Kultur | 25.02.2014

“Wie man getrunken hat, weiss man das Rechte”

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Vivienne Kuster
Die wohl häufigste Schullektüre der deutschen Literaturgeschichte: Goethes Faust. Wie ich mich dazu gebracht habe, das Buch zu lesen und sogar zu geniessen.
Nach intensivem Studium der Lektüre und eines Weinglases, dichtet unsere Reporterin selbst in Versform.
Bild: Vivienne Kuster

Ich befand mich in einer persönlichen Tragödie: Sie bestand zunächst darin, Faust von Goethe lesen zu müssen. Obwohl ich gerne lese, machte mir das Buch zu Beginn grosse Mühe. Die verstaubten Formulierungen, die Verse, die geschwollene Sprache. Nach 33 Seiten klappten meine Augen gemeinsam mit dem Buchdeckel zu. Am nächsten Tag fragte ich mich, in welchem Zustand man sein müsste, um ihn zu verstehen. Den Faust, den Goethe?

 

Ich entschloss mich dazu, den Rat meines Deutschlehrers anzunehmen und das Geschriebene laut zu lesen. So fand ich mich im Wohnzimmer wieder, lauthals die folgenden Verse sprechend:

“Nein, er gefällt mir nicht, der neue Bürgermeister!

Nun, da ers ist, wird er nur täglich dreister, …”

 

Aber auch das schien keine Lösung zu sein. Ich fing an zu lachen, als ich begriff, in welcher Situation ich mich befand. Mir fehlte definitiv das Publikum. Denn was ist schon ein Schauspiel ohne Publikum? Nicht umsonst hat Goethe den Faust als Theaterstück geschrieben. Er wollte es lebendig gestalten, schliesslich sollte er verstanden werden.

 

Verstaubte Sprache?

Manche Bücher, so scheint es mir, wurden nur geschrieben, um zu zeigen wie schlau ihr Autor war. Nicht dieses. Gewöhnt man sich erstmals an den Stil, so kann man sich an der Schönheit und Vielfalt der deutschen Sprache erfreuen. Eine Vielfalt, die in der heutigen Zeit in Vergessenheit geraten scheint. Dass dies aber nicht der Fall ist, beweisen die wohl am meisten zitierten Worte Goethes, die in der Originalfassung wie folgt lauten: “Er kann mich im Arsche lecken.” Der Volksmund kürzte diesen melodischen Ausdruck und machte daraus: “Er kann mich am Arsch lecken.”

 

Betrunkener Faust

Man sollte das Buch nicht nur als eine Handlung lesen, sondern gleichwohl auch den Klang, die Melodie der Sprache, auf sich wirken lassen. Wem dies nicht leicht fällt, empfehle ich ein, zwei Gläser Wein zu trinken. Die zweite Hälfte des ersten Teils habe ich in einem mehr oder weniger angetrunkenen Zustand gelesen. Meine Vermutung, das Buch liesse sich so besser verstehen, hat sich als wahr erwiesen.

Goethe hat einmal gesagt: “Solange man nüchtern ist, gefällt das Schlechte; wie man getrunken hat, weiss man das Rechte.”

Vor allem, weil ich mir nun keine Gedanken mehr um Wörter machte, die ich nicht verstanden habe. Ich habe das Buch als Melodie gelesen und als Melodie verstanden.

 

“Salamander soll glühen,

Undene sich winden,

Sylphe verschwinden,

Kobold sich mühen.”

 

Auch wenn ich keine Ahnung habe was Undene oder Sylphe sein könnte, habe ich verstanden, dass es ein Zauberspruch ist.

 

Inspiriert durch Verse und den Wein,

war das Buch nun kaum mehr eine Pein.

Der Faust ist keine geballte Hand,

vielmehr ein Mensch, der durch ein Pakt gebannt,

sich quält vom Himmel durch die Hölle und zurück.

Der auf der Suche ist nach seinem Glück,

nach allem Wissen auf der Welt so schrecklich strebt,

und wissen will, was denn die Welt im Innersten zusammenhält.

Doch all das Wissen, merkt er bald

Ist kaum was wert, wenn doch der Sinn gespannt,

drauf wartet stimuliert zu werden

sich zu verlieben, um daran zu sterben.

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