Kultur | 16.02.2014

Wo Punks und Männerchöre zu Hause sind

Text von Céline Graf | Bilder von zVg
Sie kann stillstehen oder sich rasend schnell verändern. Manchmal beides gleichzeitig. Sicher ist: Ohne die Provinz würden viele Figuren ein sinnloses Dasein fristen. So auch in den beiden Deutschschweizer Filmen "Zum Beispiel Suberg" und "Der Goalie bin ig".
Erste Annäherungsversuche an die Bewohner von Suberg. Die Dorfbeiz als Bühne: Sonja Riesen als Regula und Marcus Signer als Goalie im "Maison".
Bild: zVg

Schon das Wetter drückt aufs Gemüt in Schummertal, es ist nass, kalt, windig, dazu singt Tom Waits. Pedro Lenz hat seinen Roman Der Goalie bin ig in der verschlafenen Kleinstadt angesiedelt. Die Verfilmung (Regie: Sabine Boss), die an den Solothurner Filmtagen Premiere feierte, beherrscht den Provinz-Blues aus der Buchvorlage perfekt.

Undenkbar wäre diese Geschichte ohne die Dorfbeiz, wo die Herren vor ihren Stangen, Café Crèmes, Ballönli und Nussgipfeln hocken.

 

Als Goalie nach einem Jahr Gefängnisaufenthalt wieder die Beiz betritt, richten sich alle Blicke auf ihn. Sogenannte Freunde von früher konfrontieren den ehemaligen Kleindealer hartnäckig mit dessen Vergangenheit. “I däm Kaff hesch ja eifach ke Chance”, sagt er. Trotzdem will Goalie neu anfangen und mit den Drogengeschichten abschliessen.

 

Doch die Achtzigerjahre in der Provinz haben durchaus auch ihren Charme, der durch die sorgfältige Ausstattung im Film besonders besticht. Wo sonst könnte Goalies punkiger Freund Stoferli mit Irokesenfrisur und engen Jeans die Krawatte-tragenden und Auto-waschenden Bünzlis provozieren? Oder wann sonst wären spontane Ferien in Spanien am Meer romantischer, wenn sie nicht zuvor in den Köpfen von Goalie und seinem Meitschi, der Serveuse Regula ausgemalt worden wären?

 

Vom Bauern- zum Schlafdorf

Zurück im Hier und Jetzt landen wir beim Berner Filmemacher Simon Baumann. In seinem Dokumentarfilm Zum Beispiel Suberg zeigt der er die Veränderung vom Bauerndorf zum Schlafdorf auf. “Schön und ruhig”, sei es hier, so der 35-jährige Regisseur, der zugleich der Protagonist ist, weil er in Suberg aufgewachsen ist. Fast ein bisschen zu ruhig, indes, und so macht er sich auf die Suche nach Bekanntschaften in seinem Heimatdorf, das ihm zugleich sehr fremd ist.

 

Das Filmteam guckt über die Gartenhecken, hinter denen sich Einfamilienhäuser ducken. Der überfallartige Besuch des Politikersohns wird nicht von allen goutiert. Ein Paar knallt Baumann die Tür vor der Nase zu, ein Bewohner droht mit der Polizei. Baumann stellt fest: “Wenn man in der Provinz Leute kennenlernen will, muss man in einen Verein gehen.” Im Männerchor ist er mit Abstand der Jüngste. Allerdings glaubt Baumann, Überbleibsel des Gemeinschaftssinns zu finden, den er vor allem von Bildern und Geschichten der Grosseltern-Generation gekannt hat. Als Gegenbild treten in Zum Beispiel Suberg moderne Unternehmer auf: Vermieter von Luxusautos und wohlhabende Grossbauern.

 

“Der Goalie bin ig” läuft derzeit in den Schweizer Kinos. “Zum Beispiel Suberg” erscheint im Frühjahr 2014 auf DVD.