fahrrädern? “Geht nicht, gibt es nicht!”, meinte Julia dazu. Es folgte eine abenteuerliche Taxifahrt, bei welcher die Fahrräder auf dem Dach des Taxis mit den Händen festgehalten wurden. Im Land der lebensfrohen Mexikaner heißt es auch: “Gesetze in Mexiko sind wie Kaugummi. Nämlich dehnbar!”

 

Die 27-jährige Angela und der 29-jährige Philipp leben zur Zeit in Lörrach, nahe der Schweizer Grenze. Von Beruf ist Philipp Elektriker und Angela gelernte Erzieherin. Wegen ihrer Reise, aber auch weil sie jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, wird sie von ihren Kindergartenkindern liebevoll “Fahrrad-Angela” genannt.

 

Bereits entdeckt

Bei der letzten Reise führte sie ihr Weg von Deutschland über Frankreich und die Benelux-Staaten nach Skandinavien. Darauf folgte Island, von wo aus Angela und Philipp mit dem Flugzeug nach Kanada reisten. Weiter verlief die Strecke über die USA, Mexiko, Belize, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica und schlussendlich Panama. “Panama bildete ein schönes Ende fürs Erste: Wegen der fehlenden Grenzverbindung über Land nach Kolumbien wird es oft auch als Ende der Welt betrachtet”, erklärt die 27-Jährige.

Auf die Idee vor drei Jahren, die Welt per Fahrrad zu entdecken, kamen die beiden, “weil wir Gegner von Flugreisen und insbesondere Kurstreckenflügen sind und bis dahin noch nicht viel gereist sind.”

 

Entdeckungsdrang

“Nach 14 Monaten waren unsere Eindrücke erst einmal gesättigt und es hat uns gereicht”, erzählt Angela. Trotzdem spukte bereits bei der Heimkehr die Idee im Hinterkopf, irgendwann noch mehr zu entdecken. So erfolgte der erste Planungsschritt für die zweite Reise bereits im April 2013, indem sich Angela einen Fahrrad-Reiseführer zulegte. Vorerst aber nur, um darin stöbern. Dass es weitergehen soll, war aber definitiv klar. Nur die genauen Antworten auf die Fragen wann und wohin, blieben zunächst im Unklaren.

 

Der neue Alltag

Der Grund warum Angela und Philipp sich ausgerechnet auf zwei Rädern fortbewegen ist vor allem einer: Freiheit. “Man hat nur die Verantwortung für sich selbst, seinen Partner und die 50 Kilogramm Gepäck und Fahrräder”, beschreibt die Kindergärtnerin das Gefühl, welches auch ein großer Beweggrund für die zweite Reise ist.

 

Zudem empfinden die beiden die Freiheit als Kontraprogramm zum Alltag. “Von außen hat man oft eine abenteuerliche Vorstellung von so einem Trip”, schildert Angela die Eindrücke von Personen aus dem Umfeld. In Wirklichkeit entsteht aber eine gewisse Routine während der Reise: “Man steht auf, frühstückt, packt seine Sachen zusammen, schwingt sich auf das Rad, dann gibt es eine Mittagspause, eventuell eine Kaffeepause und am Abend sucht man sich einen neuen Schlafplatz und so weiter. Aus dem Abenteuer wird sozusagen ein neuer Alltag.”

 

Geschichten teilen

Abwechslung in den Reise-Alltag der Abenteurer brachten immer wieder neue Bekanntschaften, die sie während dem Reisen antrafen. “Glücklicherweise haben wir immer mit gleichgesinnten Fahrradreisenden Freundschaften geknüpft, wenn eine einsame und raue Gegend zu befahren bevorstand.” So haben sie auf der Fähre nach Island die beiden Reisenden Caro und Erik kennengelernt. “Es gibt nichts besseres als Geschichten zu teilen.” Da die Chemie stimmte, erkundeten sie das Land, welches vor ihnen lag dann gemeinsam. Zwischen den vier besteht auch heute noch reger Kontakt.

 

Liebe auf den ersten Blick

Die Ideen für die Planung der neuen Reiseroute tendierten oft dazu, eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Im Gespräch war unter anderem die Türkei. “Doch irgendwie bemerkten wir, dass uns Südamerika nicht mehr los ließ. Wir hatten uns aus einem unbekannten Grund in dieses Land verliebt.” Deshalb stand fest, dass es bei der zweiten Reise weiter südlicher auf der Karte gehen wird: Geplant ist eine Strecke über Frankreich nach Portugal. Dann mit dem Flugzeug weiter nach Kanada. Dort radeln sie die Ost-Küste entlang bis in die USA nach Miami.

 

Von der US-Millionenstadt werden sie in die Hauptstadt Kolumbiens fliegen, nach Bogotá. Weiter geht es dann die Schnellstraße Panamericana entlang, bis Philipp und Angela ein weiteres “Fin del Mundo” (Ende der Welt) nämlich Ushuaia, die südlichste Stadt Argentiniens, erreichen. Das wäre vor allem im November oder Dezember machbar, da es zu dieser Zeit dort nicht so kalt und vor allem schneefrei ist.

 

Auf Worte folgen Taten

Definitiv in die Tat umgesetzt, ist der Plan seit sieben Wochen. Denn da haben die beiden den Flug von Portugal nach Kanada gebucht. Es ist die einzige Deadline, an die sie sich wirklich halten müssen. Den zweiten Flug werden sie unterwegs buchen. So sind die beiden an keinen genauen Zeitplan gebunden und können spontan an dem Ort, wo es ihnen gefällt, länger verweilen. “Wer weiss, ob wir überhaupt beim geplanten Ziel ankommen”, schmunzelt Philipp.

 

Auch die Vorbereitungen kommen allmählich ins Rollen. Päckchen für Päckchen frischen die zwei ihre Ausrüstung wieder auf. Zum Beispiel musste eine neue Kamera her, da die letzte drei Tage bevor sie wieder zuhause waren, verloren ging. “Dieses Mal haben wir zwei bestellt.”

 

Zwischenlager

Für die Zeit ihrer Abwesenheit, lagern sie all ihr Hab und Gut in einer Garage ein, künden ihre Wohnungen und sämtliche Dienstleistungen. Und der Tag, an dem die Garage wieder gefüllt wird, ist nur noch sieben Monate entfernt. Langsam aber sicher macht sich deshalb die Vorfreude bei Angela und Philipp breit.

 

Jetzt in der Vorbereitung lässt sich noch jeder Schritt planen. Doch, ob die zwei schlussendlich wirklich am Ende der Welt ankommen, mit wem sie alles gemeinsam Geschichten teilen dürfen und wie lange sie überhaupt durch die Welt bummeln werden, steht noch in den Sternen. Aber schließlich ist es das Ungewisse, was einen Teil dieses Freiheitsgefühls ausmacht.

Wie im Casino, nur blutiger

Durch ein kleines Kabäuschen betreten wir eine Arena aus Holz. Ein für europäische Nasen bestialischer Gestank wabert uns entgegen. Nicht aus der Arena kommt der, sondern von den vielzähligen Essständen, die gegrillten Fisch, Barbecue und weitere undefinierbare Grillwaren feilbieten.

 

Auf Holzstufen stehen und sitzen Männer, die alle gebannt das Geschehen in dem mit Sägemehl belegten, kreisrunden Feld verfolgen. Ein Kampf ist im Gange und zwar zwischen Federvieh. Wir sind in einem “Cock-Pit”, einer Arena für Hahnenkämpfe. Diese liegt in der Nähe von Maribojoc, einem Ort auf der Insel Bohol.

Mit gespreizten Federn fliegt und hüpft der eine Hahn auf seinem Gegner herum, bis dieser unbeweglich am Boden liegt. Die Kräfteverhältnisse sind offensichtlich ungleich, es wird gemetzelt, nicht gekämpft.

 

Wetten, wer zuerst Federn lässt

Ausser uns füllen nur Philippinos den Raum und eine einzige, alte, runzelige Frau. Hahnenkämpfe sind offensichtlich eine Männerdomäne. Man beachtet uns nicht, denn jetzt werden zwei Hähne auf beiden Seiten der runden Kampffläche präsentiert. Zwar hatte Toti, unser Gastgeber in San Carlos, erklärt, wie Hahnenkämpfe – hier “cock fights” genannt – funktionieren. In der Praxis durchschauen wir die Spielregeln jedoch nicht ganz.

Dann ruft der “Game-Master” die Wettbeträge aus. Per Handzeichen kann man angeben, wie viel man setzen möchte, erklärt uns James, unser Bekannter aus Bohol. Gilt einer der Hähne als schwächer, passt man das Verhältnis der Gewinne an. Setze ich hundert Peso auf den stärkeren Kontrahenten und verliere, muss ich meine hundert Peso zahlen. Setze ich hingegen hundert Pesos auf den schwächeren Hahn, werde ich nur sechzig Pesos verlieren.

 

Zwei Franken auf den stärkeren Hahn

Diese Voraussetzungen geklärt, versuchen wir mitzubieten. Es gibt zwei Möglichkeiten, Wetten abzuschliessen. Zuerst nimmt der Game-Master Wettangebote entgegen, danach hebt ein Rufen und Gestikulieren im Raum an. Jetzt schliessen die Anwesenden direkt Wetten miteinander ab. Da wir nicht verstehen, was sie rufen, fällt es uns schwer, auf ein Wettangebot einzugehen. Ein Philippino erbarmt sich und sucht für uns einen Wettpartner. Hundert Pesos setzen wir ein, umgerechnet zwei Franken.

Langsam ebbt der Lärm ab und die allgemeine Aufmerksamkeit wendet sich wieder den Kämpfern zu. Noch muss man sie zurückhalten, denn kampfeslustig versuchen sie sich aufeinanderzustürzen.

Jeder Hahnenbesitzer bringt einen Gaffer mit, der sich um die korrekte Ausrüstung des Hahns kümmert. Dazu gehört eine kleine, messerscharfe Klinge, die am Bein des Hahns befestigt wird. Damit und mit dem Schnabel kämpfen die Hähne. Der Gaffer kontrolliert jeweils die Ausrüstung des gegnerischen Hahns, dann kann der Kampf beginnen.

 

Egal wo: Es kräht ein Hahn

Diese Art von “Freizeitunterhaltung” ist auf den Philippinen ungemein beliebt und egal wo man sich befindet: es kräht ein Hahn. Ganze Cock-Farms haben wir auf unserer Reise schon angetroffen. Besonders im Gebirgland der Insel Negros werden erfolgreiche Kampfhähne herangezogen, da das Klima dort kühler ist. “Conditioning” nenne man dies, wenn Hähne in kälteren Gebieten aufgezogen werden. Es mache sie stärker. Um kämpfen zu lernen und muskulöse Beine zu bilden, werden die Hähne zudem besonderen Übungen unterzogen, erzählt Toti uns.

 

Noch schwerverletzt bleibt der Kampfeswille

Wir wohnen einem Kampf zwischen ungleichen Kontrahenten bei. 6:10 ist das festgelegte Verhältnis und wir haben auf den stärkeren Hahn gewettet. Der Kampf zieht sich in die Länge, auch wenn schon Blutspritzer auf dem Sägemehl zu sehen sind. Noch scheint der Ausgang unsicher und gebannt verfolgt die Menge den Kampf.

Das Adrenalinlevel ist hoch und Zwischenrufe begleiten die Attacken. Plötzlich liegt der schwächere Hahn am Boden, ein Flügel hängt schlaff herab. Der Kampf scheint zu Ende zu sein. Der Game-Master hebt beide Hähne auf und hält sie nebeneinander in die Luft. Doch da zeigt der schon Totgeglaubte wieder Kampfeslust und hackt mit dem Schnabel auf seinen Gegenspieler ein.

 

Die Hähne werden zurück auf den Boden gesetzt und gehen sogleich wieder aufeinander los. Trotz verletztem Flügel hüpft der schwächere Hahn mit Eifer auf dem stärkeren herum, bis dieser keinen Mucks mehr tut. Wieder hebt der Game-Master die Hähne auf, einer der beiden rührt sich nicht mehr, das Spiel ist entschieden. Der Gewinner lebt noch – zumindest ein bisschen.

Mit einer beeindruckenden Erinnerungsfähigkeit fordert der Game-Master jeden Wettverlierer zum Zahlen auf. Zu Kugeln geknüllte Geldscheine werden in die Mitte geworfen. Der Game-Master hebt sie auf und zahlt die Gewinne aus. Wir verlieren unsere hundert Pesos und verlassen die Arena.

 

Makabre Freizeitbeschäftigung

Bloss zwanzig Minuten haben wir im Cock-Pit verbracht und drei Hähne segneten auf blutige Weise das Zeitliche. Einer davon in weniger als dreissig Sekunden. Eine makabre Freizeitbeschäftigung, finden wir. “Die Leute in den Dörfern haben keine andere Unterhaltung”, erklärt Toti, “da gibt es nirgends einen Fernseher und nicht alle haben Elektrizität. Deshalb sind die Cockfights am Sonntag derart beliebt.”

Eine andere Gastgeberinnen meint, auf mögliche Proteste von Tierschutzorganisationen angesprochen: “Keine Chance! Die Cockfights sind viel zu beliebt, als dass Organisationen überhaupt versuchen würden, sie anzutasten.”

 

Eine gewisse Sogwirkung kann man dem Kampf nicht absprechen, gerade wenn er sich unerwartet wendet. Es ist die Verbindung von Wettkampf und Wetteinsatz, die so viele Menschen in seinen Bann zieht. Adrenalin und Spiellust werden kombiniert. Wie in einem Casino, nur lebendig und blutiger und mit einer langen Tradition. Ganz nachvollziehen können wir die Volksbegeisterung dennoch nicht.

Ein Greis erklimmt die Bühne und verlässt sie als Jungspund

Der Dokumentarfilm Searching for Sugar Man, welcher im Winter 2012 in den Schweizer Kinos lief, zeigte einen Mann, der lange nichts von seiner Berühmtheit wusste. Sixto Rodriguez war in den 1980er- und 90er-Jahren in Südafrika längst ein Superstar und seine beiden Platten verkauften sich wie warme Weggli.

 

Die Legende besagte damals, dass er sich während eines Konzertes auf der Bühne das Leben nahm. Eine Gruppe Fans glaubte das nicht und machte sich via bedruckter Milchpackungen und einer Webseite auf die Suche nach ihm. Sixtos älteste Tochter war es, die den Aufruf 1997 im Netz entdeckte.

 

So kam der amerikanische Folkmusiker mit Mitte 50 in den Genuss, vor vollen Rängen zu spielen. Und seit der Dokumentarfilm über ihn einen Oscar gewann, kennt ihn die halbe Welt und füllt bei seinen Auftritten die Hallen. So auch die in Zürich.

 

Eine alte Legende

Eine Legende steht im Volkshaus auf der Bühne. Beinahe unwirklich. Das soll der Mann sein, der sich im Film im tiefsten Winter in seinem Haus verkriecht und sich nichts aus seinen Erfolg einbildete? Er ist alt und gebrechlich geworden. Von zwei Helfern gestützt, kommt er auf die Bühne. Ihm muss gezeigt werden, wo sich das Mikrofon befindet. Der 71-Jährige leidet am grünen Star, der sein Sehvermögen drastisch einschränkt.

 

Hochzeitsmusikanten als Begleitung

Das Publikum ist aus dem Häuschen. Rodriguez muss nur “Hello” ins Mikrofon sagen und die Menge tobt. Eine Menge aus jungen Tanzfreudigen und sesshaften Nostalgikern, die den Balkon den Stehrängen vorziehen. Angenehm wenig Smartphones werden in die Luft gestreckt.

 

Rodriguez setzt sich Sonnenbrille und Zylinder auf und legt los. Nach dem Intro kommt seine Band hinzu. Er hat keine erprobte Band bei sich, sondern überall auf der Welt andere Musiker, die ihn begleiten.

 

Heute sind das Bassistin Maree Thom aus Neuseeland, Gitarrist Matthew Smith aus Amerika und Drummer Sebastian Beresford aus England. Sixto Rodriguez stellt sie vor, buchstabiert teils ihre Namen. Neben dem Altmeister wirken sie deplatziert. Das Mädel im Blumenkleid, der Herr mit den Stöcken im Anzug und der links mit dem Tweedhut – sie erinnern an Hochzeitsmusiker. “Doch die sind teils besser”, gibt ein Fan im Publikum noch eins oben drauf.

 

Nicht eingespielt wankt das Ensemble durchs Programm, für Absprache steckt man die Köpfe zusammen – der Schlagzeuger schüttelt vielsagend den Kopf.

 

Der Mani Matter von Detroit

Am schönsten ist es, wenn Rodriguez unaufgeregt den Anfang macht und alleine mit der Gitarre spielt und seiner unverkennbarer Stimme singt. Dann blühen Songs wie die Folkballade Crucify Your Mind oder der Protestsong This Is Not a Song, It’s an Outburst: Or, The Establishment Blues auf.

 

Er ist der Mani Matter von Detroit – kein Wort ist in seinen Songtexten zu viel. Beim Hit Sugar Man will das Publikum mitsingen, Sixtos folgt jedoch einem anderen Rhythmus und der Chor misslingt. “Stay smart, didn’t start”, rät der im Ghetto aufgewachsene Musiker seinen Zuhörern.

 

Zweimal ausverkauft

Sein Repertoire aus zwei Studioalben der 1970er-Jahre ergänzt er mit Covers wie Blue Suede Shoes von Carl Perkins oder I’m gonna live till I die von Frank Sinatra. Ohne Zugabe verschwindet er nach einer Stunde. “Power to the people!” ruft er zum Abschied. Das Publikum verlässt den Saal.

 

Draussen wartet eine neue Menschentraube auf das zweite, ausverkaufte Konzert an diesem Abend. Hier nimmt sich Rodriguez mit drei Zugaben mehr Zeit. Er trinkt Tasse um Tasse Tee auf der Bühne. Man hilft ihm aus der Jacke. Er tänzelt, er rockt und hebt seinen Zylinder für eine Verneigung. Den Weg von der Bühne findet er alleine.

Solidarität in der Krise

Zunächst scheint die im letzten Oktober eröffnete Post Bar nicht sonderlich ungewöhnlich: Als Zwischennutzung gehört sie in Basel unterdessen zur gern gesehenen Regel. Sicher, die alten Globen sind toll und dass der Suppentopf da steht, wo früher ungeduldige Kunden den Postbeamten ihre Pakete überreichten – ja, das ist auch sehr charmant.

 

Den grossen Unterschied zu anderen Basler Gaststätten symbolisiert jedoch die Tafel, die hinter der Bar hängt. Unter dem Titel caffè sospeso wird hier eine Strichliste geführt. Denn in der Post Bar können die Gäste auf den Preis ihres eigenen Getränkes noch 2.50 Franken draufzahlen – für einen caffè sospeso, also einen aufgeschobenen Kaffee. Dieser wird an der Tafel notiert und kann kostenfrei von jemandem bezogen werden, der sich sonst keinen Kaffee oder Tee leisten könnte. Es ist eine kleine Geste der Solidarität. Gönner und Empfänger bleiben anonym.

 

Solidarität in der Krise

Die Tradition des caffè sospeso soll vor über 100 Jahren in Neapel entstanden sein. Im Zuge des Booms nach dem Zweiten Weltkrieg ging der Brauch jedoch weitgehend unter. Mit der Weltwirtschaftskrise von 2008 und ihren nach wie vor spürbaren Auswirkungen erlebt der aufgeschobene Kaffee nun eine Wiederbelebung.

 

Im Internet kursieren herzerwärmende Geschichten und auf Seiten wie suspendedcoffees.com hat sich bereits eine Vielzahl partizipierender Lokale aus der ganzen Welt eingetragen. Die Schweiz ist auf diesen Portalen (noch) nicht vertreten. Wie viele Schweizer Beizen und Bars ihren Kunden die Möglichkeit bieten, einen Kaffee zu spenden, ist daher schwer zu sagen. Bekannt sind derzeit die Post Bar in Basel und das Café des Amis in Zürich. Bald will auch die Kulturbeiz in Wohlen (AG) den aufgeschobenen Kaffee anbieten. Von einer grossen Bewegung kann in der Schweiz allerdings nicht die Rede sein. Funktioniert das Konzept hier nicht?

 

Kein Steuernachweis nötig

In der Post Bar sind derzeit 30 Kaffees aufgeschoben, im Café des Amis sind es deren elf. Die Anzahl bezogener Getränke lässt sich jedoch an beiden Orten an einer Hand abzählen. Es scheint fast so, als ob in der wohlhabenden Schweiz niemand auf die Spende eines Fremden angewiesen sei.

 

Dabei ist das Angebot nicht ausschliesslich für obdachlose Menschen gedacht, wie Post Bar-Inhaberin Jeanny Messerli betont: “Auch eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern hat vielleicht mal kein Geld für einen Kaffee.” Die Bedürftigkeit müsse nicht ersichtlich sein, “wir verlangen keinen Steuernachweis an der Bar.” Das stimmt. Beim Selbstversuch wird anstandslos die Kaffeemaschine angeschmissen. Angst vor Missbrauch hat Messerli dennoch nicht. Diese wäre angesichts der geringen Anzahl bestellter caffè sospesi auch unbegründet.

 

Werbung am falschen Ort

Im Kanton Basel-Stadt bezogen im Jahr 2012 rund 11’500 Personen Sozialhilfe. Ungefähr 200 Menschen sind allein im Raum Basel obdachlos und 120 abgewiesene Asylsuchende leben derzeit von der Nothilfe in Höhe von 12 Franken pro Tag. Diese Zahlen zeigen, dass auch in der Schweiz – laut Global Wealth Report 2013 das wohlhabendste Land der Welt – durchaus Menschen wohnen, für die ein heisses Getränk in einem Lokal Luxus ist.

 

Messerli erklärt sich die zögerliche Nutzung des Angebots mit der Hemmung, an der Bar nach einem kostenfreien Kaffee zu fragen. Das ist verständlich. Und schade: Eine Bar sollte ein Ort der Begegnung sein. Zusätzlich dürfte auch die geringe Bekanntheit des Konzepts für dessen einseitigen Gebrauch verantwortlich sein. Denn geworben wird für den aufgeschobenen Kaffee vornehmlich über das Internet. Und es ist fragwürdig, ob Facebook-Seiten und aufwendig gestaltete Homepages diejenigen Menschen erreichen, für welche die Kaffees bezahlt wurden.

 

Café Surprise

Hier will der Verein Surprise nun ansetzen. Seit 1997 setzt sich Surprise für Menschen in sozialen Schwierigkeiten ein und publiziert beispielsweise das berühmte Surprise-Strassenmagazin. Die Geschäftsführerin Paolo Gallo erkennt das ungenutzte Potential des caffè sospeso: “Viele Leute wollen einen Kaffee spenden. Dieser Solidaritätsgedanke soll gelebt werden können.” Darum startet Surprise ab Mitte April 2014 die Initiative Café Surprise. Mit verschiedenen Lokalen aus der Deutschschweiz soll die Idee des aufgeschobenen Kaffees umgesetzt und verbreitet werden.

 

Surprise funktioniert dabei als Drehscheibe. Durch den direkten Kontakt mit bedürftigen Personen kann an der richtigen Stelle Werbung gemacht werden. Gleichzeitig soll im Strassenmagazin und über vereinsurprise.ch auf partizipierende Restaurants und Bars aufmerksam gemacht werden. Gallo hofft, dass der gespendete Kaffee dadurch aus seinem Schwebezustand befreit wird. Und endlich da ankommt, wo er gebraucht wird.

Fasnacht von Brig bis Basel

“Letschti in Ziiri, s isch zem schreie, mir hän e WC gsuecht wie wild

Hey luog do het ains, sait dä bletzlig, Verrichtigsbox stoot uf däm Schild

50 Stutz sait d WC-Dame, i glaub die spinnt, i has verhebt

Nai s’isch nit s Gäld gsi wo mi gschteert het, nur hätts mr en bim schiffe ghebt.” (Mac Väärs)

 

Die goldene Regel: An der Fasnacht ist man fröhlich. Richtig fröhlich. Der Frühling naht, der Winter wird vertrieben. In Brig geschah dies mit Pauken und Trompeten: Am viertägigen Gätsch erhascht man auf den Strassen immer wieder guggenmusikalische Töne der besonderen Sorte. Das tönt dann circa so: “Bumm z bumm bumm z, bumm z bumm bumm z, bumm z bumm bumm z, böböböböböböböböböböbö, bumm z, bumm z – böböböböböböböböbö – bubububububububu –  tätäräräräääää, bumm z, bumm bumm z.” Oder so ähnlich. Doch man muss kein Guggen-Liebhaber zu sein, um die Fasnacht im Gätsch zu lieben. Denn alles wird zur Bühne: Die Strasse für die kreativ Verkleideten, Restaurants, Keller, Bars und Zelte für DJ’s und verschiedene Bands.

 

“Die Masseninitiative het das schööne Land gspalte

D Wirtschaft muess jetzt wiider Kontingänt yyhalte

Immene rächte Schwyzer isch dä Volkswillen egal

Denn d Butzfrau dehai schafft au in Zuekumpft illegaal.” (die Haiggle)

 

Die Protagonisten in Brig: Giraffen, Katzen, Putzfrauen. Astronauten, Punks, Matratzen. Fernseher, Quecksilber, Putins. Das Ganze umrahmt von verschiedensten Guggenmusiken: Bumm Z.

 

“Dank NSA waisch vo der Merkel EU Ghaimniss

Und vam Putin alli Menscherächtsversaimniss.

S ainzig Mool wo au der Maurer isch am Droot,

huucht sini Frau: – bring uff em Haimwääg no ne Broot.” (die Penetrante)

 

Doch auch ein Blick in die verschiedenen Keller, Zelte und Bars lohnt sich. Hier hört man nicht mehr viel von den traditionell fasnächtlichen Musik und die Ohren werden mit Psy, Electro-Swing, Klassikern und mehr verwöhnt – und häufig sogar live: Punk, Funk, Rock und mehr. Die Getränkelisten sind lang, es wird getrunken, gegessen und gefeiert. Bis in die frühen Morgenstunden. Manche auch etwas länger. Schwer zu erfassen dieser Gätsch. Vor allem wenn er vorbei ist. Bumm Z.

 

“Die Ryychschte vo der ganze Wält

Verstegge ganz e Huffe Gäld

Am Fiskus vorby, uff Schwyzer Bangee

Doo kunnt di ganzi Wält ins Wangge

E Wältkrieg goot gege d Schwyz jetzt los

Die erschte Bängger steeen uff dr Stross!” (DAG / WAG)

 

Naja. Übers Ergebnis kann man streiten. Klar ist: Die Schnitzelbänke in Basel in den verschiedenen Kellern muss man einfach mal gehört haben. Und die Fasnacht in Brig bleibt bunt, verrückt und anstrengend. Die restlichen Fasnachten der Schweiz? Die besuch ich dann ein andermal.

Was wir von Ärzteserien lernen können

Dass eine TV-Serie tatsächlich Leben retten kann, scheint unwahrscheinlich. Das Unfassbare wurde jedoch für eine deutsche Familie zur Realität. Fabian Schäffer aus Weil am Rhein, ein Fan der Serie 112- Sie retten dein Leben, erzählt gegenüber Tink.ch, wie die Fernsehsendung seinem Vater das Leben rettete: “Als mein Vater eines Samstagabends vom Joggen nach Hause kam, kollabierte er auf der Treppe. Ich machte ihm sofort eine Herzdruckmassage – obwohl ich dies nie zuvor gelernt hatte – und wies meine Mutter an, den Notruf zu wählen.”

 

Fabian Schäffers Vater hatte damals einen schweren Herzinfarkt erlitten, der in jedem zweiten Fall tödlich endet. Nicht zuletzt dank der schnellen und richtigen Reaktion seines Sohnes geht es ihm – wenn auch erst nach fünf Tagen im künstlichen Koma, einigen weiteren auf der Intensivstation und einer Reha – nun wieder gut. Solche Fälle sind natürlich selten. Trotzdem werfen sie die Frage auf, ob Arztserien realistischer sind, als es zunächst den Anschein hat.

 

Dr. House im Hörsaal

Die beiden US-amerikanischen Arztserien Grey’s Anatomy und Dr. House werden von deutschen Zuschauern und Zuschauerinnen als sehr realistisch empfunden. Dies ergab eine Umfrage der auf Medizinpublikationen spezialisierten Verlagsgruppe Thieme. Der gleichen Meinung ist Dr. Tobias M. Böckers, Professor für Anatomie an der Universität Ulm. Gegenüber der deutschen Wochenzeitung Zeit bestätigt er, Dr. House zu mögen und im Unterricht gar Ausschnitte der TV-Serie zu zeigen um den Studierenden den Stoff näher zu bringen. Was hierzulande noch unüblich scheint, sei in den USA bereits gängige Unterrichtspraxis, sagt Claudia Lampert vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg gegenüber der Zeit.

 

“Von Arztserien lernen können vor allem die Ärzte selber”

Der deutsche Chirurg Kai Witzel forschte im Rahmen seiner Studie Wie Arztserien die Ängste vor und die Zufriedenheit mit Operationen beeinflussen mehrere Jahre auf dem Gebiet der Arztserien. In einem Interview mit der Frauenzeitschrift Für Sie meint der Forscher: “Von Arztserien lernen können vor allem die Ärzte selber.” Witzel findet, dass die echten Ärzte und Ärztinnen sich jenen aus den TV-Serien anpassen müssen. Konkret meint er damit: Ärzte sollen ihren Patienten besser zuhören und mehr auf sie eingehen. Der Patient oder die Patientin solle ernst genommen werden. So findet es Witzel zum Beispiel nicht in Ordnung, wenn sich Fachleute über das Fernsehwissen ihrer Patienten lustig machen.

 

Hoher Wahrheitsgehalt

Aristomenis Exadaktylos, Direktor und Chefarzt des universitären Notfallzentrums des Inselspitals in Bern, schätzt den Wahrheitsgehalt von Arztserien gegenüber Tink.ch als grundsätzlich hoch ein. Auch er hebt Dr. House als Serie mit medizinisch besonders korrektem Fachwissen hervor. Jedoch bemängelt er die dramatische Art und Weise, wie Krankheiten in der Serie diagnostiziert und behandelt werden. Diese sei wohl der Fantasie der Drehbuchautoren entsprungen, meint Exadaktylos. Den aus den USA kommenden Trend, Arztserien im Hörsaal als Lehrmaterial zu verwenden, unterstützt Exadaktylos. Bei Reanimationsszenen könne man beispielsweise lernen, keine Angst vor derartigen Situationen zu haben.

 

Erkenntnisse abseits des Medizinischen

Doch auch abseits des Medizinischen ermöglichen uns die Serien nützliche Erkenntnisse: “Von Arztserien können wir lernen, dass Spitäler Orte sind, wo Menschen leben, lieben und leiden. Wie an allen anderen Arbeitsplätzen auch,” meint Exadaktylos. Es werde gezeigt, dass Ärzte nicht Halbgötter in weissen Kitteln, sondern Menschen mit Problemen, Freunden und Leid sind.

Warum Museen nicht langweilig sind

Der Abend des 21. März war lau. Hervorragende Verhältnisse für das Ereignis, das in Bern die Nacht zum Tag machen würde. Seit über zehn Jahren gibt es sie nun, die Museumsnacht Bern. 28 Ausstellungen und etliche Berner Firmen sowie Institutionen öffnen ihre Pforten für einmal auch nachts. Doch damit nicht genug. Neben den üblichen Exponaten gibt es allerorts Besonderheiten zu entdecken: Nie gesehene Sammlungen, besondere Filme, spannende Vorträge und viel Interaktives.

 

Wie Motten zum Licht

Das Logo der Museumsnacht zeigt Falter, die um eine Glühlampe schwirren. Ein ähnliches Verhalten legten auch die Teilnehmenden an den Tag. Nie bildet sich eine längere Warteschlange vor den Museen. Wo üblicherweise aufs Anstehen verzichtet wird, standen sich die Besuchende an diesem Abend die Beine in den Bauch.

 

Doch auch ohne das Schlange-stehen, gab es viel zu entdecken. Die Gebäude lockten mit bunt erleuchteten Fassaden. Die Kochergasse vor dem Bellevue Palace erinnerte an eine Filmkulisse aus dem letzten Jahrhundert. Der elegante Eingangsbereich des prunkvollen 5-Sterne Hotels war an diesem Abend die Haltestelle für 80 Oldtimer-Fahrzeuge, die eine Fahrt durch die Stadt Bern anboten. Verständlicherweise kam es auch hier zu Wartezeiten.

 

Das Gedächtnis des Staats

In der Nähe der Nationalbibliothek lud eine riesige Sammlung zum Besuch ein. Was vielen nicht bewusst ist: Diese Sammlung ist auch ausserhalb der Museumsnacht jederzeit öffentlich und unentgeltlich zugänglich. Die Rede ist von der Datensammlung des Schweizer Bundesarchivs.

 

Dort, in Räumlichkeiten, die sich zu einem grossen Teil unterirdisch erstrecken, lagert das “Gedächtnis des Staates”. Dieses enthält 60 Kilometer Unterlagen zu politischen und rechtlichen Themen, Fotos, Ton- und Filmdokumente sowie unzählige digitale Daten.

 

Normalerweise dürfen diese Daten nur in den Lesesälen betrachtet werden. Während der Museumsnacht ist es ausnahmsweise erlaubt, in die Eingeweide des Archivs hinab zu steigen. Über enge Stiegen gelangt man weiter unter die Erde. Aussehen tut es dort wie in einem militärischen Schutzbunker. Zu schützen gibt es hier viel – die Magazine müssen vor Feuer und Wasser sicher sein. Das Gedächtnis der Schweiz soll schliesslich intakt bleiben.

 

Fotosammlung “Aktivdienst Erster Weltkrieg”

Zu bestaunen gibt es abgesehen von dem Innenleben des Archivs noch eine Sammlung mit Militärfotos aus der Zeit des ersten Weltkriegs. Diese Fotos zeigt die Armee bei ihren militärischen Tätigkeiten. Diese Fotosammlung, die über fünftausend digitalisierte Glasplattennegativen beinhaltet, ist auch online auf der Seite des Bundesarchivs einzusehen. Reinschauen lohnt sich!

 

Langweilig war an diesem Abend jedenfalls keins der Museen. Jedes zeigte sich in seinen schillerndsten Farben und entführte die Besuchende genau so sehr in exotische Welten, wie ins Herz unseres eigenen Landes. Die Museumsnacht macht Lust auf mehr. Denn ein einziger Abend reicht niemals aus, um all die Wunder zu sehen, die in den Berner Museen auf Besuchende warten.

GC deklassiert YB

“Sie müssen den Schiedsrichter interviewen, nicht mich. Er kann Ihnen sicher genauestens Auskunft geben.” Mit diesen Worten stapfte YB-Sportchef Freddy Bickel durch die Mixed-Zone. Auch Uli Forte, Trainer des BSC YB, war nach dem Spiel genervt: “Sorry, aber ich sage nichts, denn am Schluss schreiben Sie so oder so wieder von diesem blöden Veryoungboysen.”

 

Der Grund für den Unmut ist die Schiedsrichterleistung von Adrien Jaccottet. Es läuft die 44. Minute. Shkelzen Gashi wird von Milan Gajic behindert und Adrien Jaccottet pfeift. Gashi will den Freistoss schnell ausführen, doch da steht der schon verwarnte Renato Steffen. Der GC-Spieler schiesst und der YB-Flügel blockt den Ball ab. Schiedsrichter Jaccottet reagiert sofort und zeigt Steffen die gelb-rote Karte. Er könne sich ja nicht in Luft auflösen, meint YB-Verteidiger Steve von Bergen nach dem Spiel zu Tink.ch zur Aktion seines Teamkollegen.

 

Dieser Platzverweis sollte das Spiel in entscheidende Bahnen lenken und erst den Anfang bilden einer Flut von strittigen oder gar nachweislich falschen Entscheiden vonseiten des Schiedsrichters. YB, das sich in der ersten Halbzeit gut behaupten konnte und durch Milan Gajic (24.) und Scott Sutter (37.) auch zu zwei sehr guten Chancen kam, war jetzt massiv geschwächt.

 

Bürki mit gebrochenen Rippen

Umso überraschender war, dass die Berner in der 62. Minute zu einer Riesenchance zur Führung kamen. Ein verunglückter Abstoss von Roman Bürki landete bei Josef Martinez, der direkt aufs Tor zog und den GC-Schlussmann mit einem Schlenzer zu bezwingen versuchte. Der Ex-YBler bügelte seinen Fehler jedoch mit einer starken Parade aus und lenkte den Ball mit den Fingerspitzen um den Pfosten.

 

Dass Bürki überhaupt spielte, war überraschend, denn die Grasshoppers hatten letzte Woche bekannt gegeben, dass Roman Bürki einen Monat ausfallen würde. “Dank unglaublich toller Arbeit meiner Physiotherapeuten und allen Ärzten, war es möglich heute zu spielen. Schmerzen spürte ich bloss beim Dirigieren, denn bei Paraden fiel ich auf ein Polster, das mir um den Bauch bandagiert wurde. Ich war zu Beginn noch etwas blockiert, es stellte aber kein Problem dar.”

 

Mangelndes Fingerspitzengefühl

YB kämpfte und spielte trotz Unterzahl gut mit. Doch als Caio in der 65. Minute nach einem Eckball zum 1:0 für die Gäste einnickte, erlitt die Moral der Berner einen herben Dämpfer. Es wollte nicht mehr viel gelingen. YB probierte möglichst souverän zu verteidigen, doch GC powerte auf das Tor von Yvon Mvogo.

 

Die 16’079 Zuschauer sahen nun eine einseitige, aber noch nicht entschiedene Partie. In der 81. Minute spielte Gashi von links in die Mitte, wo Munas Dabbur einschob. Der Israeli stand allerdings klar im Abseits. Die YB-Spieler fühlten sich nun klar benachteiligt, und nur zwei Minuten später sollten die Gemüter erneut erhitzt werden: Schiedsrichter Jaccottet schickte Michael Frey unter die Dusche, nachdem dieser GC-Goalie Bürki angerempelt hatte.

 

Wiederum ein äusserst fragwürdiger Entscheid, bei dem Jaccottet jegliches Fingerspitzengefühl verlor. Insgesamt zehn Karten verteilte der Basler Spielleiter und wirkte nur selten souverän. Dass GC mit zwei Spielern mehr auf dem Feld stand, war nun offensichtlich, und die cleveren Zürcher wussten den numerischen Vorteil zu nutzen. Caio mit seinem zweiten Tor und der eingewechselte Anatole Ngamukol sorgten für das deutliche Schlussverdikt.

 

GC bleibt an Leader Basel dran, während YB einen weiteren Rückschlag erleidet und diesmal ist dieser nicht nur auf spielerische Defizite oder die Abgeklärtheit des Gegners zurückzuführen. Auf die Frage, ob er zufrieden mit der Leistung  sei, antwortet Steve von Bergen: “Was für eine Frage? Wir haben soeben mit 4:0 verloren, da ist wohl klar, dass ich nicht zufrieden bin. Es gibt Spiele, da haben Spieler einen schwarzen Tag. Doch heute war es der Schiedsrichter, schade.”

 

“Das Feuer hat mir die Falten geglättet”

Die elf Autoüberschläge, die René am Set von “Alarm für Cobra 11” ausführte, wären eigentlich ein Weltrekord – hätte er damals Guinness World Records informiert. Stattdessen sind nun die sieben Überschläge als Rekord eingetragen, die ein Berufskollege im Bond-Streifen Casino Royale vollführte. Dies ärgert von Gunten noch heute, nach über 18 Jahren im Schweizer und Deutschen Stuntbusiness.

 

Ist man einmal im Stuntbusiness dabei, kommt man laut René nicht mehr davon los. Ihn fasziniert, dass jeder Stunt anders und somit eine neue Herausforderung sei. Die Situation, das Gelände, die Fahrzeuge.

Von der ganzen Arbeit, die dahinterstecke, sehe man im Endprodukt jedoch wenig. Es werde wochenlang geplant und getüftelt. Doch gefilmt wird erst, wenn alles stimmt und der Stunt optisch genügend spektakulär daherkommt.

 

Neuer Anfang

Eine Stellenanzeige aus Deutschland löst 1996 alles aus. René stellt sich in Köln bei einer Stuntfirma vor. Damals ist er 36, überdurchschnittlich alt für einen Anfänger. Doch er besitzt bereits den Führerschein, den Lastwagenschein, das Flugpermit, den Tauchschein, den Motorradfahrschein, hat zwei Berufe gelernt und ist reifer als die meisten anderen Bewerber.

Er wird angestellt. Danach ist nichts mehr gleich. Er kündigt die Wohnung und lässt in der Schweiz alles stehen und liegen, um Stuntman zu werden. Ein neues Leben voller Autoüberschläge, Sprünge, Stürze, Schlägereien und Explosionen beginnt.

 

Zwischen Ostermundigen und Köln

Neben der Arbeit geniesst er es, Teil der Stuntfamilie zu sein. Genauso kurzfristig wie er die Schweiz verlassen hatte, kehrt er nach elf Jahren zurück. In Ostermundigen führt er drei Jahre lang eine Stuntschule, die jedoch nicht so läuft, wie er es sich ausgemalt hatte. Die Schüler haben falsche Vorstellungen und meinen, Hollywood klopfe bald an die Tür.

Aus der Stuntschule ergeben sich in der Folge aber neue Aufträge, was René gelegen kommt.

 

Und immer wieder zieht es ihn nach Köln zurück. In der Schweiz wird er durch seine Abwesenheit zum Einzelgänger. Doch in Köln bleibt er immer ein vollwertiges Mitglied der Stuntfamilie, egal wie lange er wegbleibt.

 

Forever young

In Köln geniesst er das Leben in vollen Zügen, lebt viel intensiver als in der Schweiz. Über die Jahre wird auch der Altersunterschied zu seinen Freundinnen immer grösser. “Während alle anderen älter wurden, blieb ich innerlich ein Teenager”, meint er.

 

Mit Leuten, die einen normalen Beruf ausüben und deren Agenda immer ausgefüllt ist, hat er ein wenig Mitleid. 0815 ist nichts für ihn, mit normal kann er nicht viel anfangen. Er bevorzugt das wilde Leben und lebt von einem Tag in den nächsten. Es kam auch schon vor, dass er Mitte Monat noch nicht wusste, wie er den Mietzins zahlen sollte und trotzdem ein neues Auto leaste

 

Respekt vor dem Risiko

Ein Restrisiko bleibe bei den Stunts zwar immer, aber gefährlich lebe er nicht – im Gegenteil. Gefahr sei überall und durch die ständige Gegenwart der Gefahr in seinem Beruf sei er darauf sensibilisiert. Er überquere die Strasse vorsichtiger als die meisten Menschen.

 

Sprünge aus grosser Höhe auf Luftkissen sind seine liebsten Stunts. Doch nun, mit 53, überlegt er sich langsam, damit aufzuhören. Vielleicht sei er am Punkt angelangt, an dem er den Nervenkitzel der Sprünge nicht mehr so brauche wie früher.

 

Auch Autoüberschläge mag er nicht mehr, das fordere ihn zu wenig. Vor Feuerstunts hat er Respekt, seit er sich dabei zweimal schwere Verbrennungen holte. Der Zeitpunkt der Explosion stimmte nicht. “Aber das Feuer hat mir immerhin die Falten geglättet.”, grinst er. Verletzungen gehören im Business einfach dazu, meist Prellungen und Schürfungen. Aber René ist nicht wehleidig, wie es sich für einen Stuntman gehört.

 

Zur Autorin


Alice Eichenberger ist eine 19-jährige Schülerin am Gymnasium Liestal. Das Schuljahr 11/12 verbrachte sie in Fairbanks, Alaska im Austausch. Dort lernte sie den Krabbenfischer Jerry kennen. Auf dieser Begegnung basiert ihre Maturarbeit, in Rahmen derer sie Personen mit riskanten Berufen porträtiert. Die Porträts erscheinen wöchentlich auf Tink.ch.