Kultur | 17.02.2014

Zu viele Schweizer Filme?

Schweizer Filmschaffende fühlen sich in der Kino-Berichterstattung unterrepräsentiert. Das liegt an der kaum zu bewältigenden Flut von einheimischen Kinofilmen. Qualität statt Quantität wäre gefragt.
Über 100 verschiedene Schweizer Filme flimmern jährlich über die Kino-Leinwände. Das schafft harte Konkurrenz.
Bild: zVg/flickr.com

Die Schweiz ist trotz wachsendem Output keine grosse Filmnation. Das ist nicht wertend gemeint, sondern eine Tatsache: Die Branche ist überschaubar, man kennt sich im eidgenössischen Film-Filz. Regisseure, Produzenten, Verleiher und sogar Journalisten sprechen sich an den Cocktail-Empfängen während den Solothurner Filmtagen mit Vornamen an. Diese familiäre Atmosphäre lässt Solothurn jedes Jahr für eine Woche zum Zentrum eines ohnehin sehr kleinen Universums werden.

 

Angeschlagenes Verhältnis zwischen Kritikern und Kreativen

Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Verhältnis zwischen hiesigen Filmemachern und Filmkritikern ein angeschlagenes ist. Natürlich ist manch einer verärgert, wenn sein Film im Tagesanzeiger oder der NZZ seitenfüllend verrissen wird – aber das gehört zum Geschäft, ist Teil der Symbiose zwischen Kulturschaffenden und Journalisten. Wirklich Grund zum Klagen haben die Filmemacher nur, wenn eine Produktion von der Presse gar nicht thematisiert wird. Doch genau solche Vorwürfe vergiften derzeit das Klima in der Branche: Von den knapp 100(!) Schweizer Filmen, die es jährlich in unsere Kinosäle schaffen, wird ein Grossteil entweder vollständig ignoriert oder bestenfalls in den Randspalten der Feuilletons besprochen.

 

Schweizer Filmflut

Das hat nichts mit einseitiger, hollywoodfixierter Berichterstattung zu tun, sondern mit der nicht zu bewältigenden Flut an einheimischen Filmen, wie sie derzeit die Kinolandschaft überschwemmt. So schicken die Schweizer Verleiher aktuell Titel wie Akte Grüninger, Der Goalie bin ig, Berge im Kopf oder Traumland ins Rennen gegen die Oscaranwärter 12 Years A Slave, American Hustle, Dallas Buyers Club und Mandela: Long Walk For Freedom. Den Vergleich zu diesen gefeierten US-Produktionen müssen sich die helvetischen Werke gefallen lassen, doch nur die wenigsten können ernsthaft mit ihnen konkurrieren.

 

Alternative Vertriebswege

Es kann nicht sein, dass das einheimische Filmschaffen einen Sonderstatus gegenüber dem ausländischen geniesst. Eine Schweizerfilm-Quote in der Kinopresse, wie sie einzelne Vertreter implizit fordern, wäre völlig abwegig. Vielmehr sollten sich Regisseure und Verleiher künftig genauer überlegen, wie sie ihre Filme einem Publikum zugänglich machen wollen: Zu der herkömmlichen Verwertungskette, die vom Kino durch den Heimkinomarkt ins Fernsehen führt, gibt es heute aufregende Alternativen. Video on Demand heisst das Zauberwort, das in den filmisch noch sehr viel produktiveren USA längst in aller Munde ist.

 

Im deutschsprachigen Raum sind legale Streaming- und VoD-Plattformen jedoch rar gesägt. Dabei beweisen amerikanische Anbieter wie Netflix, welch enormes Potential in dem Geschäft steckt: Inzwischen werden hochwertige Serien von Hollywoodgrössen wie David Fincher oder Kevin Spacey eigens für die Online-Videothek produziert. Schweizer Verleiher treiben ihre Filme hingegen auf Biegen und Brechen in den ohnehin übersättigen Kinomarkt – und wundern sich dann über mangelndes Medienecho und lausige Besucherzahlen.

 

Unnötige Konkurrenzkämpfe

Die Vielfalt eidgenössischen Filmschaffens in Ehren, aber ist ein Nischenfilm wie Alfonsina nicht besser an Festivals oder im DVD-Regal unter “Special Interest” aufgehoben? Muss Petra Volpes durchaus gelungenes Prostitutionsdrama Traumland unbedingt im Kino laufen, oder könnte das Werk nicht ein sehr viel grösseres Publikum im Fernsehen erreichen? Zur Primetime im SRF wäre der Film ein Ereignis und könnte sich umfassender Berichterstattung gewiss sein. Nun muss er gegen das sechsfach oscarnominierte Aids-Drama Dallas Buyers Club und George Clooneys Monuments Men antreten – sowohl im Kino als auch in den Kulturredaktionen.

 

Falsche Förderanreize

Die fragwürdige Verleiherpolitik führt zur Eigenkannibalisierung: Eine wuchernde Anzahl von kleinen bis mittelgrossen Produktionen drängt Woche für Woche in die Kinos und spannt sich gegenseitig das Publikum aus. Der Markt wird atomisiert und der mediale Diskurs verkommt zum Selbstgespräch, wenn sich jede Filmredaktion einen anderen Titel aus dem Programmsumpf fischt. Darunter leidet in erster Linie das Kino selbst: Die schiere Menge mittelmässiger und weitgehend belangloser Subventionsproduktionen wirkt sich inflationär auf den kulturgesellschaftlichen Wert des Kinos aus.

 

Ein Umdenken ist aber auch in der Kulturförderung gefragt. Hauptantrieb für die Kinoauswertung jedes noch so banalen Befindlichkeitsfilmchen sind lockende Subventionszahlungen: Verleiher können für den Vertrieb von Schweizer Filmen Fördergelder beantragen, die jedoch mit wachsenden Besucherzahlen immer weiter schrumpfen. Zeigt das Publikum also das richtige Mass von Desinteresse, rechnet sich der Kinostart für die Verleiher trotzdem – falschen Förderanreizen sei Dank.

 

Qualität statt Quantität

Hinter diesem System steckt die längst überholte Annahme, dass Filme ihr Publikum nur in Lichtspielhäusern finden können. Dabei sollte die Ehre eines regulären Kinostarts alleine den interessantesten und kontroversesten Titeln vorbehalten sein. Solange sich die Förderungspolitik aber gegen innovative Vertriebswege sträubt, wird sich in der Branche so schnell nichts ändern. Und spätestens in einem Jahr wird in Solothurn wieder dieselbe Debatte geführt werden müssen.